In der pädagogischen Praxis hat der Begriff „Partizipation“ Hochkonjunktur. Auch in der Filmarbeit ist er angekommen. Kinder und Jugendliche machen selber Filme, sind Filmkritiker oder Juroren und organisieren Filmprogramme ganz nach ihrem Geschmack. Dabei lernen sie jede Menge über das Medium Film und entwickeln ganz nebenbei ihr Rüstzeug für soziokulturelles Engagement wie auch für die eigene Meinungsbildung und Interessenvertretung.
Solch eine Situation kennen Sie sicherlich: Zweimal macht man Ihnen geduldig etwas vor, sagen wir beispielsweise wie man einen Palstek, einen wichtigen Seglerknoten, knüpft; dann versuchen Sie es selber – und bekommen es trotz vorheriger aufmerksamer Beobachtung nicht hin. Nun behalten Sie das Seil in der Hand und machen den Knoten selber, Schritt für Schritt und mit kompetenter Begleitung. Jetzt klappt´s und die Funktionsweise bleibt auch noch im Gedächtnis haften. Das Prinzip des handelnden Lernens, bei dem theoretisches wie auch praktisches Wissen im Prozess der tätigen Aneignung eines Gegenstandsbereichs erworben wird, ist heute längst für die Medienarbeit zentral.
Seit weit über 40 Jahren gilt aktive Videoarbeit in der pädagogischen Fachwelt als wirksame Methode zur Vermittlung von Medienkompetenz und zur Entwicklung von Kreativität. Zugleich kann sie zur politischen Partizipation Jugendlicher beitragen und Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben. Heute wird Videoarbeit aber vor allem auch als wesentlicher Teil der Filmbildung in Schulen und in der außerschulischen Arbeit verstanden. Durch die eigene Produktion lernen Kinder und Jugendliche sowohl die Hintergründe einer Filmproduktion kennen, als auch die Sprache der bewegten Bilder zu verstehen und sich damit auszudrücken.
In den politisch bewegten 70er- und auch 80er-Jahren organisierten junge Leute in großer Zahl ihre eigenen Filmveranstaltungen – bis das Hightech-Blockbuster-Kino in den Multiplexkinos ihr Interesse auf sich zog. Danach wurde Jugendkino meist vertikal, also von Erwachsenen für Kinder oder Jugendliche, organisiert, wobei sich die Initiatoren von Schulkinoprogrammen der Kinderfilmfeste stets fragten, wie denn die Zielgruppe ihrer Bemühungen über die gezeigten Filme denkt und nach Partizipationsmöglichkeiten suchten.
Mission Mitmischen
Nicht zuletzt die Beteiligungschancen durch das Internet brachten wieder frischen Wind in die pädagogisch motivierte Filmarbeit, sodass Partizipationsangebote heute wieder voll im Trend liegen. Zudem entstanden durch das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Förderprojekt MOVIES IN MOTION – MIT FILM BEWEGEN in den letzten Jahren zahlreiche Angebote, bei denen Kinder und Jugendliche zusammen mit dem Bundesverband Jugend und Film (BJF) und mit lokalen Bündnispartnern eigene Filmveranstaltungen organisierten.
Besonders bemerkenswert ist hier sicherlich ein Festival, bei dem die Kleinen ganz groß rauskommen: LITTLE BIG FILM in Nürnberg wird von Kindern kuratiert. 13 Neun- bis Dreizehnjährige organisieren über den Zeitraum eines Dreivierteljahres das wunderbare Festival von Kindern für Kinder maßgeblich mit. Sie treffen – natürlich immer mit Unterstützung von Fachleuten – aus einem Filmangebot nach langen Filmsichtungen eine begründete Auswahl, schreiben Texte für das Programmheft, drehen einen Festivaltrailer und leiten die Pressekonferenz. Während des Festivals moderieren sie die Kinder-Filme an und führen das Gespräch, wenn Gäste eingeladen sind.
Aber auch andere Formen aktiver partizipativer Filmarbeit haben in den letzten Jahren Furore gemacht. Von der Kplus-Sektion der Berlinale bis zum KIKIFE im Schwäbisch Gmünd − alle großen und viele kleinen Festivals nehmen die Meinung von Kindern und Jugendlichen wichtig und haben mittlerweile Kinderfilm-Jurys am Start. Beim Kinderfilmfest CINEPÄNZ in Köln beispielsweise verständigte sich die von Pädagogen betreute Jury an einem Vortreffen auf kindgerechte Qualitäts- bzw. Bewertungskriterien (z.B.: Ist der Inhalt des Filmes gut zu verstehen?, Entspricht das Dargestellte der Erfahrungs- und Erlebniswelt von Kindern?, Regt die Geschichte dich zum Träumen an, macht sie dir Mut?, Hast du Neues gelernt oder entdeckt?, Findest du den Film unterhaltsam?, Traurig?, Langatmig?, Kurzweilig?, Wie haben dir die Bilder gefallen?, etc.). Anhand eines auf dieser Grundlage erstellten Fragekatalogs werden die Wettbewerbsfilme jeweils im Anschluss an den Film überprüft und diskutiert. Schließlich wird gemeinsam eine Entscheidung über die Preisvergabe getroffen.
Immer mehr Verbreitung finden heute auch Projekte der aktiven Medienkritik. Dass auch junge Leute filme kritisch unter die Lupe nehmen können zeigte mit Beginn des Internet bereits 1999 das Magazin „Kriki-Online“, das sich ein paar Jahre später zum Jugendkritikerprojekt SPINXX mit zahlreichen über das Land verteilten Redaktionen mauserte. Kindern und jungen Leuten zwischen 10-18 Jahren bietet die Online-Plattform des jfc Medienzentrums www.spinxx.de die Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung mit aktuellen Medienproduktionen und zur Veröffentlichung ihrer Medienkritiken (Schwerpunkt Film- und TV). Mittlerweile gibt es weitere Projekte mit ähnlichem Ansatz, seien es zum Beispiel die JUGEND FILMJURY der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) oder die Freie GENERATION REPORTER der Berlinale.
Das Lernen über Film klappt also besonders gut, wenn Kinder und Jugendliche dabei aktiv werden können. Nebenbei entwickeln sie im Rahmen ihres soziokulturellen Engagements vielfältige gesellschaftlich relevante Fähigkeiten. Hoffen wir, dass Mitbestimmung und Mitgestaltung im Filmbereich immer mehr zu einer beliebten Praxis für junge Leute werden.