Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein Bett auf dem eine angefangene Pizza in der Schachtel, ein Laptop und Schreibzeug liegt.

Party im Lockdown?

Wie junge Menschen kreativ das Miteinander online gestalten

Jugendliche wollen feiern! Das Leben genießen sie am liebsten in Gesellschaft. Was tun, wenn coronabedingt plötzlich Partys und Treffen in der Clique verboten sind? Not macht bekanntlich erfinderisch, und so haben sich während des Lockdowns in vielen Freundeskreisen neue Formen virtueller Geselligkeit entwickelt: im Rudel gucken und chatten, digitale Spieleabende, private Fotochallenges beispielsweise. Junge Menschen berichteten, wie Corona ihren Alltag, das tägliche Miteinander in Schule und Uni, vor allem aber auch ihre Freizeit veränderte.

Das Abitur in der Tasche, das Bachelor-Zeugnis in der Hand, einen Ausbildungsvertrag unterzeichnet, der nächste Geburtstag kommt näher, ein neuer Job ist in Aussicht oder einfach mal entspannt viele Freunden nach Hause einladen − Anlässe zum Zusammenkommen, Spaß haben und Feiern sind so vielseitig wie die Jugend selbst. Egal ob in exklusiven Locations oder einfach nur am heimischen Küchentisch, letztendlich gilt: Die Gesellschaft, die gemeinsame Zeit mit Gleichgesinnten zählt! Ab März 2020 und mit Beginn des ersten Corona-Lockdowns änderte sich das gewohnte Beisammensein fundamental.

Zusammenkünfte jederart waren durch den Pandemiealltag weitestgehend nicht mehr möglich. Geburtstage mit großen Feten? Von einem auf den anderen Tag schier unmöglich. Den Samstagabend gemeinsam bei einem Erfrischungsgetränk ausklingen lassen? War auf einmal unvernünftig, oder zeitweise sogar verboten. Die Pandemie hat uns alle auf die Probe gestellt, das steht außer Frage, aber auch meine Generation hat es sicherlich besonders hart getroffen. (Frei-)Räume, die junge Menschen brauchen, um uns zu den Personen zu entwickeln, die wir werden möchten, waren von einem auf den anderen Tag verschlossen. Zumindest im realen Leben, im analogen Raum. So mussten neue Wege und Mittel gefunden werden, mit den Liebsten in Kontakt zu bleiben; dafür zu sorgen, dass uns nicht völlig die Decke auf den Kopf fällt und wir das Gefühl behalten, noch in irgendeiner Form am Leben teilzunehmen.

In diesem Text möchte ich beispielhaft aufzuzeigen, mit welchen neuartigen Problemen sich junge Menschen (und dazu zähle ich auch mich mit Mitte 20) in Zeiten der Pandemie auseinandersetzen mussten und welche Lösungsansätze sie gefunden haben. Was haben sie unternommen, um das Miteinander während des Lockdowns nicht völlig zu verlernen. Hierfür habe ich exemplarisch mit zwei wundervollen Menschen gesprochen, die sich auf kreative Art und Weise zu helfen wussten.

Geburtstag im Bett mit dem Laptop

Manuel ist18 Jahre alt und Abiturient in Niedersachsen. Er verbrachte zwei wichtige Geburtstage – den 17. und den 18. Geburtstag − mit seinem Laptop im Bett. Manuel erzählt mir, dass er voller Vorfreude auf seinen großen Ehrentag Anfang April 2021 war, allerdings dieses Gefühl nur eingeschränkt mit seiner Familie und seinen Freunden teilen konnte. In einem Video-Call berichtete er mir von seinen Erfahrungen während der Pandemiezeit:

Manuel, du bist jetzt volljährig und eigentlich sollten nun alle Türen des Lebens für dich geöffnet sein – wäre da nicht Corona. Wie verlief dein 18. Geburtstag?

Manuel: Über den Tag verteilt gab es immer wieder längere und kürzere Facetime-Gespräche und Video-Calls via Smartphone. So viele Menschen haben an mich gedacht und sich bei mir gemeldet. Das ließ im ersten Moment die Tatsache vergessen, dass wir nur digital miteinander anstoßen konnten. Aber vielen geht es durch Corona deutlich schlechter; da sind ein paar ausgefallene Geburtstage unwichtig, auch wenn es sich wie eine Art Stillstand des Lebens anfühlt.
Mich haben deutlich mehr kreative und super aufwendige Geburtstagswünsche erreicht als früher. Neben den klassischen Glückwünschen kamen in diesem Jahr überdurchschnittlich viele Geburtstagsvideos, Fotocollagen oder Audioaufnahmen über Chatmessengers hinzu, über die ich mich riesig gefreut habe.

