Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Schwarz-weiß Bild auf dem eine Ansammlung von Menschen um eine tanzende Frau steht/sitzt.

Musik als Medium

Wertorientierte Streetwork mit Hip Hop

Natürlich gehören Gespräche über kritische Aspekte des Straßenraps zum Alltag des Szeneteams von Gangway e.V. in Berlin, das seit 18 Jahren die Hip-Hop-Kultur für die Straßensozialarbeit nutzt. „Dagegen diskutieren“ hilft allerdings wenig, wenn Jugendliche Gewalt oder Machoallüren afroamerikanischer Rapper faszinieren; viel effektiver sind neue Erfahrungen und Anregungen wie beim Austauschprojekt BronxBerlinConnection, bei dem die Teilnehmer:innen ihre Realität in Deutschland und in den USA neu reflektierten. Längst geht es Gangway nicht mehr nur um Inhalte der Kultur zwischen Widerstand und Waffenliebe, sondern vor allem um die Erweiterung des Repertoires und der Fähigkeiten der jungen Künstler:innen.

Wir sind Straßensozialarbeiter:innen in Berlin und unser Arbeitsauftrag lautet, benachteiligte Jugendliche zu erreichen, um mit ihnen zu arbeiten. Ich möchte diesen Satz gleich am Anfang formulieren, um in den folgenden Zeilen jegliche pauschalisierende Begriffe zu vermeiden, die wir so oft zu hören bekommen, wenn wir Medienberichte, Zeitungsartikel oder sogar Bücher über eben diese Zielgruppe sehen oder lesen. „Brennpunkte“, „Soziale Benachteiligung“ und mein Lieblingswort „Migrationshintergrund“, das in diesem Kontext natürlich nur für eine regional sehr begrenzte kulturelle Abstammung benutzt wird. Aber was, wenn Sozialarbeiter:innen und Pädagog:innen, die mit Jugendlichen arbeiten und eine Beziehungsebene mit ihnen aufgebaut haben, eben diese Jugendlichen immer wieder auf eine bestimmte Art und Weise beschreiben, wenn das eigentliche Signal doch ein ganz anderes sein sollte? Natürlich gibt es soziale Ungerechtigkeit in Deutschland. Natürlich haben es bestimmte Jugendliche schwerer als andere – und gerade deshalb bedeutet Stärkung durch Projektarbeit, künstlerische Zugänge, Gruppenzusammenhalt etc. das ganz klare Signal, dass jeder Mensch seine Situation verbessern kann, dass sich niemand aufgrund von sozialen Umständen oder kulturellen Hintergründen Grenzen setzen sollte. Jedoch tun wir genau das, wenn wir unsere Zielgruppe durch genau diese immer wiederkehrenden Phrasen beschreiben.

Reibungsfäche für die Weiterentwicklung

Als Mitarbeiter:innen des Szeneteams von Gangway benutzen wir künstlerische Zugänge, um mit Jugendlichen zu arbeiten. Sie alle sind Künstler:innen! Wie lange sie das sein werden, hängt einzig und allein von ihnen ab. Manche sind zwei Jahre dabei, andere ein Leben lang… Nichtsdestotrotz ist es wichtig, hier auf Augenhöhe zu agieren und die Gedanken, Gefühle, künstlerischen Ansätze und natürlich auch die Ergebnisse ernst zu nehmen. Ein unkomplizierter und niederschwelliger Zugang ist hierbei am wichtigsten. Hat man ein breites Spektrum von Angeboten und Möglichkeiten, geht es zunächst darum, die Jugendlichen selbst entdecken zu lassen, was ihnen am meisten Spaß macht.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Jugendliche, die einfach nur mal rappen wollten, wenige Monate später ganz andere Dinge für sich entdeckt haben: vom Produzieren eigener Beats über das Arbeiten in einem professionellen Tonstudio bis hin zum Filmdreh und natürlich auch Schnitt. Junge Künstler:innen haben die Möglichkeit, sich zu entfalten, und entdecken dabei nicht nur neue Interessen, sondern erweitern ihr Repertoire. Darüber hinaus setzen sie sich mit komplexer Soft- und Hardware auseinander und schon ist der Bildungsprozess im vollen Gange. Wenn wir behaupten, dass jede:r tatsächlich lernen kann, dann müssen wir das nicht nur beweisen, sondern auch die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit dies möglich ist.

