Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Im Vordergrund ist ein Mischpult in einer Regie beim Fernsehen zu sehen, im Hintergrund in der Unschärfe eine Person, die moderiert.

Nicht besser, aber auch nicht schlechter

Journalisten mit Migrationsgeschichte in den deutschen Medien

Jeder fünfte Deutsche kommt aus einer Einwandererfamilie, in den Medien sind Migranten und ihre Nachkommen jedoch stark unterrepräsentiert: Unterschiedlichen Schätzungen zufolge haben gerade einmal ein bis vier Prozent der Medienschaffenden einen sogenannten Migrationshintergrund. Doch warum arbeiten so wenige Menschen mit Migrationsgeschichte in Rundfunk und Presse und wie lässt sich das ändern?

Dunja Hayali und Mitri Sirin moderieren das ZDF-Morgenmagazin, Khuê Pham schreibt für DIE ZEIT, Yared Dibaba ist Talkmaster beim NDR Fernsehen und Deniz Yücel berichtet für die Welt-Gruppe aus der Türkei. So unterschiedlich die Formate und Medien sind, für die diese Journalistinnen und Journalisten arbeiten, haben sie doch eines gemeinsam: Sie alle gehören zur Gruppe der Medienschaffenden aus Einwandererfamilien. Obwohl einige der Namen durchaus prominent sind, bildet diese Gruppe doch die große Ausnahme. Auch wenn die deutsche Gesellschaft mittlerweile sehr vielfältig ist, spiegelt sich diese Vielfalt dennoch wenig in den Redaktionsstuben deutscher Medien wider.

Sonderzone der Gesellschaft

Je nach Schätzungen liegt der Anteil von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte hierzulande zwischen einem und maximal vier Prozent – und das angesichts der Tatsache, dass jeder fünfte Einwohner Deutschlands einen sogenannten Migrationshintergrund hat.1 Selbst im öffentlichen Dienst arbeiten mehr Menschen aus Einwandererfamilien. Damit, so der selbstkritische Kommentar des stellvertretenden ZEIT-Chefredakteurs Bernd Ulrich, bildeten die Medien „eine Sonderzone der Gesellschaft“2. Wie groß diese Sonderzone genau ist, lässt sich nicht exakt bestimmen, denn konkrete Untersuchungen zu diesem Thema gibt es kaum. Allerdings kam eine Studie zu Printmedien in Deutschland schon 2009 zu dem Schluss, dass in 84 Prozent der deutschen Tageszeitungen kein einziger Kollege mit Migrationshintergrund arbeitet.3

Diese Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Deutschen Redaktionen fällt es immer noch schwer, das Potenzial von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte zu erkennen und zu nutzen. „Denn es braucht vor allem Mut, dem Publikum ungewöhnliche Namen und ungewohnte Stimmen zu präsentieren“, stellt etwa die Journalistin Katsiaryna Artsiomenka fest.4 Dieser Mut könnte allerdings gewürdigt werden. So ergab etwa eine Umfrage der Europa-Universität Viadrina von 2015, dass Sprecherinnen und Sprecher mit Akzent im deutschen Rundfunk als überwiegend positiv empfunden werden.5

Ist es also vor allem die Angst der Verantwortlichen in den Medien vor einer vermeintlichen Überforderung des Publikums? Jein. Verschiedene Gründe tragen dazu bei, dass es in den Medien so wenige Migranten gibt. Zum einen stammen die meisten Journalisten in Deutschland aus bürgerlichen Familien, die meisten Kinder von Einwanderern aber nicht. So fehlen ihnen nicht nur Vorbilder aus dem eigenen, engen Umfeld, sondern auch entscheidende Kontakte. Und schlagen diese eine akademische Laufbahn ein, dann sind es vor allem klassische Aufsteigerberufe wie Ingenieur, Mediziner, Jurist und Betriebswirt (dies gilt im übrigens auch für Kinder aus Arbeiterfamilien). Zum anderen gibt es aber in den Medien selbst immer noch Vorurteile, treffen Bewerbungen von Menschen mit ausländisch klingenden Namen ein. So absurd die Frage scheinen mag, ob diese Bewerber ausreichend Deutsch beherrschen, so hartnäckig hält sie sich doch in einigen Fällen.

