Der Markt ist riesig: Bereits im 3. Quartal 2020 bot Google Play laut Statista über 100.000 Apps im Bereich Gesundheit und Fitness an, darunter zahlreiche sogenannte Psycho-Apps. Deren steigende Popularität hat die Art und Weise verändert, wie Menschen psychologische Unterstützung suchen. Die Psycho-Apps versprechen schnelle Hilfe und Entlastung für diejenigen, die mit Stress, Angst oder anderen psychischen Herausforderungen konfrontiert sind. Insbesondere für junge Menschen, die vermehrt unter psychischem Druck stehen, können sie wertvolle Angebote darstellen. Doch auch wenn Gesundheits- und Psycho-Apps vielfältige durchaus Unterstützung für das Wohlbefinden bieten können, werfen sie auch wichtige Fragen hinsichtlich ihrer Sicherheit und Wirksamkeit auf.
Von Lifestyle über Service-Orientierung bis hin zu medizinischen Anwendungen – Gesundheits-Apps eröffnen eine Fülle neuer Möglichkeiten, das eigene Wohlbefinden zu verbessern. Zunächst soll ein genauerer Blick auf einige der gängigsten Kategorien und ihre Funktionen geworfen werden.
Livestyle-Apps: Diese Apps sind beliebt und weit verbreitet, da sie die Nutzer:innen dabei unterstützen, einen gesunden Lebensstil zu pflegen und zu fördern. Beispielsweise erfassen Bewegungs- und Fitnesstracker die Aktivitäten und Bewegungen, verfolgen Schritte, Distanzen und den Kalorienverbrauch. Konkretere Trainings-Apps bieten darüber hinaus maßgeschneiderte Übungen und Workouts für verschiedene Fitnessziele. Und Ernährungs-Apps helfen dabei, die Ernährung zu überwachen und einen ausgewogenen Speiseplan zu erstellen.
Service-orientierte Apps: Wichtige Gesundheitsvorsorgeuntersuchungen können damit geplant werden, um sicherzustellen, dass Arzttermine regelmäßig wahrgenommen werden. Andere Apps erinnern daran, den Impfstatus zu überwachen oder Medikamente einzunehmen. Häufig bieten Krankenkassen eigene Service-Apps mit den entsprechenden Funktionen an. Sie ermöglichen den Versicherten eine komfortable Verwaltung und Organisation ihrer Gesundheitsdaten, sodass sie zum Beispiel schnell auf Versicherungsdaten, Rechnungen und andere wichtige Informationen zugreifen können. In anderen Fällen lassen sich elektronische Gesundheitsakten per App verwaltet oder Versicherte können direkt mit Ärztinnen und Ärzten in Kontakt treten und medizinische Beratung online erhalten.
Medizinische Apps: Mit Hilfe medizinischer Apps lassen sich anhand von Symptomen Diagnosen stellen. In anderen Fällen können die Apps bei der Durchführung von Therapien unterstützen, sei es bei der Schmerzbehandlung, der Stressbewältigung oder der Verhaltenstherapie.
Vielfalt mit vielen Vorteilen
Psycho-Apps: Sie sind darauf ausgerichtet, Nutzer:innen dabei zu helfen, Stress abzubauen, Ängste zu bewältigen, Selbstreflexion zu fördern und möglicherweise auch bestimmte psychische Störungen zu behandeln. Psycho-Apps sollen die psychologische Unterstützung, das mentale Wohlbefinden und die emotionale Gesundheit fördern. Sie bieten eine Vielzahl von Funktionen, die auf die individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen der Nutzer:innen zugeschnitten sein können. Mit Stimmungs-Trackern können Gefühle regelmäßig protokolliert und verfolgt werden, um Muster zu erkennen und emotionale Veränderungen zu verstehen. Andere Apps liefern Informationen und Anleitungen zu verschiedenen Selbsthilfestrategien, damit der Umgang mit psychischen Herausforderungen erleichtert wird. Und einige Apps ermöglichen den Nutzer:innen den Zugang zu Online-Therapien oder professioneller Beratung durch lizenzierte Psycholog:innen oder Therapeut:innen.
App auf Rezept: Diese digitale Gesundheitsanwendung gilt als Innovation in der ärztlichen Verschreibung. Ärzt:innen können digitale Gesundheitsanwendungen als ergänzende oder alternative Therapiemaßnahmen verschreiben. Diese können Diagnose- und Behandlungsinstrumente, Medikamenten- und Terminerinnerungen, Gesundheitsüberwachungstools, medizinische Informationsquellen, Selbsthilfe-Programme und Vieles mehr umfassen. Der Unterschied zu frei zugänglichen Apps ist allerdings, dass hier Apps aus einer geprüften und vorgegebenen Auswahl zur Verfügung stehen, die insbesondere auch den Datenschutz einhalten. Eine Übersicht ist dieser Liste zu entnehmen.