Während das Elternhaus und der Freundeskreis die Werte und Perspektivenentwicklung von Jugendlichen maßgeblich prägen, spielen andere Einflüsse eine weitere beachtliche Rolle. Natürlich ist es nicht unüblich, dass sich beispielsweise männliche Jugendliche in bestimmten Lebensphasen besonders für Bilder einer gewissen Stärke oder Männlichkeit interessieren, die oft von Medienkonsum und Videospielen beeinflusst werden. Die Vermarktungsstrukturen der großen Hip-Hop-Labels in Deutschland jedoch führen dazu, dass viele von ihnen ihre ohnehin grenzwertigen Vorstellungen und Meinungen als gerechtfertigt und bestätigt ansehen. Um Geld zu verdienen und Märkte zu erschließen, werden die Künstler:innen und deren Produkte von den Labels einfach der jeweilig dominanten Zielgruppe angepasst. Aus der ursprünglichen Funktion von Hip Hop-Kultur als Medienberichterstatterin der Straße bleibt im Mainstream-Hip Hop leider nicht viel übrig.

Genau hier jedoch liegt der Knackpunkt, denn um Werte in der Hip Hop-Kultur zu evaluieren, bedarf es zunächst einer Definition dessen, was Hip Hop-Kultur überhaupt ist und wer ihr zuzuordnen ist. Obwohl der Straßen-Rap einen nur sehr kleinen Teil der Kultur ausmacht, zieht er immer wieder fast die gesamte Aufmerksamkeit auf sich: Fernsehserien, die ihn romantisieren, und Fernsehtalkshows, die ihn dämonisieren und für alles Schlimme in der Welt verantwortlich machen. Könnte es sein, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt?

Türöffner und Reibungsfläche – Straßen-Rap als Werkzeug der Sozialen Arbeit (Foto: Gangway e. V.)

Gespräche und Diskussionen über schwierige Themen gehören zum Arbeitsalltag in unserem Arbeitsfeld. Sie sind wichtiger Bestandteil der Beziehungsarbeit, und wir haben kein Interesse an Zensur. Es ist wichtig, offen und ehrlich über eigene Meinungen und Perspektiven zu sprechen, auch wenn diese manchmal schwer anzuhören sein können. Straßen-Rap ist alleine deswegen schon ein sehr wertvolles Werkzeug, weil er Türen öffnet und Reibungsfläche bietet. Akzeptierende Ansätze in der sozialen Arbeit bedeuten, dass ich Meinungen von Jugendlichen wahr-, ernst- und annehme, um sie in der Folge zu diskutieren und wenn nötig durch Beziehungsarbeit langfristig und nachhaltig zu ändern. Das sind oftmals langfristige Prozesse, die nur dann funktionieren, wenn sie offen, ehrlich und in einem sicheren Rahmen besprochen und reflektiert werden können. Habe ich es geschafft, eine Beziehungsebene zu den teilnehmenden Jugendlichen aufzubauen, können diese Gespräche immer wieder genutzt werden, um die eigene Haltung zu verdeutlichen. Neue Meinungen, Herausforderungen, Erfahrungen und schließlich auch neue Inhalte animieren Denkprozesse, die Jugendlichen helfen können, ganz alleine auf neue Ideen zu kommen und Bisheriges gegebenenfalls anzuzweifeln.