Kultur und Sport können wir auch

Schon seit geraumer Zeit gibt es Bemühungen, die Lücke zu schließen. Vorreiter beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist hier der WDR, der bereits 2005 die journalistische Talentwerkstatt WDR grenzenlos6 ins Leben rief, ein Programm, das sich speziell an junge Journalistinnen und Journalisten aus Einwandererfamilien richtet. In Berlin bietet das Bildungswerk Kreuzberg7 eine bikulturelle crossmediale Journalismusausbildung für Migrantinnen und Migranten an und die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt mit ihrem Stipendienprogramm Medienvielfalt, anders8 junge Studierende mit Migrationsgeschichte auf ihrem Weg in den Journalismus. 2007 plädierte die Bundesregierung im Nationalen Integrationsplan dafür, mehr Menschen mit Migrationsgeschichte in die deutschen Medien einzubinden.

2009 gründete sich zudem der Verein Neue deutsche Medienmacher (NdM)9. Er engagiert sich nicht nur für mehr Vielfalt in den Medien, sondern vernetzt auch Journalistinnen und Journalisten aus Einwandererfamilien, die sich in ihren Redaktionen oft allein auf weiter Flur fühlen, da sie nicht selten nur aufgrund ihrer Herkunft auf sogenannte Integrationsthemen abonniert sind. „Ein Journalist mit Zuwanderungsgeschichte kann auch über Steuerpolitik berichten oder Parlamentsberichterstatter sein. Kultur und Sport können wir auch.“, sagt etwa NdM-Gründungsmitglied Marjan Parvand, Redakteurin bei ARD-Aktuell.10

Inzwischen gehören etwa 1.200 Medienschaffende dem Netzwerk an, gut 250 Mitglieder hat der Verein. Die Mitglieder tauschen sich bundesweit in lokalen Netzwerken darüber aus, wie die deutschen Redaktionen diverser werden können, aber auch zur Frage, wie differenzierter über die Themen Migration und Integration berichtet werden kann. Denn viel zu oft wird eben jene Berichterstattung durch Klischees geprägt, werden die immer gleichen Kopftuch-Bilder benutzt, um Artikel über Ausländerthemen zu bebildern, oder betende Männer in einer Moschee gezeigt, wenn es um den Islam gehen soll. Mehr Journalisten mit Migrationsgeschichte in den Redaktionen könnten hier für eine weniger stereotype Perspektive sorgen. Entsprechend haben die Neuen deutschen Medienmacher ein Mentoring-Programm ins Leben gerufen, das Nachwuchsjournalisten aus Einwandererfamilien die Tür zur Medienwelt öffnen soll. Seit 2016 steht das Programm auch geflohenen Kolleginnen und Kollegen offen.

Vorbilder auf dem Weg in die Medien

Dass der Schritt in diese Medienwelt gelingen kann, zeigen prominente Beispiele wie Ingo Zamperoni (ARD), Yassin Musharbash und Alice Bota (beide DIE ZEIT) oder Hasnain Kazim (DER SPIEGEL). Sie alle haben sich als Journalisten fernab der Nische etabliert und üben so eine Vorbildfunktion für junge Migranten aus, die überlegen, den Weg in die Medien anzutreten.

Beispiele wie das von Dunja Hayali zeigen aber auch, dass Journalisten mit Migrationsgeschichte, die in der Öffentlichkeit stehen, nicht selten zum Ziel rassistischer Anfeindungen werden können. So sieht sich die Journalistin vor allem in den sozialen Netzwerken, aber auch in Zuschauerzuschriften regelmäßig Hasskommentaren ausgesetzt, deren Aggressivität erschreckt. Hayali, die in diesem Jahr in der Kategorie „Beste Information“ mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet wurde, setzte bereits vor dem Landgericht Hamburg durch, dass ein Facebook-Nutzer keine Hass-Postings mehr gegen sie verfassen durfte. Gleichzeitig geht sie offen mit der Hetze um, die sie tagtäglich erlebt, und erfährt auf diese Weise breite Unterstützung.

Andere Journalisten mit Migrationshintergrund bringen das Thema gleich auf die Bühne: Unter dem Titel Hate Poetry feiert ein Format Erfolg, bei dem unter anderem die Journalisten Mely Kiyak, Yassin Musharbash, Deniz Yücel und Özlem Topçu rassistische Leserbriefe vorlesen. Die Show ist bereits durch ganz Deutschland getourt, 2014 wurde das Gründungsteam vom Medium Magazin in der Kategorie „Sonderpreis“ als Journalisten des Jahres ausgezeichnet. „Hate Poetry ist zur Marke und zum Vorbild für andere Redaktionen geworden: witzig, klug, unterhaltsam, schockierend und Augen öffnend. Er hilft zudem den betroffenen Journalisten, mit rassistischen Anfeindungen umzugehen.“, hieß es in der Begründung der Jury.11

