Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Zwei Augen schauen eindringlich durch eine bunte Filmklappe in die Kamera.

Tradition der Brüche

Neues Erzählen im Film

Wer erzählen will, möchte die Menschen mitreißen, Geschichten stiften, die teilbar sind und Orientierung verschaffen – und sei es durch Dekonstruktion. Dies gilt nicht nur für die Literatur oder das Theater, sondern natürlich auch für die Filmkunst. Die erste gewaltige Zäsur erschütterte das Kino Ende der 1920er Jahre, als der Stumm- dem Tonfilm wich. Eine ganze Generation von Leinwand-Kreativen war plötzlich gezwungen, sich neu zu erfinden. Aber auch ohne technische Umwälzungen wurden seither quer durch alle Genres immer wieder bewährte Erzählkonzepte aufgebrochen und dem Medium Film durch Modifikation vollkommen neue Seiten abgewonnen. Für einen regelrechten Strukturwandel im US-Kino sorgte beispielsweise die „New-Hollywood“-Bewegung, die ab Mitte der 1960er Jahre das in die Krise geratene Produktionssystem der Westküsten-Studios überwand. Seit den 1990er Jahren nun verändern die mediale Durchdringung und die Digitalisierung unserer Lebenswelt spürbar auch die filmische Erzählung. Unsere Liste liefert Beispiele dafür, wie das zeitgenössische Filmschaffen durch technologische Fortschritte und kritische Medienrezeption inspiriert wird und dabei neue Wege beschreitet.

#ZEITGEIST

USA 2014, Regie: Jason Reitman, mit Adam Sandler, Jennifer Garner, Judy Greer, Dean Norris, Ansel Elgort, Ellen Page, J.K. Simmons u.a., 116 Min., FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Sieben Familien im Speckgürtel von Austin, Texas – und alle kämpfen mit der Parallelität von virtueller Kommunikation und realen Lebensbedingungen. Mit der gefeierten Komödie „Juno“ hatte der Filmemacher Jason Reitman vor ein paar Jahren einen echten Überraschungserfolg hingelegt, der die Befindlichkeit der amerikanischen Mittelschicht im Gewand eines Jugenddramas ausleuchtete. In seinem aktuellen Werk„#Zeitgeist“ (Originaltitel: „Men, Women & Children“) zeichnet er nun ein Generationenporträt, in dem es von emotionaler Dysfunktionalität nur so wimmelt. Sowohl die Eltern als auch die Kinder der gezeigten Familien sind stark geprägt durch die permanente Nutzung digitaler Medien. Sie nehmen einander bisweilen nur noch über Monitore und Kurzmitteilungen wahr. Web und Social Media bestimmen den Lebensrhythmus, sie takten den Alltag, und wer sich in diesem Kosmos nicht zu behaupten vermag, gerät unweigerlich ins Abseits. Aus dieser Konstellation entwickeln sich mehrere Erzählstränge, die allesamt in große Missverständnisse oder kleine Katastrophen münden: Ein junges Mädchen, das sich krank hungert, um dem Schönheitsideal ihrer Community zu entsprechen; ein Familienvater, dem Web-Pornografie erreichbarer erscheint als die Nähe seiner Frau (die wiederum Sex-Abenteuer via Internet bucht); eine hysterisch besorgte Mutter, die ihrer Tochter in jeden Winkel ihrer Online-Aktivitäten nachspioniert … Reitmans Film ist Sozialstudie, Komödie, und Mediensatire in einem – und vielleicht ist er dabei ein wenig zu didaktisch geraten. Dennoch ist „#Zeitgeist“ ein äußerst interessanter Versuch, die digitalen Medien nahtlos mit der Filmerzählung zu verweben und ihnen damit den gleichen Stellenwert einzuräumen, den sie im realen Leben längst haben.