Plattform für internationalen Austausch

Hip Hop-Kultur trägt die DNA von Sklaverei, Rassismus, tiefer sozialer Ungerechtigkeit, Jazz, Blues, Gospel, Funk, Latin Music und allem, was sich sonst in der South Bronx der 70er- und 80er-Jahre tummelte, in sich. Zwischen ausgebrannten Ruinen und einer gänzlich fehlenden sozialen Infrastruktur war es hier, wo die ersten breakdance moves erfunden und die ersten characters ihren Weg auf U-Bahn-Waggons fanden, die diese später (zur „Beunruhigung der Bürger“) bis zur Wall Street ins innerste Manhattan transportierten. Die stets wiederkehrenden Rap-Narrative derer, die sich als „Underdogs vom Rande der Gesellschaft“ bezeichnen, beziehen sich also nicht nur auf die Künstler:innen, sondern viel mehr auf die Kultur als Ganzes und sie geben uns die Möglichkeit, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, die sich genau aus diesem Grunde mit dieser Kultur verbunden fühlen.

Die Ambivalenz dessen, was Jugendliche unter „Hip Hop-Kultur“ verstehen, bleibt beachtlich. Obwohl die Playlist der meisten von ihnen zum Großteil aus Straßen-Rap besteht, wissen sie ebenso, wer Martin Luther King und Malcolm X waren und dass da irgendeine Verbindung besteht. Desto beachtlicher ist der Fakt, dass Hip Hop-Projekte nicht bereits eine weitaus größere Rolle in der politischen Bildung spielen. Wie aber gehen wir damit um, wenn Jugendliche Gewaltsituationen romantisieren, so wie es ihnen in etlichen Netflix-Serien, Rap-Songs, dem Freundeskreis, dem Elternhaus und vielen anderen Kanälen vorgemacht wird? Im Rahmen unserer Arbeit entschieden wir uns im Jahre 2008 aus diesem Grund, mit einer damals 15-köpfigen Gruppe von Jugendlichen nach New York City, in das Hip Hop-Mekka der Welt, zu fahren. Hintergrund der Idee waren nicht nur immer wiederkehrende Gespräche, in denen Jugendliche Dinge von sich gaben wie „Ich hätte auch gern ´ne Knarre wie die coolen Typen in Harlem“, sondern vielmehr der erschreckende Fakt, dass viele der Jugendlichen afroamerikanische Kultur und Menschen mit Gewalt, Machoallüren und all den anderen Dingen gleichsetzen, die über die Massenmedien und PR-Agenturen der lukrativen Hip Hop-Labels an sie heran getragen werden.

Bedarfsorientiertes Handeln bedeutet, effektive Methoden zu finden, um diesen Dingen zu begegnen. Ein bloßes „Dagegen diskutieren“ bringt aus unserer Sicht wenig, denn es verhärtet Fronten und wird erwartet. So machten wir uns auf den Weg nach New York City, um in den Boroughs der Stadt, von der South Bronx bis nach Brooklyn, mit Jugendlichen und Bürger:innen zu sprechen, die von Waffengewalt, Armut und sozialer Ungerechtigkeit betroffen leben. Wir trafen uns mit diversen Hip Hop-Ikonen der ersten Stunde, die davon berichteten, wie dieser Melting Pot der Kulturen, diese Stadt, die niemals schläft, mit all ihren wunderbaren und gleichzeitig schrecklichen Gegensätzen, das erschuf, was heute immer noch Millionen von Jugendlichen in ihren Bann zieht. Da Projekte durch gute Netzwerkarbeit beachtlich schnell wachsen können, dauerte es nicht lange, bis wir in der Lage waren, die erste Gruppe Jugendlicher aus New York City in Berlin begrüßen zu dürfen. Eine transatlantische internationale Begegnung und Erfahrung bedeutet eine neue Selbstwahrnehmung für Jugendliche, die es bis dato nicht vermochten, ihre eigene Stadt oder vielleicht sogar ihren eigenen Stadtteil zu verlassen. Plötzlich stehen sie auf einem neuen Kontinent, sind konfrontiert mit neuen Sprachen, neuen Kulturen – und trotzdem ist da diese Gemeinsamkeit, die fast wie eine gemeinsame Sprache agiert.

