Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein KI erstelltes Bild, dass verschwommene Personen vor einem Lila Hintergrund zeigt, in dessen Mitte ein weißes "Messages" Symbol prangert

Parolen Paroli

Verbalcourage entwickeln analog und digital

Wer wünscht sich nicht, schlagfertig und möglichst pfiffig auf dumme Sprüche im Real Life reagieren zu können und auch bei Hassbotschaften im Netz immer eine selbstbewusste Replik parat zu haben. Die Kunst der Gegenrede ist gar nicht so einfach – doch Techniken und Strategien zur Förderung von Zivilcourage lassen sich erlernen – zum Beispiel im Seminar „Parolen Paroli“, bei dem die Teilnehmer:innen ermutigt werden, auf der Basis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ihre Stimme zu erheben gegen Diskriminierung und soziale Abwertung.

Wofür lohnt es sich eigentlich, sich einzumischen? Wenn wir diese Frage in unseren Live- oder Online-Workshops „Parolen-Paroli“ stellen, wird es meist ruhig und besinnlich. Die Suche nach den Gründen, Verbalcourage zu zeigen, wenn andere Menschen – im analogen oder digitalen Leben – in unserem Beisein abgewertet werden, gestaltet sich nicht immer so einfach. Manche Teilnehmer:innen brauchen zunächst eine gewisse Zeit, um herauszufinden, wie eigentlich ihre tiefen inneren Wertvorstellungen sind, aus denen heraus sie zu rassistischen oder diffamierenden Sprüchen Stellung beziehen können, egal ob im Netz oder im Alltag. Oft haben wir keine Zeit, uns darüber klar zu werden, aus welcher persönlichen Motivation heraus wir handeln oder uns äußern. Oder es gibt auch eine gewisse Scham, so grundlegende Werte wie Gleichberechtigung oder Nächstenliebe mal – wieder – deutlich und innerhalb einer Gruppe zu benennen. Doch die Reise zu unserem Überzeugungskern lohnt sich. Denn wir können dadurch nochmal schauen, wie eigentlich unserer moralisch-ethisches Gerüst aufgebaut ist, das uns hilft, die Äußerungen anderer einzuordnen und uns zu ihnen zu positionieren.

Während eines Workshops meinte eine Teilnehmerin, jetzt sei ihr überhaupt erst klar geworden, weshalb sie gerne Stellung, beispielsweise gegen Stammtischparolen, bezieht. Sie habe das zwar immer mit viel Engagement und Energie gemacht, aber offenbar gar nicht genau gewusst, warum sie das tat. Die Beantwortung der Frage nach ihren inneren Beweggründen hat ihr anscheinend weitergeholfen. Nach einiger Überlegung wurde ihr klar, dass ihre Überzeugung von der Gleichwertigkeit aller Menschen auf der Welt einer ihrer kraftvollen Motoren ist, mit denen sie Diskussionen in Gang setzt oder bestreitet.

Von innen nach außen

Wenn wir genau bzw. recht genau benennen können, was uns an unserem Zusammenleben – auch global gesehen – wichtig ist oder wie wir es gerne gestaltet haben möchten, fällt es uns oft leichter, unseren eigenen Text in die Welt zu geben. Denn wenn ein menschenverachtender Spruch fällt oder geschrieben ist, können wir diesen mit unseren Überzeugungen abgleichen und recht zügig eine Haltung dazu entwickeln. Und diese dann auch bald äußern bzw. sie als Grundlage dafür nehmen, ein Gespräch aufzubauen und zu führen. Dieser innere Kompass gibt mehr Sicherheit und Kraft, im Grunde genommen eigene Stärke, unsere Meinung kundzutun.

Eine der möglichen grundlegenden Kompasseinstellungen kann beispielsweise auch das Grundgesetz sein oder der Erhalt unserer Demokratie, die übrigens eine von den wenigen vollständigen auf der Welt ist.

Laut der britischen Wochenzeitung „The Economist“ rangiert Deutschland im aktuellen weltweiten Demokratie-Ranking auf Platz 15. Damit gehören wir, global gesehen, zu einer Minderheit, denn nur 6,4 Prozent aller Menschen auf der Erde leben in einer vollständigen Demokratie, umgerechnet 21 Länder. Dagegen befinden sich weitaus mehr Menschen in Diktaturen, nämlich 37 Prozent. Wird irgendwo im Internet dann eine Systemabschaffung in Deutschland gefordert oder eine Revolution propagiert, wie beispielswiese auf kruden YouTube-Kanälen von selbsternannten Weltrettern, können wir auch diese Parolen recht schnell mit unserem inneren Wertesystem „Demokratie-Erhalt“ abgleichen und uns positionieren.

