Musik, das war für viele Generationen Jugendlicher ein Stück Rebellion gegen überkommene Werte. Diese Bedeutung hat die Popularmusik längst verloren, wichtig ist sie für junge Menschen aber nach wie vor. Die Digitalisierung hat die Rezeption und Produktion von Popmusik allerdings verändert. Die Aufmerksamkeitsspannen sind kurz. Nahezu alles ist überall und jederzeit verfügbar und Hörer:innen haben die Qual der Wahl. Dafür steht auf den Plattformen stets ein Algorithmus mit maßgeschneiderten Playlists hilfreich zur Seite. Dennoch wird Musik im digitalen Zeitalter keineswegs nur passiv konsumiert. Viele Jugendliche gehen produktiv mit Popmusik um, und auch die körperliche Erfahrung wird immer wichtiger.
Musik kann für Jugendliche im Prozess des Heranwachsens und der Sozialisation eine wichtige Projektionsfläche und Ausdrucksform sein. Warum sie gerade bei jungen Menschen einen so großen Stellenwert einnimmt, lässt sich sozialpsychologisch begründen. Popmusik1 mit ihren vielfältigen Spielarten des Rezipierens, Produzierens und Erlebens bietet in der Phase der Adoleszenz wichtige Anknüpfungspunkte und Erfahrungsräume für Selbstwirksamkeit, emotionale Selbstfindung und nicht zuletzt für Vergemeinschaftung. Aus Sicht der Medienrezeption unterscheidet Musik von anderen Medien, dass sie beiläufig im Hintergrund abgespielt ebenso funktionieren kann, wie wenn sie im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Der produktive und kreative Umgang mit Popmusik ist durch die Digitalisierung so niedrigschwellig geworden, dass sie zum Lieblingsinhalt auf digitalen Plattformen avanciert ist. Dazu ist sie leicht zugänglich, da kurzformatig und ubiquitär2 verfügbar. Das alles macht Popmusik im Vergleich zu rezeptionsseitig aufwendigeren Medien, die mehr Zeit und Konzentration (Buch) oder komplexere technische Voraussetzungen (Computerspiel, Film) benötigen, zum idealen Jugendmedium3. Laut JIM-Studie hören 93 Prozent der 12- bis 19-Jährigen mehrmals wöchentlich Musik. Das entsprich Platz drei unter den medialen Freizeitaktivitäten, hinter „Internet“ (97 Prozent) und „Smartphone“ (96 Prozent). Mehr als zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen haben Zugriff auf das Abo eines Musikstreaming-Dienstes
Popmusik im Jugendalltag
Der Popmusik werden wichtige sozialisatorische Funktionen zugeschrieben.4 Sie kann Jugendlichen helfen, dem von Umbrüchen und Gefühlsschwankungen geprägten Prozess des Aufwachsens individuell zu begegnen. Sie begleitet in dieser Funktion oft prägende Lebensereignisse, an die man sich auch Jahre später noch zurückerinnert.
Popmusik ermöglicht Identitätsarbeit. Popmusik und die mit ihr verknüpften Symbole, Zeichen und Praxen dienen in vielen Fällen der Distinktion und Identifikation, also der Abgrenzung von bestimmten Gruppen auf der einen und gleichzeitig der Versicherung einer Gruppenzugehörigkeit mit bestimmten geteilten Werten, Gefühlen oder Ideen auf der anderen Seite. Popmusikstars werden zu Sozialisationsagenten und spielen gerade im frühen Jugendalter für den Alltag, die Verarbeitung von Gefühlen und die Internalisierung von Werten eine bedeutende Rolle.5
Popmusik wird von Jugendlichen aktiv angeeignet. Die Rezeption von Popmusik ist etwas, das deutlich über den bloßen biophysischen Prozess des Hörens hinausgeht. Teil des aktiven Aneignungsprozesses ist bereits die Auswahl der Musikstücke (bzw. der Playlist, des Radiosenders, des Livekonzerts usw.). Dazu kommen das individuelle Rezipieren und schließlich das Bewerten sowie das Verarbeiten, mit all seinen Transferprozessen.6 Vorwissen, Gruppenkonstellationen und die Rezeptionssituation (Stimmung, Kontext) spielen eine wichtige Rolle für den Aneignungsprozess. So sind entscheidende Variablen für die Beurteilung von Musik, ob Jugendliche bereits viel ähnliche Musik kennen, ob sie beim Hören alleine zuhause oder mit Freunden unterwegs sind, ob die Musik laut im Club oder leise im Hintergrund läuft.