Viele positive side-effects

Hip Hop-Kultur als Plattform für internationale Austausch-Arbeit ist das Fundament, auf dem sich alle bewegen. Workshops mit Aktivist:innen aus verschiedensten Netzwerken geben neue Eindrücke, bilden neue Erfahrungen und Kreativ-Workshops münden in gemeinsamen Werken und Auftritten. Die Welt ihrer Peers mit der eigenen abzugleichen, führt dabei nicht selten zu einer neuen Reflexion der eigenen Realität in Deutschland oder den USA.

Was mit einer fast einjährigen Vorbereitungszeit – gefolgt von dem 10-tägigen Besuch der jeweils anderen Stadt – begann, mündet darin, dass sich Jugendliche, geprägt von einer veränderten Selbstwahrnehmung, neue Ziele setzen. „Ich hab´ es gerade bis nach New York/Berlin geschafft”…, „Was kommt als Nächstes?”. Seit unserer ersten Reise nach New York – und entgegen der ursprünglichen Idee – haben wir mit dem Projekt nie aufgehört. Bis dato waren 14 Gruppen aus Berlin in New York und 6 Gruppen aus New York hier bei uns in Berlin. Das Projekt heißt BronxBerlinConnection und als erstes großes internationales Netzwerk bedeutete es gleichzeitig den Beginn anderer Austauschprojekte, die wir seitdem in Paris, London, Barcelona, Johannesburg, Nairobi und Detroit durchführen konnten.

Das eigene Repertoire vergrößern Gangway e. V. Gruppenbild bei einer internationalen Begegnung BronxBerlinConnection 2021. (Foto: Gangway e. V.)

Was im Rahmen von Straßensozialarbeit auf den Straßen von Berlin vor knapp 18 Jahren begann, führte heute zu einem eigenen Arbeitsfeld innerhalb aufsuchender Sozialarbeit. Wo wir am Anfang mit Rap-Projekten und Kreativem Schreiben begannen, haben wir die letzten 18 Jahre nutzen können, um Ressourcen und Netzwerke zu bauen, um den inhaltlichen Fokus der Projektarbeit zu vergrößern. Heute geht es nicht mehr nur um Inhalte von Rap-Texten, sondern vielmehr auch darum, das eigene Repertoire zu vergrößern und sich neue Fähigkeiten anzueignen – Fähigkeiten, die z.T. naheliegen, aber aufgrund der fehlenden eigenen Ressourcen der Jugendlichen oft nicht verfolgt werden können.

Junge Rapper:innen brauchen immer Beats: Warum also nicht lernen, selbst zu produzieren? Musikvideos sind immer sehr begehrt: Warum also nicht lernen, selbst welche zu drehen und zu schneiden – und, wenn wir schon dabei sind, was ist eigentlich mit Fotografieren? In unserer Kreativetage und unserem Musikstudio haben junge Teilnehmer:innen die Möglichkeit, genau dies zu tun. Ergeben sich neue Bedarfe und Ideen, setzen wir sie gemeinsam um. Dozent:innen stehen den Jugendlichen bei Bedarf zur Seite, um sie zu unterstützen, aber die Arbeit machen die Teilnehmer:innen selbst. Sozialarbeiter:innen stehen unterstützend zur Verfügung und kümmern sich um Dinge, die außerhalb des kreativen Schaffens anstehen: von der Wohnungssuche bis hin zu prekären Krisensituationen.

Wir freuen uns, wenn junge Künstler:innen Halt und Selbstvertrauen in ihrem kreativen Schaffen finden und neue Fähigkeiten entwickeln, aber natürlich ist es immer auch ein bisschen Mittel zum Zweck. Dieser ist es immer, Jugendliche an uns zu binden, um zu helfen und sie – zumindest ein Stück weit – auf ihren Lebenswegen zu begleiten. Dabei machen wir ab und zu Umwege und Abstecher nach Detroit oder NYC, aber der Fokus liegt immer auf dem Ankommen!