Die Frage danach, was eigentlich „Heimat“ ist, welche Bedeutung sie für den Einzelnen hat und wie sich ein Gefühl von Heimat unterstützen lässt, ist angesichts der vielen Menschen auf der Flucht sehr aktuell. Auch wenn sich der Begriff schwer definieren lässt, so ist doch unbestritten, dass Menschen eine emotionale Beziehung zu ihrer Heimat entwickeln: Sie verbinden damit Menschen, vor allem Familie, Freundinnen und Freunde, sowie Orte – außerdem Bilder, Geräusche, Gerüche, Begegnungen, Erlebnisse, Kultur, Sprache. Auch Medien spielen eine wichtige Rolle – gerade wenn es darum geht, eine Verbindung zur Heimat herzustellen oder zu halten. Aber warum eigentlich? Und welche Medien genau spielen eine Rolle?
In Deutschland leben derzeit mehr als 16 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund, das sind ca. 20 Prozent der Gesamtbevölkerung.1 Für viele dieser Menschen ist Deutschland, sind die deutsche Kultur und die Menschen, mit denen sie hier zusammenleben, nur ein Teil ihrer Heimat. Sie haben noch eine andere Heimat, zu der sie auch über die Medien Kontakt halten. Das sind zunächst die Massenmedien wie Fernsehen, Radio, Presse und die damit verknüpften Online-Angebote. Die ARD/ZDF-Medienkommission hat 2011 eine bundesweit repräsentative Befragung zur Nutzung von Massenmedien durch Menschen mit Migrationshintergrund durchgeführt und unter dem Titel „Migranten und Medien 2011“ veröffentlicht. Aus dieser Untersuchung geht hervor, dass die Mediennutzung von Menschen mit und denjenigen ohne Migrationshintergrund sich kaum unterscheidet. So ist das Fernsehen das Leitmedium beider Gruppen, die Bedeutung des Internets steigt insbesondere bei den Jüngeren.
Medien-Mix
Darüber hinaus zeigt die Studie, dass der Großteil der Menschen mit Migrationshintergrund deutsche Medien nutzt, nur eine Minderheit wendet sich ausschließlich heimatsprachigen Medien zu. Dabei handelt es sich vor allem um ältere Menschen sowie um Menschen mit geringen Sprachkenntnissen. Dennoch nutzt ein guter Teil auch heimatsprachige Angebote – vor allem im Fernsehen (32 %), aber auch im Internet (18 %). Das heißt also, dass die deutschsprachigen Medien einen Großteil der medienbezogenen Bedürfnisse auch der Bevölkerung mit einem Migrationshintergrund befriedigen können, aber eben offensichtlich nicht alle.
Die öffentlich-rechtlichen Anbieter versuchen, mit speziellen Angeboten Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen, dies gelingt ihnen aber nur zum Teil. Birand Bingül, der 2009/2010 Redaktionsleiter von Cosmo TV (WDR) war, erklärt warum: „Wie wollen Sie eine Gruppe gezielt ansprechen, die so richtig gar nicht existiert? Was den Russlanddeutschen bewegt, interessiert den Türkischstämmigen kaum. Der arme Opi aus der Gastarbeitergeneration hat herzlich wenig gemein mit dem promovierten Global Player. […] So bleiben die Herkunftssprachen und
-kulturen meist der einzige Bezugspunkt.“2 Dennoch haben die Programme und die begleitenden Internetangebote deutscher Medienanstalten mit Fokus auf Menschen mit Migrationshintergrund ihre Berechtigung – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie auch von „Bio-Deutschen“ genutzt werden und diesen die Möglichkeit geben, ihre Mitmenschen mit Migrationshintergrund und deren mediale Interessen und Bedürfnisse besser zu verstehen.
Neben den Programmen der deutschen Medienanstalten gibt es weitere massenmediale Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund. Das sind zum einen die Medienangebote der Herkunftsländer, manchmal auch als „Heimatmedien“ bezeichnet, die über Satellit oder im Internet überall auf der Welt empfangen werden können und die zum medialen Repertoire vieler Menschen mit Migrationshintergrund gehören: beispielsweise türkische Serien, russische Spielshows oder italienisches Radioprogramm.
Ein Gefühl von Zugehörigkeit
Eine wichtige Rolle spielen aber auch die sogenannten „Ethnomedien“, spezielle Angebote für Menschen aus bestimmten Herkunftsländern, z.B. Deutschtürken oder Russlanddeutsche. Diese werden zum Teil in den Herkunftsländern selbst (z.B. die Deutschlandausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet), zum Teil in Deutschland von Mitgliedern der ethnischen Community (z.B. die russlanddeutsche Wochenzeitung Russkij Berlin oder der deutschtürkische Radiosender Radyo Metropol FM) produziert. Diese Medien versuchen, sich an den besonderen Bedürfnissen der in Deutschland lebenden Menschen zu orientieren und ihnen ein Gefühl von Heimat zu geben. Für Tamer Ergün Yikici, Geschäftsführer von Radyo Metropol FM, ist klar: „Ein Türke aus der Türkei kann mit unserem Programm nichts anfangen. Wir sind ein deutschtürkischer Sender, inhaltlich, aber auch emotional.“3 Der Radiosender wurde 1999 in Berlin gegründet und hat inzwischen mehrere Ableger in anderen Großstädten. Neben türkischsprachiger Musik, die ein wichtiger Teil des Programms ist, sowie unterhaltenden und bildenden Wortbeiträgen, sendet das Radio auch Informationen in türkischer und deutscher Sprache, die nicht nur Deutschland und die Türkei betreffen, sondern auch die jeweilige Region, in der gesendet wird, und damit einen Bezug zum konkreten Lebensraum der Menschen herstellen.
