Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine junge Frau im Fitnessstudio, die ein Selfie mit Duckface macht

Pretty or Ugly?

Jugendliche Selbstinszenierungen in der Fotografie

Peinlich oder lustig? − Klick, so schnell wie ein Foto gemacht ist, gelangt es heute in Umlauf und damit in die Öffentlichkeit. Immer auf der Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung loten Jugendliche mit ihren Selbstinszenierungen und Schnappschuss-Postings ihre Identität aus. Durch Unkenntnis und Fehleinschätzungen bringen sie sich und andere nicht selten in Schwierigkeiten.

Der auf dieser Zeit unten/oben Screenshot erzählt uns einiges über den Umgang junger Menschen mit den visuellen Medien: Dieser ist zunehmend selbstbezogen, verbunden mit der Absicht, lokale und globale Rückmeldungen über die eigene mediale Inszenierung zu erhalten. Visuelle Kommunikation ergänzt die geschriebene Sprache, teilweise ist sie zu deren Ersatz geworden. Um die weitreichenden Veränderungen in den Selbstdarstellungen junger Menschen verstehen zu können, werfen wir zunächst einen Blick zurück.

In den letzten 20 Jahren hat sich unsere Beziehung zur Fotografie grundsätzlich verändert. Früher waren wir zum größten Teil Betrachter − also Konsumenten − von Fotografien. Heute ist fast jeder Mensch zum Autor geworden. Handykameras sind allgegenwärtig und finanzielle oder technologische Barrieren für eigene Produktionen weitgehend gefallen.

Noch bis vor wenigen Jahren waren es von Profis gemachte Aufnahmen, die unseren Alltag und das Stadtbild bestimmten: großflächige Werbefotografien oder Wahlplakate von Politikern und Parteien, mehr oder weniger gut durchdachte Reportagen in den Printmedien, Fotos auf der Kaffeeverpackung, Fotos im Schaufenster des Friseurs, Landschaftsfotos in Wandkalendern oder Poster von Popstars in Kinderzimmern. Heute sind die meisten Fotografien, die wir täglich sehen, von Amateuren gemacht: Schnappschüsse aus unserem Alltag, die vor allem über soziale Netzwerke oder Smartphone-Apps ihren Weg zu uns finden.

Allgegenwart des Privaten

Die selbstbezogene und von Selbstportraits dominierte Fotografie, die in den heutigen Jugendkulturen so weit verbreitet ist, ist allerdings kein ganz neuer Trend. 1986 veröffentlichte die US-amerikanische Fotografin Nan Goldin ihr einflussreiches Buch „The Ballad of Sexual Dependency“ mit Fotografien aus dem New York der späten 1970er- bzw. den frühen 1980er-Jahren. In Bildern in Schnappschuss-Ästhetik hielt Goldin Szenen ihres Alltags fest und behandelte Themen wie Drogenmissbrauch, Geschlechterrollen, Liebe, Sexualität oder Gewalt. Nan Goldins visuelles Tagebuch ist bis heute Vorbild für viele junge Fotografen, die ihr eigenes Umfeld erkunden. Viele Beispiele ihrer Arbeit sind im Internet zu finden.

Die Allgegenwärtigkeit der Schnappschuss- und Amateurfotografie kann man entweder als störend empfinden, als Tyrannei der Intimität oder Bedrohung des Privaten − oder aber als Demokratisierungs- und Emanzipationsprozess.

Die massenhafte fotografische Produktion stellt uns vor eine Vielzahl von medienpädagogischen Aufgaben und Problemen, eröffnet aber auch Chancen für mehr Selbstbestimmung und Reflexion. Die Fotografie beeinflusst unsere Erinnerung an zurückliegende Ereignisse massiv. Man erinnert besonders jene Momente aus der Kindheit, die auch auf einem Foto festgehalten sind. Wenn wir uns unsere Fotoalben anschauen, finden sich dort vor allem Fotos zu besonderen Anlässen wie Hochzeiten, Geburtstagen oder Urlaubsreisen. So ergibt sich ein sehr verzerrtes Bild unserer Vergangenheit. Jugendliche mit Smartphone und Kamera haben die Möglichkeit, ein ganz anderes fotografisches Archiv zu kreieren, in dem der Aspekt des Alltäglichen viel dominanter ist. Das kann auf lange Sicht interessant sein, da eine Vielzahl einmaliger Zeitzeugnisse hinzukommen können.