AVATAR – AUFBRUCH NACH PANDORA

USA 2009, Regie: James Cameron, mit Sam Worthington, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, Michelle Rodriguez u.a., 162 Min., FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

James Camerons Opus magnum verheißt durch seine fortschrittliche Tricktechnik eine vollkommen neuartige Leinwand-Erfahrung und ist strukturell die Übertragung des Computer-Rollenspiels auf die große Leinwand. Der Begriff „Avatar“ stammt ursprünglich aus dem Sanskrit und heißt soviel wie „Menschwerdung Gottes“, wird aber gegenwärtig vor allem in Web-Foren als Bezeichnung für die grafische Entsprechung eines Users verwendet. Der Film spielt im Jahre 2154. Die Erde ist ökologisch erschöpft, Rohstoffe müssen auf weit entfernten Planeten und Monden abgebaut werden. Einer davon heißt Pandora. Um die Umsiedlung der dort im Einklang mit ihrer Natur lebenden humanoiden Spezies zu begünstigen, werden Menschen mittels gentechnisch produzierter und telepathisch gesteuerter Avatare in die Stammesgesellschaft eingeschleust. Doch der Plan misslingt, und am Ende erweist sich die Natur als der Technik überlegen. „Avatar“ ist ein naiver Öko-Science-Fiction-Fantasy-Abenteuer-Film, der erzählerisch wenig zu bieten hat, aber durch seine schiere – und bei Bedarf dreidimensionale – Pracht durchaus zu punkten vermag. Sein Versprechen aber, das Kino neu zu erfinden, löst er in keiner Weise ein.

BIRDMAN (ODER: DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT)

USA 2014, Regie: Alejandro González Iñárritu, mit Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts, Andrea Riseborough, Amy Ryan u.a., 119 Min., FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Iñárritus furiose Satire wirft einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen des Schauspielerdaseins und ist auch formal ein echter Leckerbissen. Riggan Thomson – dargestellt vom (realen) Ex-„Batman“-Darsteller Michael Keaton – hat die Rolle des (fiktiven) Superhelden Birdman gleich drei Mal gespielt. Doch seitdem er den vierten Teil absagte, befindet sich seine Karriere im Sturzflug. Um dem künstlerischen Verschwinden doch noch zu entrinnen, treibt er mit letzter Kraft sein Projekt eines selbstinszenierten Theaterstücks am Broadway voran. Dabei stehen ihm allerdings nicht nur seine Ex-Frau, seine Tochter und seine Geliebte, sondern auch ein grenzenlos narzisstischer Hauptdarsteller im Weg … „Birdman“ wirkt auf den ersten Blick wie ein fiebriger Abgesang auf die große Erzählung und den Mythos des wahrhaftigen Schauspiels. In geschliffenen Dialogen beharken sich die neurotischen Mimen bis aufs Messer und beklagen den kulturellen Verfall – sei es durch Social Media oder durch die schier unerträgliche Einfallslosigkeit des Hollywood-Mainstreams. Doch durch seine raffinierte, scheinbar schnittlose Aufnahmetechnik, die den Protagonisten elegant durch die engen Windungen der Theaterflure folgt, entwickelt dieser metaphorisch überbordende Film zusehends auch einen positiven Drive.

DAS FEST

DK 1998, Regie: Thomas Vinterberg, mit Ulrich Thomsen, Henning Moritzen, Thomas Bo Larsen, Paprika Steen u.a., 101 Min., FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Vor 20 Jahren wurde in Paris das Manifest „Dogma 95“ präsentiert, mit dem die unterzeichnenden dänischen Regisseure einer radikalen Beschränkung ihrer filmischen Mittel zustimmten. Die Regeln schrieben unter anderem vor, nur an Originalschauplätzen zu drehen, nachträglich keinerlei Musik einzuspielen, ausschließlich Handkameras zu verwenden, ohne Kunstlicht und Spezialeffekte zu arbeiten sowie keine körperliche Gewalt abzubilden. Dass dieses Konzept aufging, zeigt „Dogme 1 – Festen“ von Thomas Vinterberg: Seine Studie des Aufdeckens einer lange verdrängten Missbrauchs-Geschichte innerhalb einer patriarchalisch geprägten Großfamilie ist ganz sicher eines der eindringlichsten Psychodramen der Filmgeschichte. Und obwohl die verrauschten digitalen Bilder des Kameramanns Anthony Dod Mantle bisweilen hart an der Grenze zum Aquarell operieren, stört das beim Zuschauen verblüffenderweise überhaupt nicht. „Das Fest“ ist ein konsequent naturalistischer Ensemble-Film – hochkonzentriert, schonungslos und zutiefst erschütternd.