Während die Massenmedien zwar immer noch einen wichtigen Platz einnehmen, wenn es um Information und Unterhaltung geht, haben in den letzten Jahren das Internet sowie die mobilen Medien zunehmend an Bedeutung gewonnen. Mit den verschiedenen Kommunikationsangeboten sowie den zahlreichen Tools, die dabei helfen, den Alltag zu organisieren, sind sie zu einem geschätzten und festen Bestandteil des täglichen Lebens geworden.
Für Menschen mit Migrationshintergrund haben vor allem Social Media-Angebote einen hohen Stellenwert. Koen Leurs, der an der Universität Utrecht zum Thema Migration und Medien forscht, hat deren Bedeutung für 13- bis 18-jährige niederländisch-marokkanische Jugendliche untersucht.4 Er wollte wissen, wie die Mädchen und Jungen Social Media nutzen und welche Funktionen die unterschiedlichen Angebote für sie haben. Es zeigte sich, dass insbesondere Diskussions-Plattformen, Instant Messenger (im Untersuchungszeitraum v.a. MSN), Soziale Netzwerkdienste und YouTubefür die Jugendlichen eine wichtige Rolle spielen. So konnte Leurs feststellen, dass viele Jugendliche ethnische Plattformen wie Marokko.nl und Chaima.nl nutzen. Während sich Marokko.nl an Menschen mit marokkanischen Wurzeln richtet, die in den Niederlanden leben, sind die Zielgruppe von Chaima.nl in erster Linie Mädchen mit marokkanischem Hintergrund. Eine 13-Jährige erklärt, was diese Plattformen für sie bedeuten: „It is a sort of support. […] You kind of become more sure of yourself. You just know, yes look we are not the only ones who think this way and so on.”5 Und auch eine 15-Jährige ist der Meinung: „Message boards like Marokko.nl are spaces where one can feel heard and feel appreciated by like-minded people.“6 Die Jugendlichen treffen hier auf andere Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie sie selbst, die ähnliche Erfahrungen machen und sich mit ähnlichen Fragen auseinandersetzen müssen. Ohne viel erklären zu müssen, fühlen sie sich verstanden und akzeptiert. Heranwachsenden, die noch auf der Suche nach der eigenen Identität sind, wird durch diese Plattform die Möglichkeit gegeben, eigene Einstellungen und Wertvorstellungen zu testen und dadurch die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.7 Gerade in einer Zeit, in der einer Gruppe großes Misstrauen entgegengebracht wird – wie zurzeit Menschen, die sich zum muslimischen Glauben bekennen –, scheint es plausibel, dass ein solcher virtueller Ort einen ganz besonderen Wert hat.
Die Beschäftigung mit der kulturellen Zugehörigkeit hat für Jugendliche mit Migrationshintergrund im Hinblick auf ihre Identitätsfindung eine wichtige Bedeutung. Die sozialen Netzwerkdienste bieten ihnen hier vielfältige Möglichkeiten. So kann z.B. in den Profilen anhand des Benutzernamens, von Fotos oder von bestimmten Präferenzen die Verbindung zu einer bestimmten Kultur oder Ethnie deutlich gemacht werden.8 In Bezug auf die von ihm untersuchten niederländisch-marokkanischen Jugendlichen hat Leurs festgestellt, dass einige von diesen bei der Nutzung von Instant Messengern in ihren Chat-Gruppen zwar auf Niederländisch schreiben, dabei aber die arabische Schrift benutzen und damit ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Peergroup deutlich machen und gleichzeitig andere Personen ausschließen bzw. sich von diesen abgrenzen.9
Schließlich spielt für die Jugendlichen auch das Videoportal YouTube eine wichtige Rolle, um ein Gefühl von Zugehörigkeit und Heimat herzustellen. Die 16-jährige Nevra erklärt: „From time to time I watch videos, self-made ones, showing different Moroccan scenes. I kind of enjoy watching those. They make me go back in my mind to Morocco, and every once in a while I like that.”10 Auch wenn sie sich in den Niederlanden zu Hause fühlen, so ist es den Jugendlichen doch auch wichtig, ab und zu eine Verbindung zur Heimat der Eltern, die eben auch ein stückweit die ihrige ist, herzustellen. In den (meist) kurzen Filmen auf YouTube finden sie Bilder, die ihnen dabei helfen, eine Vorstellung von diesem Teil ihrer Heimat und damit verbundenen Erinnerungen aufrechtzuerhalten.