Sollen diese Fotos allerdings einen Sinn für die Allgemeinheit bekommen, braucht es neben der Unmenge von Fotografen vor allem auch Bildredakteure, die aus dieser Bilderflut Inhalte aufbereiten. Erst dann lässt sich mit Fotografien Geschichte schreiben, und zwar nicht nur die Geschichte der Prominenten, Politiker und Wirtschaftselite, sondern die Geschichte der Normalbürger.

Die Rolle des Bildredakteurs sollte sich jeder von uns aneignen.

Als Bildredakteure unserer eigenen fotografischen Produktionen sollten wir uns Gedanken darüber machen, was unsere Bilder aussagen, was sie für uns und was sie für andere bedeuten. Dies wird umso wichtiger, je mehr und je unreflektierter wir fotografieren und unsere Fotografien veröffentlichen.

Denn sie wissen nicht, was sie tun…

Mittlerweile trennt nur noch ein Knopfdruck den Akt des Fotografierens von deren Veröffentlichung − Sekunden, in denen oft zu wenig Zeit für eine Reflexion bleibt. Früher verschaffte zum Beispiel die Entwicklungszeit eines Films auch Zeit zum Nachdenken, Sortieren. Heute gibt es flickr, snapchat, instagram und viele weitere Apps, die uns nach jeder Aufnahme die Frage stellen: „Teilen?“

Besonders für Jugendliche ist es völlig normal geworden, jeden Aspekt ihres Privatlebens festzuhalten. Ständig besteht die Möglichkeit einer Fehleinschätzung über das, was andere bedenkenlos sehen können und über das, was lieber im Privaten bleiben sollte. Kontinuierlich „schreiben“ und „lesen“ wir Fotografien, aber es wird kaum daran gearbeitet, ein Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Fotografie zu schaffen. Wir sind uns nicht im Klaren darüber, was unsere Fotografien zeigen und was sie zu einem anderen Zeitpunkt oder vor den Augen einer anderen Person auslösen können. Wenn wir über diesen visuellen Analphabetismus hinweg kommen möchten, müssen wir uns stärker mit der Mitteilungskraft von Bildern auseinandersetzen, und das nicht nur im Kunstunterricht. Solange das nicht stattfindet, ist es kein Wunder, dass Jugendliche mit Fotografien immer wieder sich selbst und andere in Schwierigkeiten bringen. Eine fotografische Alphabetisierung ist dringend notwendig und gehört auf den Lehrplan.

Der bewusste Umgang mit Fotografie kann im Idealfall dazu führen, dass verhängnisvolles Verhalten erst gar nicht stattfindet, da schon aufgrund der Präsenz einer Kamera ein Prozess des Nachdenkens beginnt. Von der Frage, ob es gut ist, eine bestimmte Situation zu fotografieren, kommt man ganz schnell zu der Frage, ob die Situation selbst überhaupt vertretbar ist.

In vielen Berliner Clubs und Diskotheken gibt es mittlerweile ein striktes Fotoverbot, da es immer wieder zu Erpressungen durch bloßstellende Fotos kam. So berichten Besucher des Clubs M.I.K.Z. in der Revaler Straße, dass Jugendliche innerhalb der eigenen Gruppe Personen fotografierten, während sie unter dem Einfluss von Drogen standen. Für das Löschen der Fotografien, auf denen die betroffene Person zum Beispiel eindeutig als Drogennutzer zu erkennen ist oder im eigenen Erbrochenen in einer Ecke liegt, wurde später Geld verlangt.