In seinem Modell „The Golden Circle“ beschreibt der britische Kulturanthropologe Simon Sinek den weiteren möglichen Verlauf einer gekonnten strategischen Kommunikation: Sobald wir das „Why“, also das Warum, benennen können – in unserem Beispiel Demokratie-Erhalt – , werden wir daraus ein „How“, ein Wie, ableiten können. D.h. wir werden auf Parolen, so gut es geht, demokratisch reagieren: Andere Meinungen zum Thema anhören und abwägen und die eigene Position dazu darlegen; das wäre die entsprechende Strategie.

Im dritten Schritt, dem „What“, Was, werden wir wahrscheinlich einige handfeste Argumente parat haben und unsere Sachkenntnis zum Thema Demokratie in das Gespräch geben und beispielsweise die bereits vorhandenen Beteiligungsmöglichkeiten in diesem Land oder an anderen demokratischen Orten erwähnen.

Dieser Vorschlag von Simon Sinek ist im Grunde genommen eine Arbeit von Innen nach Außen, von unseren Herzensüberzeugungen in die Umwelt hinein. In diesem Sinne ist dies auch eine Frage der Kongruenz: Stimmt unser Verhalten mit unseren Überzeugungen überein? Oder lassen wir menschenverachtende Äußerungen im Internet oder im Live-Umgang durchgehen, obwohl wir eigentlich ganz anderer Meinung sind?

Erfolgreiches Kommunikationsprinzip – der “GOLDEN CIRCLE“ von Simon Sinek: erstmal den Kernzweg (WARUM), dann das WIE und WAS hinterfragen.

Das Heft in der Hand behalten

Wollen wir Äußerungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder auch Verschwörungserzählungen aufgrund unseres Werte-Aufbaus eben nicht stehen lassen, können noch mehr Strategien, viele ‚Wie‘, ins Spiel kommen. Diese können wir bewusst anwenden, um unser „Why“ nach außen zu geben. Eine recht einfache, aber recht wirksame Möglichkeit ist dabei, konkret nachzufragen. Ich wollte beispielsweise von einer Theaterpädagogik-Kollegin wissen, wie sie denn genau zu ihrer auf WhatsApp veröffentlichten absurden Behauptung komme, dass die Corona-Impfstoffe mehr Menschen töten würden als das Virus selbst.

Daraufhin gab es immerhin eine Art Gespräch, in dessen Verlauf ich etwas über ihre einseitigen Informationsquellen und ihre Sorge als mehrfache Mutter erfahren habe. Wir lieferten beide Argumente unserer Positionen, ich fragte nach konkreten Belegen für ihre Annahme und beendete dann den Austausch von meiner Seite aus. Dieser Schritt ist auch sehr wichtig, da wir dadurch das Heft der Begegnung in der Hand halten und uns davor schützen, uns zu verausgaben.

Das ist vor allem relevant, weil es Hate Speech-Aktive gibt, die bewusst provozieren und uns an den Rand unserer Kräfte bringen wollen. Sogenannte Infokrieger:innen verbreiten im Internet gezielt Verschwörungsgedanken, werten andere Menschen oder Institutionen ab, versuchen, Wissenschaft und seriöse Medien zu demontieren und pauschalisieren, was das Zeug hält.

Leider werden dabei auch bestimmte, für die meisten Menschen wertschätzende Begriffe wie Zivilcourage, Widerstand, Mut oder Gerechtigkeit benutzt und gerade auch von Aktivist:innen der neuen rechten Szene für ihre Zwecke umgedeutet. Darauf sollte man tunlichst nicht hereinfallen. Maßstab bei der Beurteilung von Sprachbenutzung sollte immer die Orientierung am Gemeinwohl sein. Die Frage ist stets, ob das physische und psychische Wohlergehen der Menschen im Fokus stehen, oder ob Positionen vertreten werden, mit denen eine Gruppe von Menschen schlechtgemacht oder ausgegrenzt oder um ihre Ressourcen gebracht werden soll.