Popmusik ist ein soziales Medium. Ihre Bedeutung erlangt Popmusik erst im Austausch mit anderen bzw. durch die Möglichkeit, sich mit ihrer Hilfe anderen gegenüber zu positionieren – sei es in gemeinsamen Rezeptionssituationen, in Diskussionen über Inhalte und Ästhetik oder in der aktiven Identitätsarbeit mit hilfe von Symbolen, Zeichen und Popmusikstücken gegenüber Fremden. Jugendliche sind in einer Lebensphase, in der sie ihren Platz in der Welt und in der Gruppe finden und behaupten wollen. Dafür ist Popmusik ein ideales Spielfeld. Sie dient dem Austausch von Gefühlen, Werthaltungen oder Ideen und kann Jugendliche verbinden oder trennen, unabhängig davon, ob sie sich am selben Ort befinden.
Popmusik ist medientechnologisch und medienökonomisch verfasst. Mitzudenken bei Popmusik und deren Nutzung ist immer auch ein ökonomisches und ein technologisches Moment. Popmusikalische Inhalte werden heute über zahlungspflichtige und kostenlose Wege bereitgestellt, die medientechnologisch geprägt sind. Damit bietet Popmusik zahlreiche informelle Lernchancen für Jugendliche, beispielsweise den spielerischen Umgang mit digitaler Technologie bei der Popmusikrezeption und -produktion. Aber auch den Umgang mit Zeit oder Geld, etwa wenn es einen Festivalbesuch zu planen oder verschiedene Konsumangebote abzuwägen gilt.
In Retro-Schleifen gefangen
Die Bedeutung von Popmusik hat sich mit ihrer wachsenden, durch Medien und Technologie angetriebenen Ubiquität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch erhöht. Wir alle haben Bilder im Kopf, wenn von diesen vergangenen Jahrzehnten die Rede ist, und diese Bilder sind in vielen Fällen geprägt von der Popkultur, für die Musik seit jeher eine wichtige Zutat ist. Popmusik wurde in jener Zeitspanne konstitutiv für die Herausbildung der Lebensphase Jugend. Sie gilt in unserem kulturellen Gedächtnis als untrennbar verwoben mit politischen Ereignissen und Bewegungen, einem bestimmten Zeitgeist, der sich in Mode, Technologienutzung oder Worten ausdrückt und sich in jugendlichen Vergemeinschaftungsformen7 nicht nur akustisch, sondern auch optisch widerspiegelt. Grob lässt sich als Erzählung für fünf Jahrzehnte Popmusik zusammenfassen: Die 1950er-Jahre stehen für Rock’n’Roll und Halbstarke; die 1960er für Folk, Beat, Mods und Hippies; die 1970er für Glamrock, Psychedelic Rock und Punk; die 1980er für New Wave, Hair Metal und Synthesizer Musik; die 1990er schließlich für Techno und HipHop.8 Doch was geschah danach?
Zunächst schien die Bedeutung von Popmusik um die Jahrtausendwende abzunehmen. Hinweise darauf liefern rapide sinkende Verkaufszahlen, die mit dem Aufstieg von Musiktauschbörsen zusammenfielen, sowie die Schwierigkeit, neue popmusikzentrierte Jugendkulturen zu identifizieren. Die Rolle als jugendliches Leitmedium übernahmen digitale Spiele, deren Welten nicht selten in Filmen oder Serien verfeinert und ergänzt wurden.9Dazu kamen Style-Jugendkulturen wie die Emos10 oder Cosplayer, die zuvorderst auf Mode und Ästhetik setzten.
Popmusik selbst dagegen scheint seither in einer Art Retro-Schleife gefangen, die Vergangenes immer wieder neu aufbereitet – Stichwort: Revival –, aber keine genuin neuen Jugendkulturen mehr hervorzubringen imstande ist. Dennoch ist Popmusik heute so wichtig wie eh und je. Neue, spezifisch digitale Zugangs- und Aneignungsformen sind entstanden, alte haben sich in ihrer Bedeutung gewandelt.
Demokratisierung und Vermessung
Wie Heranwachsende heute Musik hören und wie sie diese im Sinne von Identitätsarbeit produktiv verwerten, unterscheidet sich nur auf den ersten Blick stark vom vordigitalen Zeitalter. Streaming und der Einsatz von Popmusik auf Social Media-Plattformen entsprechen den bereits bekannten Aneignungsformen, die seit den 1970er-Jahren in den Cultural Studies ausgiebig beschrieben wurden. Der Fokus liegt dabei auf der Aneignung von Alltagswelt11, die sich heute im Gegensatz zu früher durchdigitalisiert zeigt. Popmusik ist nach wie vor ein Teil dieser Alltagswelt.