Like me – Die Sehnsucht nach Anerkennung

Wir alle möchten wahrgenommen, geschätzt und geliebt werden. Anerkennung fördert Ehrgeiz und macht uns zu sozialeren Wesen. Die Sehnsucht nach Anerkennung ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Seit der Digitalisierung der sozialen Netzwerke treibt diese Sehnsucht nach Anerkennung jedoch bedenkliche Blüten. Besonders mit Selbstportraits rennen immer mehr junge Menschen den „Likes“ hinterher. Hat man einmal ein Selfie, auf dem man besonders gut aussieht, wird es überall verbreitet. Dadurch bringen sich Jugendliche nicht nur in Konkurrenz zu Gleichaltrigen oder zu Personen des öffentlichen Lebens, sondern auch zu sich selbst. Denn wann sehen wir schon so gut aus wie auf unserem besten Selbstportrait? Dieser ständige Vergleich mit sich selbst und mit anderen hat den Teenager Danny Bowman zu einem Selbstmordversuch getrieben, nachdem er nach zuletzt 300 erfolglosen Selfies pro Tag völlig verzweifelt war.1 Natürlich ist das kein Problem der modernen Fototechnik, sondern eines der von den Medien propagierten Schönheitsideale. Die ständige Präsenz unseres eigenen Bildes verstärkt diese Problematik aber zusätzlich.

Die Duckfaces sind ein schon etwas veralteter, schnelllebiger Selfie-Trend. Dennoch eignet er sich gut, um die Gedanken etlicher Jugendlicher etwas besser zu verstehen: Duckfaces sind Selbstportraits, bei denen die Lippen etwas vorgeschürzt werden, wodurch die Lippen voller, das Gesicht schmaler und der Gesichtsausdruck lustig wirken. Die Jugendlichen möchten besonders attraktiv wirken, dabei aber den Eindruck erwecken, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Dennoch kann das Verbreiten dieser Fotos von sich selbst wohl am ehesten als ein sehr ernst gemeinter Schrei nach Aufmerksamkeit verstanden werden.

Problematisch ist auch das Sexting, ein weit verbreitetes Phänomen unter Jugendlichen. Hier werden Nacktfotos im besten Fall an den Partner, im schlimmsten Fall an ominöse Internet-Bekanntschaften, geschickt oder gleich öffentlich zugänglich ins Internet hochgeladen. Diese Fotos werden verbreitet, um Bestätigung zu bekommen, um anzugeben, Rache an ehemaligen Partnern auszuüben, die abgebildete Person zu erpressen. Oder es passiert versehentlich, da viele Benutzer von der Vielzahl der Einstellungen ihres Smartphones überfordert sind oder die Entwickler der Apps weitreichende Nutzungsrechte haben. Es gibt Organisationen wie das Karlsruher Bündnis gegen Cybermobbing, welche Betroffenen Hilfe anbieten.

Wettbewerb des Wagemuts

Ein anderer bedenklicher Trend ist auf youtube zu beobachten. Insbesondere pubertierende Mädchen stellen kurze Videos ins Netz, welche sie mit „Am I pretty or ugly?“ verschlagworten (taggen). Hier fragen sie direkt nach einem Urteil von Unbekannten. Welche Folgen die massenhaften und oft gnadenlosen bis vulgären Kommentare haben können, ist leicht vorstellbar.

Bin ich schön? – Statt Anerkennung gibt es oft jede Menge Häme. (Foto: Screenshot YouTube-Viedeo)

Das Zur-Schau-Stellen des eigenen Körpers kann aber auch positive Effekte haben und zu einer Akzeptanz der eigenen vermeintlichen Unvollkommenheiten führen. Ein gutes Beispiel für die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Bild ist die Arbeit Jen Davies (eine gute Übersicht ist mit den Suchbegriffen „Jen Davies Lens Blog“ zu finden). In ihrer Serie „Eleven Years“ setzt sich die Fotografin intensiv mit ihrem Übergewicht auseinander. Für sie war es immer ein Problem ihren Körper anderen zu zeigen. Mithilfe ihrer Fotografien konnte sie diese Hemmungen überwinden und erreichte so eine Akzeptanz der eigenen Körperlichkeit. Natürlich ist dieser Ansatz nicht für jeden Menschen geeignet, verdeutlicht aber das Potential eines selbstbewussten Umgangs mit gesellschaftlich konstruierten Stigmata.