Und soll die Zukunft beispielsweise festgezurrt werden oder vertritt man eher eine offene und kreative Haltung gegenüber kommenden Zeiten? Wobei Letzteres eigentlich viel schlauer ist, da wir alle nicht wissen, wohin die Reise geht und wie viele konstruktive und tolle Ideen es noch, von wem auch immer, für die Weiterentwicklung der Menschheit und der Erde geben wird. Ein starres, autoritär geprägtes, menschenfeindliches Weltbild wird wahrscheinlich viele dieser Chancen unterdrücken oder nicht wahrnehmen können. Überhaupt steigert Pluralität die Chance auf einen Hauptgewinn im Ideenwettstreit. Welcher Vorschlag von den vielen erscheint den meisten als der beste? Darüber darf natürlich mit viel Engagement fair gestritten werden.

In Gesprächen oder Schriftwechseln ist es auch sinnvoll, Reflexionsfähigkeit zu signalisieren, als Vorschlag, wie man mit sich selbst auf kluge Weise umgehen kann. Das weitet den Gesprächsraum und lädt zum Überdenken der eigenen Positionen ein, eben auch die unserer Gesprächs- oder Schreibpartnerinnen und -partner im Internet. Flexibilität vorzuleben, ist nämlich ein völlig anderes Verhaltensmuster, als die Anhänger:innen starrer, reaktionärer Vorstellungen oft vorweisen. Sagen könnte man zum Beispiel, um nochmal zu meiner Kollegin aus der Theaterpädagogik zurückzukommen: Wenn sich andere oder neue Erkenntnisse zu Corona oder zu den Impfstoffen ergeben, bin ich nach Prüfung wahrscheinlich bereit, auf diesen neuen Informationsstand zu wechseln, denn es soll ja möglichst allen Menschen gut gehen und wir sollten gemeinsam den besten Pfad beschreiten.

Schweigen bedeutet Zustimmung

Bei all unseren Versuchen, Parolen Paroli zu bieten, wissen wir meist leider nicht, wie wirksam wir sind und ob unsere Versuche, zu informieren oder zu hinterfragen, irgendwelche Früchte tragen. Manchmal können wir eine Art Ernte einfahren, wenn unsere Kommunikationspartner:innen signalisieren, dass wir sie zum Nachdenken gebracht haben. Doch oft treffen wir uns nach einem Meinungsaustausch nie wieder oder wir bekommen keine wie auch immer gestaltete Rückmeldung. Dann ist es oft gut, wenn wir auf den Langzeiteffekt setzen und uns auf die Schulter klopfen dafür, dass wir überhaupt etwas gesagt oder geschrieben und das Gespräch gesucht haben. Und vor allem: dass andere im stillen Kämmerlein bestimmt über das, was wir geäußert haben, sinnieren werden. Vielleicht waren wir die ersten, die überhaupt verbal couragiert aufgetreten oder in Erscheinung getreten sind. Vielleicht hat unser Gegenüber noch niemals ein Paroli zu seinen bzw. ihren Parolen gehört und hat nun eine bleibende Gesprächserfahrung durch uns gemacht. Denn wir sollten uns immer klarmachen, dass Schweigen letztendlich Zustimmung bedeutet und unsere humanistischen Werte nicht wahrgenommen werden. Wenn niemand etwas gegen Einschüchterungen, Drohungen oder Shitstorms unternimmt, denken die Verursachenden, dass sie getrost so weitermachen können.

Ein trauriges Beispiel jüngst dafür ist der Freitod einer Ärztin aus Österreich, die sich für Corona-Impfungen engagiert hatte und dafür massiv von Impfgegnern unter Druck gesetzt wurde. Nach einem Sturm von Mails mit Folter- und Morddrohungen sah die 36-Jährige nach bisherigem Kenntnisstand offenbar keinen anderen Ausweg mehr, als sich selbst das Leben zu nehmen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es umso wichtiger, dass wir rechtzeitig und eindeutig Stellung beziehen, wenn wir mitbekommen, dass Ressentiments geschürt werden oder sogar zu Gewalt aufgerufen wird. Denn: Hass ist keine Meinung. Und, zur Erinnerung und weiteren Selbstmotivation und Stärkung: „Eine Meinung zu haben, ist eine Sache. Eine echte Haltung eine andere.“1 


Anmerkungen
  1. 1. Jörg Bernardy in seinem Sachbuch »Ich glaube, es hackt!«.--> Bernardy, Jörg; Dierolf, Stephanie: Ich glaube, es hackt! Leben in Zeiten von Tabubrüchen. Beltz und Gelberg Verlag, Weinheim 2021