Vom Ausländer- zum Integrationsprogramm

Journalistinnen und Journalisten, die derartige Leserbriefe oder Zuschauerzuschriften bekommen, haben – so könnte man zynisch kommentieren – zumindest eines geschafft: den Schritt aus der Nische in die breite Öffentlichkeit. Dabei kamen Einwanderer noch vor gar nicht allzu langer Zeit vor allem in „Gastarbeiter“-Sendungen vor und hier meistens als freie Mitarbeiter. Diese Formate des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurden im Zuge der Zuwanderung durch sogenannte „Gastarbeiter“ eingerichtet – sie sollten ihnen helfen, den Kontakt zum Heimatland zu halten, sowie als „als Orientierungshilfe für eine mögliche Rückkehr“12 dienen.

Schon 1964 startete das tägliche „Gastarbeiter“-Programm, das gemeinsam vom Bayerischen Rundfunk (BR) und dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) produziert und von den anderen Landesrundfunkanstalten teilweise oder ganz übernommen wurde. Drei Stunden dauerten die Sendungen der unterschiedlichen Hörfunkwellen, die auf Italienisch, Griechisch und Türkisch sowie in den jugoslawischen Sprachen in unterschiedlicher Länge ausgestrahlt wurden und eine hohe Akzeptanz in den entsprechenden Zuwanderergruppen genossen: So hörte etwa einer repräsentativen Studie im Sendegebiet des WDR aus dem Jahr 1990 zufolge damals nahezu die Hälfte der türkischen Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen Köln Radyosu, die Sendung in türkischer Sprache, die der WDR federführend für die ARD produzierte.13

Mit der Verbreitung von immer mehr Satellitenempfängern und der daraus folgenden Möglichkeit für Einwanderer, ihre Heimatprogramme zu empfangen, brach die Reichweite dieser „Gastarbeiter“-Programme Anfang der 1990er-Jahre allerdings erheblich ein. Gleichzeitig fand ein Paradigmenwechsel statt: Die sogenannten „Ausländerprogramme“ sollten nun einen Fokus auf ihren integrativen Charakter legen und ein breiteres Publikum ansprechen. Ergebnis dieser Überlegungen waren die ganztägigen Integrationsprogramme Radiomultikulti (1994) und Funkhaus Europa (1999) vom WDR, des damaligen Sender Freies Berlin (heute: rbb) und von Radio Bremen. In ihnen wurden tagesbegleitende Sendungen in der gemeinsamen deutschen Sprache mit Zielgruppensendungen in den jeweiligen Muttersprachen kombiniert.

Blick über den Tellerrand

2003 verabschiedete sich die ARD schließlich von der Gemeinschaftsaufgabe Ausländerprogramme, auch wenn die ehemaligen muttersprachlichen Sendungen zum Teil erhalten blieben. Ende 2008 wurde zudem Radiomultikulti vom rbb aus finanziellen Gründen eingestellt – ein herber Schlag für die vielfältige Medienlandschaft, betraf die Schließung der Welle doch nicht zuletzt vor allem Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte, die aus den bereits genannten Gründen in den Mainstream-Angeboten kaum eine neue Stelle fanden.

Denn hier – und das gilt bis heute – wird von den Medienschaffenden mit Migrationshintergrund ein hohes Maß an Assimilation verlangt, und dies „mit dem Erhalt einer journalistischen ‚Qualität’ begründe(t), in der die Interkulturalität kein Kriterium ist“14, wie die Journalistin Mercedes Pascual Iglesias feststellt. Noch immer leiden sie darunter, nicht über die gleichen Kontakte wie Kollegen ohne Migrationshintergrund zu verfügen, bilden prekäre Arbeitsverhältnisse und Vorurteile von Programmverantwortlichen Hürden beim Einstieg in den Beruf. Hier lohnt ein Blick ins Ausland: So fasste etwa in den USA der amerikanische Berufsverband der Zeitungsredakteure schon 1978 einen Grundsatzbeschluss, demzufolge sich bis zum Jahr 2000 die Vielfalt der ethnischen Bevölkerung auch in den Redaktionen widerspiegeln sollte. Im Gegensatz dazu war es in Deutschland eine Premiere, „als die WDR-Redakteurin Aysim Alpman nach 27 Jahren Tätigkeit zum ersten Mal 1993 einen Kommentar in der Tagesschau sprach – zu den Anschlägen von Solingen“15, so der Autor und Reporter Miltiadis Oulios. Und Pro 7 habe zu jener Zeit Arabella Kiesbauer noch als „erste farbige Talkmasterin“ beworben.