Während die bisher genannten Beispiele vor allem unter Mädchen weit verbreitet sind, gibt es unter Jungs ganz andere Formen der visuellen Kommunikation. Roofing ist ein relativ neuer Trend, bei dem es darum geht, den höchsten Punkt eines Gebäudes zu erreichen und dort ein Selfie zu schießen. Es ist ein Wettbewerb des Wagemuts, nicht selten mit fatalen Folgen.

Und natürlich gibt es auch Unmengen von Fotografien und Videos im Netz, auf denen die abgebildeten Personen besonders beliebt, reich oder stilvoll erscheinen. Je nach Alter, Geschlecht oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Jugendkultur entwickeln sich unterschiedliche Ausprägungen. So finden wir im Hip-Hop eher inszenierte herausfordernde Posings mit gesellschaftlich weit verbreiteten und akzeptierten maskulinen und femininen Attitüden, während im Emo (Musikrichtung „Emotional Hardcore“) die Inszenierung vermeintliche Zurücknahme und Innerlichkeit bekräftigt.

Diese Liste könnte unendlich fortgesetzt werden, doch es geht immer um das Gleiche: um die Sehnsucht nach Anerkennung, mal für äußere Zuschreibungen wie Schönheitsideale, mal für vermeintliche Charakterstärke, mal um Gegenentwürfe, vermittelt im Wechselspiel mit Familie, Freunden, Schule oder Medien.

Herausforderungen und Potentiale

In unserer medienpädagogischen Arbeit beim Archiv der Jugendkulturen e. V. können wir Reflexionsprozesse im Umgang mit Selbstinszenierungen, Stereotypen und Diskriminierungen in unseren Fotoworkshops und Fotowerkstätten in Gang setzen. Wir stellen in der Arbeit mit Jugendlichen unterschiedlicher Altersgruppen und Herkunft immer wieder fest, wie unkritisch sie mit dem Medium Fotografie umgehen und wie wenig sie sich der täglichen Beeinflussung durch Fotografien bewusst sind. Dabei stoßen das Thema und vor allem das Gehört- und Gesehen-werden der Jugendlichen auf großes Interesse. Daher wäre es daher eigentlich ein Leichtes, die „fotografische Alphabetisierung“ in den Lehrplan zu integrieren. In unserer konkurrenz- und wettbewerbsorientierten Gesellschaft müssen Schulen und Elternhäuser Orte sein, an denen ein anderes Denken gefördert und jungen Menschen vermittelt wird, dass es nicht darum geht, besser, schöner und mutiger als andere zu sein, sondern darum, mit sich selbst und dem Umfeld in Einklang zu leben. Und es ist unsere Aufgabe, sich den neuen Medien zu öffnen, um die Kommunikationsformen unserer Kinder und Schüler besser verstehen und auf damit verbundene Probleme aufmerksam machen zu können. Ein generelles Ablehnen dieser Kommunikationsformen führt zu einer größeren Distanz und dazu, von den Jugendlichen nicht ernst genommen zu werden.

Der Umgang mit Fotografien ändert sich für viele Jugendliche parallel zu den technologischen Neuerungen. So kann eine neue App für das Smartphone die Kommunikationsformen beeinflussen. snapchat ist ein gutes Beispiel hierfür. Snapchat ist ein Foto-Chat-Programm mit der Besonderheit, dass die vom Benutzer verschickten Fotografien auf dem Smartphone des Empfängers nur maximal zehn Sekunden angezeigt und danach vom Gerät gelöscht werden.

Allerdings ist dies kein großer Sieg für die Privatsphäre und auch nicht das Ende eines möglichen Missbrauchs von privaten Fotografien. Die Kurzlebigkeit der Fotografien lädt zu einem hemmungsloseren Umgang mit dem Medium ein, und die kurze Sichtbarkeit der Fotografien kann mit anderen Apps umgangen werden, welche die Fotografien dauerhaft speichern. Wir empfehlen daher allen Eltern und Pädagogen einen facebook-, twitter- und flickr-Account sowie ein Smartphone, auf welchem mindestens whatsapp und snapchat installiert ist. Erst recht, wenn sie von all dem gar nichts halten.


Anmerkungen
  1. 1. Vgl.: www.independent.co.uk/news/uk/home-news/selfie-obsession-made-teenager-danny-bowman-suicidal-9212421.html