Wenn man sich schon nicht persönlich sehen kann, dann investiert man doch gerne viel Zeit in solche innovativeren Messages.

Du beschreibst ein Gefühl des Stillstands. Eine Sache stand dann irgendwann während der Pandemie nicht still: die Schule. Gewagte These, aber wahrscheinlich wird für Schüler:innen das Nervwort-2020/21 „Homeschooling“ sein, oder?

Manuel: Oh ja! Homeschooling nervt ziemlich viele Leute in meinem Umfeld. Natürlich waren dadurch das Lernen und Vorbereiten auf Klassenarbeiten super anstrengend. Wirklich lustig war jedoch, dass wir parallel zu den Klassen-Meetings einen Zoom-Call hatten, an dem die gesamte Klasse teilnahm. Da haben wir nur Blödsinn gemacht: Witze und Späße übereinander gemacht oder über die Lehrer:innen getuschelt, uns über den Lernstoff unterhalten und vielleicht auch das ein oder andere Mal Hausaufgaben ausgetauscht.

Wie hast du denn in der scharfen Lockdown-Phase Kontakt zu deinen Freunden halten können? Und wie habt ihr eure gemeinsame Freizeit gestaltet?

Manuel: Naja, irgendwann war das Zimmer aufgeräumt, alles neu sortiert und die Dinge, für die man nie Zeit hatte, waren mittlerweile auch alle erledigt. Natürlich fiel mir die Decke dann recht schnell auf dem Kopf. Wir haben dann viel miteinander an Spielkonsolen gezockt und dabei telefoniert. Oder abends auch mal gemeinsam einen Netflix-Film geschaut − jeder auf seinem heimischen Sofa, connected über das Smartphone. Solch eine Form des „Rudelguckens“ kann auf jeden Fall Spaß machen, auch wenn wir dabei gar nicht so viel miteinander gesprochen haben. Es waren die kleinen Kommentare zwischendurch, die Stimmung machten.

Vieles lief über Standard-Messenger wie Telegram, WhatsApp oder Threema. Hier gab es Gruppenchats und Telefonkonferenzen en masse, wobei wir teilweise auch nur Blödsinn gemacht haben. Beispielsweise hat jemand aus unserer Gruppe ein Motiv vorgeschlagen − irgendeinen zufälligen Gegenstand benannt beispielsweise − und alle anderen mussten dann von zu Hause aus ein Selfie mit eben diesem Gegenstand knipsen und anschließend in der Gruppe posten. Wer zuletzt das Foto hochlud, hatte verloren. Teilweise wurde es echt bescheuert, aber definitiv ein lustiger Zeitvertreib.

Private Fotochallenges, zocken, Filme schauen und dabei chatten – Manuel und seine Freunde blieben in Kontakt.

Spiel und Spaß im Video-Call

In Zeiten von Corona fällt es Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich schwerer, Weichen für ihre Zukunft zu stellen. Sabrina ist 21 Jahre alt und Studentin in Nordrhein-Westfalen. Sie hat während der Coronapandemie für sich ein wichtiges Kapitel abgeschlossen: das Bachelorstudium. Sie erklärt mir, dass es ihr nach ihrem Abschluss ähnlich wie vielen jungen Menschen in dieser Lebensphase erging. Sie war sich unsicher, welcher der richtige nächste Lebensschritt ist. Nach längerem Überlegen entschied sie sich für einen weiterführenden Masterstudiengang. An einer neuen Uni, in einer neuen Stadt. Reise- und Jobpläne hat sie erst einmal an den Nagel gehängt. „Ich war anfangs echt unschlüssig, ob solch ein neuer Schritt wirklich eine gute Idee war. Ich hatte zu Beginn Angst vor einem ‚Alleingang‘, weil ich niemanden an der Uni oder in der neuen Stadt kannte. Durch die Pandemie fällt das Kennenlernen gleich doppelt schwer.“

Ich hatte zu Beginn Angst vor einem ‚Alleingang‘, weil ich niemanden an der Uni oder in der neuen Stadt kannte. Durch die Pandemie fällt das Kennenlernen gleich doppelt schwer.