Digitalisierung demokratisiert die Popmusik. Streaming als Form des Zugangs zu Popmusik ersetzt heute das, was früher über das Radiohören oder den Kauf von Tonträgern abgedeckt wurde. Auch wenn die älteren Zugangsformen nicht verschwunden sind, ist Streaming gerade bei jungen Bevölkerungsgruppen inzwischen die dominante Konsumform. Das liegt schlicht am bequemen Zugang. Alles, was für Musikstreaming notwendig ist, sind ein entsprechendes Endgerät und ein zeitgemäßer Internetanschluss. Mit Streaming können Millionen Titel schnell gefunden und gezielt abgespielt werden. Mit in der Basisversion kostenfreien Plattformen wie YouTube12 lässt sich auch Nischenmusik ohne Hürden auffinden und hören.
Dies hat – im Vergleich zum proprietären System der Tonträger – eine demokratisierende Wirkung, denn theoretisch hat jeder Zugang zu nahezu allem, die ökonomischen Ausschlussfaktoren sind gering. War man früher an Gatekeeper wie Plattenladen oder Radiosender gebunden ist heute der Zugriff auf Musik aus aller Welt binnen Sekunden möglich. Eklektische Playlists, die südamerikanische, orientalische und westeuropäische Musik vereinen, die Neues und Altes wild mischen, zeugen davon. Digitalisierung bedeutet damit letztlich eine immens gewachsene Verfügbarkeit von Popmusik. Die Möglichkeiten Musik zu streamen bedeuteten den permanenten Zugang zu maximaler Vielfalt, zudem Mobilität und Ungebundenheit – örtlich wie zeitlich.
Auch die Produktion von Musik erfährt durch die Digitalisierung einen starken Demokratisierungsschub. Wohnzimmerproduktionen sind jenen in teuren Studios heute nahezu ebenbürtig und lassen sich alleine, ohne Band, Proberaum oder teures Equipment einfach am Rechner mit der passenden Software realisieren.

Digitalisierung als Vermessung: Die schier unendlichen Optionen auf Streamingplattformen wie Spotify13erschweren die Auswahl von Musik. Unterstützt werden die Rezipient:innen daher, wie in anderen Digitalmärkten auch, durch Algorithmen. Popmusik ist heute bis ins kleinste Detail zerlegbar. Spezialisierte Unternehmen wie The Echo Nest, die 2014 von Spotify übernommen wurden, machen sich für ihre Auswertungen nicht nur die physikalischen (akustischen) Eigenschaften eines Songs zunutze, sondern erheben auch, wie lange Songs bis zum Skippen gehört werden oder beziehen Daten zur Verwendung von Songs in sozialen Netzwerken mit ein.14
Genutzt werden die Daten, um Popmusik bis ins Detail zu vermessen und noch besser auf die Hörer:innen auszurichten. Kompositionen orientieren sich heute am raren Gut Aufmerksamkeit und kommen deshalb, viel schneller als früher, zum vermeintlich relevanten Teil – dem Refrain, der „Hookline“ – anstatt mit langen Intros aufzuwarten.15 Aber nicht nur die Grundstruktur von Songs passt sich an. Mittels Sounddesign werden die Klänge in der Produktion gezielt an die aktuellen Hörgewohnheiten angepasst. Verändert werden beispielsweise Tonhöhen, Stimmen oder Timing.
Auf Streaminplattformen in der Filterblase: Eine zentrale Eigenschaft von Popmusik ist ihre Warenform. Insofern ist die intensive Vermessung der Popmusik keine Besonderheit, sondern lediglich eine neue, durch die Digitalisierung ermöglichte Form, Musik anzubieten. Wurden Bands und Künstler früher über große Agenturen durch PR- und Marketing-Kampagnen unterstützt, funktioniert dies heute – wie bei anderen Produkten auch – über geschickte Nutzung von Algorithmen der Streaminganbieter.
Die Algorithmen funktionieren heute so gut, dass sie immer wieder passende neue Songs empfehlen und damit die Bedürfnisse der jugendlichen Kunsument:innen zielgenau treffen. Was dabei letztlich herauskommen kann, ist das, was wir in Diskursen über politische Kommunikation „Filterblase“ nennen. Musikkonsument:innen kochen auf Streamingplattformen häufig im eigenen Saft. Auch dies ist kein ganz neues Phänomen. Bereits den erwähnten typischen Popmusikjahrzehnten gab es eingeschworene Fankulturen, die stark fokussiert auf bestimmte Künstler oder Genres waren.