Ganz so exotisch wirken Migrantinnen und Migranten in den Medien heutzutage glücklicherweise nicht mehr, sodass nur noch in jedem zweiten Artikel auf die irakischen Eltern von Dunja Hayali, die griechischen Wurzeln von ARD-Moderatorin Linda Zervakis oder die ägyptische Abstammung von Aiman Abdallah (Pro 7) hingewiesen wird. Dabei scheint es durchaus Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen zu geben. Sind wie bereits erwähnt in vielen Tageszeitungen Journalisten ohne Migrationshintergrund ganz unter sich, sind die Chancen und Möglichkeiten in Online-Medien und dem Fernsehen etwas größer. Hier schneiden vor allem die Privatsender besser ab, denn sie haben schon früher erkannt, dass sich ihr Publikum auch auf der Mattscheibe wiederfinden will. Die Erhöhung des Anteils von Journalisten mit Migrationsgeschichte wird somit auch ein Schritt beim Kampf um Reichweiten und Quoten. Doch auch ohne wirtschaftliche Überlegungen bleibt die Tatsache bestehen, dass sich bei der derzeitigen personellen Besetzung vieler Redaktionen ganze gesellschaftliche Gruppen nicht repräsentiert fühlen.

Dennoch reichen die bisherigen Anstrengungen – blickt man auf die Zahlen – offensichtlich nicht aus, damit Medienschaffende mit Migrationsgeschichte journalistischer Alltag werden. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang über die Einführung einer entsprechenden Quote nachgedachte – eine Diskussion, die auch unter Journalisten aus Einwandererfamilien durchaus kontrovers diskutiert wird. Unabhängig davon wäre schon viel getan, würde flächendeckend anerkannt, dass mehr Vielfalt in den deutschen Redaktionen eine zwangsläufige Entwicklung ist, wollen Medien ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. Es lohnt sich entsprechend für die Redaktionsverantwortlichen, den Slogan der Neuen deutschen Medienmacher ernst zu nehmen: „Wir sind nicht die besseren Journalisten. Aber auch nicht die schlechteren.“


Anmerkungen
  1. 1. Statistisches Bundesamt (2014): Ergebnisse des Mikrozensus, S. 7, www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund2010220147004.pdf?__blob=publicationFile, Wiesbaden.
  2. 2. Bax, Daniel (2013): Migranten in den Medien. Die andere Parallelgesellschaft, taz, www.taz.de/!5066593/, Berlin.
  3. 3. Geißler, Rainer/Pöttker, Horst (2009): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland, Band 2: Forschungsbefunde, Bielefeld.
  4. 4. Pöttker, Horst/Kiesewetter, Christina/ Lofink, Juliana (2016): Migranten als Journalisten? Eine Studie zu Berufsperspektiven in der Einwanderungsgesellschaft, S. 9, Wiesbaden.
  5. 5. Arbter, Elena/Utrecht, Laura (2015): Fremdsprachige Akzente in den deutschen Medien. Eine Studie zur Wahrnehmung, Bewertung und Präsenz von Sprechern mit fremdsprachigem Akzent in den deutschen Rundfunkanstalten, Frankfurt (Oder).
  6. 6. www1.wdr.de/wdr-migration/wdr-grenzenlos100.html.
  7. 7. www.bwk-berlin.de/weiterbildung/journalist-in.
  8. 8. www.boell.de/de/junge-migrantinnen-und-migranten-den-journalismus.
  9. 9. www.neuemedienmacher.de.
  10. 10. Kotte, Hans-Hermann (2009): Der andere Blick: Journalisten mit Migrationshintergrund, Frankfurter Rundschau, www.fr-online.de/medien/journalisten-mit-migrationshintergrund-der-andere-blick,1473342,3168172.html, Frankfurt (Main).
  11. 11. Medium Magazin (2014): Journalisten des Jahres, www.mediummagazin.de/aktuelles/die-journalistin-des-jahres-2014-golineh-atai-wdrard/, Frankfurt (Main).
  12. 12. Zambonini, Gualtiero (2009): Medien und Integration. Der ARD-Weg: Vom „Gastarbeiter“-Programm zur Querschnittsaufgabe, www.ard.de/download/463500/ARD_Jahrbuch_09__Medien_und_Integration.pdf.
  13. 13. Ebd.
  14. 14. Oulios, Miltiadis: Journalisten mit Einwanderungsgeschichte in deutschen Massenmedien – unterrepräsentiert oder auf dem Vormarsch?, in: WISO Diskurs (2010): Zur Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft, Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, S. 29.
  15. 15. Ebd.