Gerade zu Beginn eines neuen Semesters gibt es für die neuen Studierenden häufig die bekannte „Ersti-Woche“. Wie gestaltete sich dein Semesterstart?

Sabrina: Es gab ein breites digitales Rahmenprogramm, organisiert durch die Fachschaft. Beispielsweise hatten wir eine Telekonferenz mit einer viel zu großen Gruppe. Es konnte immer nur eine Person sprechen und alle anderen waren dazu angehalten, aufmerksam zuzuhören. Es war natürlich spannend, die ganzen Leute zumindest einmal auf dem Bildschirm zu sehen, aber wirklich kennengelernt habe ich dort niemanden. Man konnte sich eben nicht von dem Vortragscharakter lösen.

Die Fachschaft hat sich wirklich viel Mühe dabei gegeben, und auch „in Präsenz“ eine kleine Stadtrallye organisiert, in der wir die Stadt und natürlich die Leute coronakonform hätten kennenlernen können. Hierfür musste man sich allerdings im Vorfeld anmelden und die wenigen Plätze waren natürlich schnell vergriffen. Da konnte ich leider nicht dran teilnehmen.

Klingt auf jeden Fall erst einmal nach einem nüchternen Start in das neue Studium. Konntest du denn schließlich doch einige deiner Kommiliton:innen kennenlernen?

Sabrina: Natürlich waren alle total interessiert daran, sich miteinander bekannt zu machen. Auch unsere Dozent:innen und Professor:innen haben das registriert. Deshalb gab es in einigen Onlineseminaren deutlich mehr Gruppenaufgaben als zu Beginn geplant. Während der Seminare wurden wir außerdem häufig in kleinere Teilgruppen gesplittet, in die sogenannten Breakout-Rooms, also ein separater TelKo-Raum, wo wir uns in überschaubarer Runde etwas kennenlernen konnten.

Hieraus ist dann letztendlich auch eine riesen WhatsApp-Gruppe entstanden, in der wir uns auch außerhalb der Seminare zu Zoom-Meetings verabredet und uns dort dann in lockerer Atmosphäre − zumindest digital – kennengelernt haben. Anfangs stand zwar ständig die Uni im thematischen Mittelpunkt, aber irgendwann haben wir aus Spaß kleinere Trinkspiele veranstaltet, wobei jeder, der die Uni im Gruppengespräch erwähnte, einen Schluck Wein oder Bier trinken musste. So wollten wir den Gesprächsstoff auf andere Themen verlagern. Das war in der tristen Coronazeit auf jeden Fall eine gelungene Abwechslung. Mit der Zeit fühlte ich mich nach und nach immer wohler und gut im Masterstudium angekommen.

Kannst du sagen, dass du über den digitalen Weg Freundschaften geschlossen hast?

Sabrina: Nach dem Kennenlernen habe ich viel freie Zeit mit den Mädels und Jungs verbracht – natürlich ebenfalls digital. Hierbei haben wir versucht, die Zeit so abwechslungsreich wie möglich zu nutzen und haben es uns nicht langweilig werden lassen. Beispielsweise haben wir regelmäßig neue Online-Escaperooms ausprobiert. In einem Video-Call konnten wir, wie gewohnt, miteinander kommunizieren und mussten dann gemeinschaftlich im Spiel eine Vielzahl von Rätsel- und Quizfragen beantworten. Suchbilder, einzelne Minispiele und innovative Denkaufgaben, verpackt in einer spannenden Story – das hat besonders viel Spaß gemacht.

Zusätzlich gab es einige Online-Spieleabende, an denen wir dann stundenlang Skribbl.io gespielt haben. Das kostenlose Multiplayer-Zeichen- und Ratespiel wird im Internetbrowser gespielt. Zu Hause mit einem Gläschen Wein, etwas atmosphärischer Musik und ein paar Süßigkeiten – das hat wirklich Farbe in den tristen Alltag gebracht.

Lockdown in einer neuen Stadt – Studentin Sabrina lernte über die WhatsApp-Gruppe eines Seminars nette Leute für die digitale Freizeitgestaltung kennen.