Auf den ersten Blick bieten Gesundheits-/Psycho-Apps eine Reihe von Vorteilen, besonders für junge Menschen. Einer der größten Vorteile ist der schnelle Zugang zu psychologischer Unterstützung. Während herkömmliche Therapien oft lange Wartelisten haben, können Nutzerinnen und Nutzer durch die Apps sofortige Hilfe erhalten, wenn sie diese benötigen.Außerdem wird es den Nutzer:innen ermöglicht, ihre Behandlung in ihrem zeitlichen Rhythmus und ihrer eigenen Umgebung zu gestalten. Dies bietet mehr Flexibilität und erlaubt es den Menschen, ihre Fortschritte aktiv zu verfolgen und selbstbestimmter in den Heilungsprozess einzusteigen.
Ein weiterer Vorteil ist die Anonymität und Privatsphäre, die die Nutzung von Apps bietet. Für manche Menschen kann es einfacher sein, sich einer App anzuvertrauen, da sie sich in der Anonymität sicherer fühlen und weniger Hemmungen haben, sich zu öffnen. Die Möglichkeit, sich über die App auszutauschen, kann zu ehrlicheren Gesprächen führen und so den Therapieprozess unterstützen. Zudem steht eine große Auswahl an Angeboten zur Verfügung. Nutzende können aus einem breiten Spektrum wählen und eine individuellere und bedarfsgerechtere Herangehensweise an ihre psychische Gesundheit finden.

Potenzielle Gefahren im Blick behalten
Bei all den Vorteilen ist es dennoch wichtig, Vorsicht walten zu lassen. Der Markt entwickelt sich schnell und daher sollte jede App vor der Nutzung genau überprüft werden.
Ungeprüfte Angebote könnten eher schädlich sein − Man muss beachten, dass nicht alle Psycho-Apps medizinisch validiert oder von Fachleuten überprüft wurden. Einige Apps können möglicherweise nur begrenzte Wirksamkeit haben oder sogar potenziell schädlich sein, wenn sie nicht von qualifizierten Fachkräften entwickelt wurden. Ungeprüfte Apps könnten beispielsweise psychologische Behandlungen anbieten, die nicht angemessen überwacht werden. Ohne die Betreuung von Fachleuten könnten Nutzer:innen in der Folge schädliche Ratschläge oder Selbsthilfestrategien erhalten, die ihre psychische Gesundheit sogar weiter beeinträchtigen.
Diagnosen von Apps sollten daher nie als endgültige oder professionelle Meinung betrachtet werden, sondern höchstens als Anhaltspunkte für weitere medizinische Abklärungen.
Suchtgefahren beachten − Einige Gesundheits-Apps, insbesondere solche, die auf Gamification basieren, können ein Abhängigkeitspotenzial entwickeln. Nutzer:innen könnten ungesunde Verhaltensmuster entwickeln, indem sie exzessiv Zeit mit der App verbringen, anstatt aktiv ihre psychische Gesundheit zu verbessern.
Bedenkliche Schönheitsideale − Manche Gesundheits-/Psycho-Apps fördern falsche Körperbilder, indem sie Bilder von schlanken und athletischen Körpern darstellen. In einer Gesellschaft, die bereits mit Schönheitsidealen und unrealistischen Standards zu kämpfen hat, könnten diese Apps die Selbstzweifel junger Menschen verstärken und zu einer Verschlechterung ihres psychischen Wohlbefindens führen.
Gefahren des Lifelogging minimieren
Der Datenschutz ist im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen ein besonders heikles Thema. Viele Apps sammeln sensible persönliche Daten, um personalisierte Behandlungsansätze anbieten zu können. Jedoch ist die Weitergabe dieser sensiblen Informationen an Dritte oft ein Grund zur Sorge.
Denn in einer zunehmend digitalisierten Welt, in der Smartphones und Tablets zu ständigen Begleitern geworden sind, hat sich auch das Konzept des Lifelogging etabliert. Lifelogging bezeichnet das kontinuierliche und umfassende Sammeln von persönlichen Daten und Informationen über das eigene Leben. In der Regel entsteht im Rahmen von Gesundheits- und Psycho-Apps genau dieser Effekt, der potenzielle Gefahren im Umgang mit persönlichen Daten mit sich bringt.
Es ist daher wichtig, dass die Geschäftsmodelle hinter den digitalen Gesundheits-Apps transparent gemacht werden. Wenn eine App kostenlos angeboten wird, sollten Verbraucher:innen wissen, wie das Unternehmen Geld verdient, z. B. durch den Verkauf von Nutzerdaten oder durch Werbung. Dies ermöglicht es den Verbraucher:innen, die Interessenkonflikte zu verstehen, die hinter der App stehen könnten.