Lokale und globale Kontakte
Koen Leurs führte seine Untersuchung im Zeitraum von 2010-2013 durch. In dieser Zeit konnte er auch eine Veränderung in der Zuwendung zu bestimmten Social Media-Angeboten feststellen. Während sich an der Bedeutung der Diskussionsplattformen Marokko.nlund Chaima.nl wenig änderte, zeigte sich im Hinblick auf die genutzten Sozialen Netzwerkdienste ein anderes Bild. Noch zu Beginn der Erhebungen war der wichtigste und am meisten genutzte Dienst die von zwei Niederländern gegründete Plattform Hyves. Manche Jugendlichen nutzten neben Hyves auch Facebook und befriedigten damit unterschiedliche Bedürfnisse: „Hyves is mostly about what happens in the Netherlands. And on Facebook you have people from all over the world. “11 Um sich mit ihrer lokalen Peergroup über Belange vor Ort auszutauschen, genügte ihnen Hyves. Wenn es aber darum ging, globale Kontakte zu knüpfen oder aufrechtzuerhalten, griffen sie wegen der größeren Reichweite auf Facebookzurück, das eine größere Reichweite hat. Dies änderte sich jedoch im Laufe der Zeit zunehmend zugunsten von Facebook; inzwischen ist Hyveseine Plattform für Games.
In der Ferne, so nah!
Medien bieten Menschen mit Migrationshintergrund verschiedene Möglichkeiten, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen und aus verschiedenen Bestandteilen ihr persönliches Mosaik einer Heimat zu schaffen. Eine besondere Bedeutung haben digitale Medien – das zeigen aktuelle Untersuchungen und Erfahrungen – für Menschen, die sich auf der Flucht befinden. Bianca Weber-Lewerenz, die beim „Runden Tisch Flüchtlingsarbeit Aichtal“ für den Arbeitskreis Dolmetschen, Handy und Internet zuständig ist, glaubt: „Das Handy ist das wichtigste Tool überhaupt.“12
Eine Untersuchung zur Nutzung digitaler Medien durch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die im Auftrag des Deutschen Kinderhilfswerks von Nadia Kutscher und Lisa-Marie Kreß durchgeführt wurde, bestätigt dies. Die Bedeutung der digitalen Medien wird schon im Titel deutlich: „Internet ist gleich mit Essen“.13 Neben praktischen alltagstauglichen und zum Teil lebensnotwendigen Funktionen, die die digitalen Medien und das Internet für diese Menschen erfüllen – wenn sie sich beispielsweise unterwegs und an fremden Orten zurechtfinden müssen –, dienen sie ihnen vor allem auch dazu, den Kontakt zu Familie und Freunden aufrechtzuerhalten, die in ständiger Sorge um die Geflüchteten sind.
Nach der Ankunft im Zielland geht es darum, der zum Teil weit verstreuten Familie in der Ferne so nah wie möglich zu sein. Dabei helfen bildgestützte Telefonate z.B. über Skype oder Viber, aber auch Kommunikation über Facebook oder WhatsApp. Das Ende einer Flucht ist für viele Menschen wieder eine Zeit des Wartens. Sie warten darauf, wie es weitergeht, ob ihr Asylgesuch angenommen wird usw. In dieser Zeit versuchen sie, sich so gut wie möglich in verschiedene Gruppen zu integrieren. Für Kinder und Jugendliche ist dies z.B. die Schulklasse, mit der sie regelmäßig Zeit verbringen. In einem Projekt des JFF – Institut für Medienpädagogik in Übergangsklassen14 zeigte sich, welche Bedeutung diese Übergangszeit und damit verbunden auch die Medien für die Jugendlichen haben. So halten Mitschülerinnen und Mitschüler, die abgeschoben wurden, auch nach ihrer Abschiebung den Kontakt zu ihrer Klasse in Deutschland vor allem über den Messenger WhatsApp. Bei diesen Jugendlichen kann die mediengestützte Verbindung nach Deutschland wiederum eine Stütze bieten, um Sicherheit in einem massiven Umbruch der Lebenssituation zu erhalten.
Medien spielen für Menschen mit Migrationshintergrund eine wichtige Rolle. Mithilfe der Medien gelingt es ihnen, ihre verschiedenen und zum Teil sehr unterschiedlichen Bezugspunkte unter einem Dach zu vereinen, das für sie Heimat bedeutet. Daran haben auch die sogenannten Heimat- und Ethnomedien nach wie vor einen wichtigen Anteil. Zur Befriedigung bestimmter Bedürfnisse sind sie jedoch nicht mehr notwendig. Bilder und Musik aus dem Herkunftsland (der Eltern) stehen je nach persönlichen Präferenzen auf YouTubezur Verfügung. Um sich mit ethnischen Peergroups auszutauschen, ist nicht unbedingt die Nutzung eines entsprechenden ethnischen Internetportals notwendig, diesen Zweck kann auch eine Facebook- oder WhatsApp-Gruppe erfüllen. Menschen auf der Flucht und ihren Familien geben insbesondere die digitalen Medien einen Halt in sehr unsicheren und unberechenbaren Zeiten.