Entspannt auf dem Sofa

Die Beschreibungen von Manuel und Sabrina decken sich in vielen Punkten mit meinen eigenen Erfahrungen. Auch ich habe mit meinem Freundeskreis einige Tools ausprobiert, um die viel zu viele Freizeit gemeinsam zu nutzen. Auch bei uns gab es digitale Spieleabende, bei denen wir stundenlang am Laptop saßen. Vieles lief natürlich über gängige Videochat-Plattformen wie Skype, Zoom, Discord oder Facetime ab. Häufig haben wir aber auch die App Houseparty genutzt, mit deren verschiedenen Features ein lustiger Abend in seinen eigenen vier Wänden garantiert war. Neben dem Hauptchatroom können hier Minigames wie „Wer bin ich?“ oder das Zeichenspiel „Quick Draw!“ ausprobiert werden. An manchen Abenden haben wir uns auch mal an der Karaoke-Funktion probiert, aber da waren meine Nachbarn nicht ganz so einverstanden mit. Spielen? Ja! Singen? Nein. Auch wenn der Spaßfaktor der App hoch ist – Privatsphäre und Datenschutz sind bei der App allerdings gering.

Spaß beim Videocall – Tools und Features versüßen die triste Coronazeit. (Foto: Snapchat)

Streamingdienstleister kamen irgendwann nicht mehr mit neuen Angeboten hinterher, nicht zuletzt, weil viele Produktionen brachlagen oder nur langsam vorankamen. So waren die gesamten Mediatheken sozusagen „leer-geguckt“. Also musste man erst einmal auf die nächste Staffel seiner Lieblingsserie, auf den neuen Blockbuster im Kino oder gar das neue Album seines Lieblingskünstlers geduldig warten. Viele Künstler:innen wollten trotzdem mit ihrer Fangemeinde in Kontakt und streamten immer mal wieder kleinere Wohnzimmer-Konzerte live über Soziale Netzwerke. Ich lag entspannt auf dem Sofa und konnte über mein Smartphone live die neue Single meiner Lieblingsband hören und ihre Performance genießen – das waren wunderbare Erfahrungen, an die ich mich gerne zurückerinnere.

Vor der Coronazeit bin ich regelmäßig gerne in Museen oder auch mal ins Theater gegangen. Selbstverständlich wurde deshalb das Verlangen nach Kunst und Kultur mit der Zeit immer größer! Daher fand ich es super spannend, dass viele Galerien virtuelle Rundgänge in ihren Showrooms anboten, in denen sie die neusten Werke bekannter Künstler:innen präsentierten. Oder dass auch bekannte Philharmonien Musikkonzerte via Social Media streamten. Solche Angebote haben ich und meine Freunde gerne genutzt. Doch jeder, der schon mal in einem klassischen Konzertsaal saß, weiß, dass die Atmosphäre und Tonqualität eines Konzertsaals sich virtuell nicht erreichen lässt, ebenso wenig, wie sich die Wirkung farbgewaltiger Kunstwerke über einen Computerbildschirm übermittelt – egal wie hoch die Auflösung ist. So gut wir technisch heute aufgestellt sind, Gefühle bei einer Live-Kunst- und Kulturerfahrung sind einzigartig und lassen sich nicht digital übertragen. Und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Umso mehr freut man sich wieder auf den ersten Konzertbesuch oder Museumsrundgang nach der Pandemie.

Eines steht in jedem Fall für mich felsenfest: Junge Menschen, und da zähle ich mich auch dazu, brauchen echte Räume, um sich zu entfalten, dafür reichen auf lange Sicht digitale Plattformen nicht aus. Wir brauchen Menschen, mit denen wir direkt interagieren können, von denen wir lernen, die uns bereichern. Eine Vielzahl innovativer Tools und Features konnte uns die langweilige, triste Coronazeit versüßen. Sie ersetzen aber keine ausgelassene Geburtstagsparty oder persönliches Kennenlernen neuer Menschen.

So schwierig die ganze Pandemiezeit auch für mich persönlich war, ein Gutes hat das Ganze: Sie hat mich gelehrt, die kleinen, vorher völlig selbstverständlichen Dinge des Alltages wieder schätzen zu lernen. Eine innige Umarmung mit der besten Freundin, ein sorgenfreier Wein-Abend in einer Bar, der Kurztrip ans Meer oder einfach nur das wohlwollende, maskenfreie Lächeln der älteren Dame in der Bahn, wenn sich gerade zufällig unsere Blicke kreuzen. Es sind die kleinen Dinge, die so sehr fehlen und wir können es kaum erwarten, sie wiederzubekommen. Ich wäre bereit! Sie auch?