Die Bedenken hinsichtlich der Datenpreisgabe drehen sich oft um die Frage, von wem die gesammelten Daten gespeichert, verarbeitet und möglicherweise weitergegeben werden. Denn es gibt viele App-Anbietende, die Daten an Dritte weitergeben können, sei es zu Forschungszwecken, Marketingzwecken oder für andere kommerzielle Interessen. Hierbei verlieren Nutzer:innen wahrscheinlich die vollständige Kontrolle über ihre persönlichen Informationen, da sie außerhalb des eigenen Zugriffs liegen.
Eines der Hauptprobleme bei der digitalen Protokollierung des eigenen Lebens ist der potenzielle Missbrauch der gesammelten Daten. Wenn Daten auf externen Servern oder bei Dritten gespeichert werden, besteht die Möglichkeit, dass sie in die falschen Hände geraten oder für unerwünschte Zwecke verwendet werden. Datenschutzverletzungen und Datenlecks sind reale Bedrohungen, die das Vertrauen der Nutzer:innen in Lifelogging-Dienste erschüttern können. Des Weiteren können gesammelte Daten für gezielte Werbung oder personalisierte Marketingkampagnen verwendet werden, was häufig als belästigend empfunden wird.
Um die Gefahren des Lifelogging zu minimieren, ist es entscheidend, bewusst mit persönlichen Daten umzugehen und geeignete Sicherheitsvorkehrungen zu treffen: Es sollte sparsam mit Daten umgegangen werden. Ratsam ist es, nur die Daten preiszugeben, die wirklich benötigt werden und die Notwendigkeit der Erfassung persönlicher Informationen zu hinterfragen. Wichtig ist es auch, starke Passwörter zu nutzen und Verschlüsselungen zu aktivieren, um unberechtigten Zugriff zu verhindern.
Aufgrund der Vielzahl sensibler Daten sollte bei der Auswahl einer Gesundheits-App mehr Zeit in die Wahl eines vertrauenswürdigen Anbieters gesteckt werden.
Generell sollte daher darauf geachtet werden, dass medizinische Apps, die als Medizinprodukt zugelassen sind, das CE-Kennzeichen tragen müssen. Weiter ist es ratsam, Apps auszuwählen, die von vertrauenswürdigen Quellen empfohlen werden und bestenfalls eine wissenschaftliche Validierung haben.
Mit Vorsicht geniessen
Psycho-Apps können für junge Menschen eine sinnvolle Ergänzung zu herkömmlichen Therapieansätzen sein. Sie bieten schnellen Zugang zu Angeboten und können insbesondere in Situationen eine Entlastung bieten, in denen lange Wartezeiten auf eine klassische Therapie bestehen. Dennoch ist es von größter Wichtigkeit, nicht blindlings jeder App zu vertrauen, sondern eine kritische Herangehensweise zu pflegen.
Eine verantwortungsvolle Nutzung von Gesundheits-/Psycho-Apps erfordert, dass diese von qualifizierten Fachkräften entwickelt und überprüft werden. Solche Apps sollten zudem nicht als Ersatz für eine professionelle Therapie betrachtet werden, sondern als ergänzendes Angebot unter professioneller Anleitung. Bei schwerwiegenderen psychischen Problemen oder möglichen Nebenwirkungen ist es immer ratsam, eine qualifizierte psychologische Unterstützung in Betracht zu ziehen. Außerdem ist es wichtig, den Datenschutz und die Privatsphäre der Nutzer:innen zu gewährleisten, denn diese geben hier einen tiefen Einblick in das eigene Leben mit teils sehr sensiblen und privaten Informationen. Gerade diese sollten auch wirklich privat bleiben.
Insgesamt haben Psycho-Apps das Potenzial, eine positive Rolle bei der Bewältigung psychischer Herausforderungen zu spielen, allerdings nur solange sie verantwortungsvoll und mit Bedacht genutzt werden.
Tipps zum Umgang mit Medizin/Psycho-Apps
Apps können den Gang in die ärztliche Praxis nicht ersetzen! Rücksprache mit einer medizinischen bzw. psychotherapeutischen Fachkraft ist ggf. unerlässlich.
- Wird die App von der Krankenkasse empfohlen?
- Welche Funktionen und welchen Nutzen erhoffe ich mir von der App?
- Brauche ich sie wirklich? Löst sie ein Problem? (toy or tool?)
- Wie wurde die App bereits von anderen Nutzer:innen bewertet?
- Achtung: Online-Bewertungen können gefälscht, gekauft oder rein subjektive sein!
- Werden Datenschutz und Privatsphäre gewährleistet?