Digitalisierung entsinnlicht die Popmusik: Popmusik ist und bleibt ein Erfahrungsgut. Das heißt, es ist ein gewisser Zeitaufwand notwendig, um Musik zu hören. Aus soziologischer Perspektiver trifft beim Streaming von Musik die permanente Verfügbarkeit von schier unendlichen Optionen auf die Aneignung, und damit auf einen Prozess, der sich kaum beliebig beschleunigen lässt. Aneignung oder Anverwandlung16 bedeuten Auseinandersetzung, Einpassen in den Lebenskontext, Erfahren von Selbstwirksamkeit. Dies alles erfordert Zeit. Die Verwendung von endlosen Playlists degradiert Popmusik zum Hintergrundrauschen. Aktive Aneignung: häufig Fehlanzeige. Stattdessen funktioniert Popmusik im digitalen Raum als ästhetische und austauschbare Oberflächenerfahrung, als Nebenbeimedium, flexibel in allen Kontexten.
Neue Erfahrungsräume
Dennoch lassen sich gerade beim Umgang Jugendlicher mit Popmusik mindestens zwei gegenläufige Tendenzen identifizieren, die ihre Bedeutung herausstellen:
Produktiver Umgang mit Popmusik im digitalen Raum: Gemeint ist damit die Nutzung von Popsongs als Untermalung bspw. für die auf 15 Sekunden beschränkten TikTok-Beiträge. Auf der bei Jugendlichen äußerst beliebten Plattform lassen sich nicht nur Millionen Videos ansehen, sondern auch im Handumdrehen eigene Kurzvideos produzieren. Das Visuelle spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle, aber erst durch die unterlegte Musik gehen Videos viral. Auch auf Instagram ist Musik eine essenzielle Zutat für die sogenannten „Reels“. Millionen Jugendliche treffen auf diesen und anderen Plattformen täglich Entscheidungen darüber, mit welchem Song sie sich und ihr Leben präsentieren. Diese produktive Nutzung von Musik in sozialen Netzwerken verweist deutlich auf Identitätsarbeit und zeigt, dass Popmusik ihr Potenzial als soziales Medium auch im digitalen Raum behaupten kann.
Verstärkte Fokussierung auf Musikevents im (realen) öffentlichen Raum: Je digitaler die Popmusik wurde, desto wichtiger wurde das Live- und Clubgeschäft. Die Festivals und Konzerttouren schossen nach der Jahrtausendwende nur so aus dem Boden. Popmusik war schon immer auch mit körperlichen Erfahrungen verbunden. Besonders der Tanz, also die Bewegung zu Musik, ist (nicht nur) für Jugendliche seit je her eine wichtige Betätigung. Es geht dabei um das Sich-Spüren, um Ausprobieren, um kollektive Erfahrungsmomente und damit um Identitätsarbeit und soziale Interaktion. Musik gemeinsam an besonderen Orten zu erleben – ob live im Konzertsaal oder beim DJ im Club – bedeutet für Jugendliche immer auch, sich aus der Komfortzone zu begeben und sich auf Unbekanntes, Unberechenbares einzulassen. Dies öffnet Jugendlichen wichtige Erfahrungsräume und dient nicht nur der Ablösung vom Elternhaus, sondern auch der sozialen Positionierung.
Musikaneignung im Corona-Modus
Ohne Zweifel haben sich Aneignungsformen von Popmusik im Zuge der Digitalisierung stark verändert. Die Vielfalt der Optionen, der einfache Zugriff auf musikalische Inhalte und die Möglichkeiten diese selbst zu produzieren oder sich mit ihrer Hilfe zu inszenieren ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gerade für Jugendliche und junge Erwachsene explodiert. Gleichzeitig nimmt die Konkurrenz für das ehemals einzigartige Vergemeinschaftungsmedium Musik zu. Klar wird auch, dass die Corona-Krise ein wichtiges Moment popmusikalischer Erfahrung für Jugendliche komplett unmöglich macht. Treffen, tanzen, feiern – ob in kleinen oder großen Gruppen – sind durch die Pandemie unmöglich geworden. Diese erzwungene Distanz verlagert Popmusik noch stärker in die digitale Sphäre. Dies kann der oben angedeuteten Entsinnlichung der Popmusikerfahrung Vorschub leisten und die Bedeutung von Popmusik als wichtiges Medium im Prozess des Aufwachsens weiter nivellieren.