GONE GIRL

USA 2014, Regie: David Fincher, mit Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris u.a., 150 Min., FSK und empfohlen ab 16 Jahren

Der Filmemacher als Strippenzieher: Finchers bestechender Psycho-Thriller ist einerseits ein klassischer Krimi mit allen konventionellen Zutaten für Tätersuchende, andererseits ist er durch seine mehrstöckige Konstruktion auch eine komplexe Abhandlung über das Erzählen selbst. An ihrem fünften Hochzeitstag meldet der Journalist Nick Dunne seine Frau Amy, die von ihren Eltern als Kinderbuchfigur vermarktet wurde und landesweite Popularität genießt, als vermisst. Weder sie noch irgendwelche Hinweise auf ihren Verbleib sind aufzutreiben. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt, die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Daher gerät nach einiger Zeit ganz automatisch auch ihr Mann in den Fokus der Untersuchungen, in deren Verlauf sich immer mehr Risse in der nahezu perfekt inszenierten Ehe-Fassade zeigen … Jenseits der technischen Meisterschaft fesselt Finchers Romanadaption durch den virtuosen Umgang mit verschiedenen Erzähltempi, ständige Perspektivwechsel und die verblüffende Unvorhersehbarkeit der Geschichte. Intensiv wird zudem die Rolle der Massenmedien reflektiert, deren übergriffige Methoden und Mechanismen nicht nur der Wahrheitsfindung im Weg stehen, sondern auch das rabenschwarze Finale erzwingen.

LIFE IN A DAY – EIN TAG AUF UNSERER ERDE

GB 2010, Regie: Kevin MacDonald, 95 Min., OmdU, FSK 6, empfohlen ab 10 Jahren

Der Clip zum Planeten: Unter der Schirmherrschaft von Ridley Scott kompilierte der britische Filmemacher Kevin MacDonald eine monumentale Sammlung von YouTube-Schnipseln zu einem einzigartigen Kaleidoskop der globalen Gegenwart. YouTube ist ein Phänomen: Ursprünglich konzipiert als reine Videoplattform, gewann der Dienst im Laufe der Jahre eine riesige Community und gehört mittlerweile zu den bedeutendsten sozialen Netzwerken. Es erschien also durchaus sinnvoll, die bewegtbildverrückten YouTuber aufzufordern, am Samstag, dem 24. Juli 2010, Szenen aus ihrem Leben zu filmen und diese anschließend zur Verfügung zu stellen. Die Resonanz war überwältigend: Eingereicht wurden nahezu 80.000 Clips mit einer Gesamtlaufzeit von rund 4500 Stunden! Im Resultat ist mit „Life in a Day“ ein faszinierendes soziales Experiment gelungen, das sicher nicht in allen Belangen überzeugt, aber in jeder Sekunde sehenswert erscheint. Die große Erzählung – demokratisiert. Die Dokumentation ist auf YouTube verfügbar.

LOLA RENNT

D 1998, Regie: Tom Tykwer, mit Franke Potente, Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Nina Petri, Joachim Król, Armin Rohde u.a., 81 Min., FSK und empfohlen ab 12 Jahren

Nomen est omen: „Lola rennt“ ist zunächst ein Film über die Bewegung. Aber noch mehr ist er ein Versuch über den Zufall – und eine Hommage an das Kino. Das Projekt entstand Ende der 1990er Jahre aus einer finanziellen Notlage heraus, und der phänomenale Publikumserfolg rettete die noch junge Produktionsfirma „X Filme“ vermutlich vor dem Bankrott. Das den eigenen Produktionsbedingungen augenscheinlich entlehnte Grundgerüst der Geschichte ist denkbar simpel: Die rothaarige Lola hat 20 Minuten, um ihrem Freund Manni durch die Besorgung von 100.000 Mark das Leben zu retten. Der nämlich ist Geldkurier für einen Berliner Gangsterboss und hat die Tasche mit der aktuellen Lieferung in der U-Bahn verloren. Also rennt Lola los, sie rennt für ihre Liebe und um das Leben von Manni. Dies tut sie – einem Videospiel nicht unähnlich – in drei Durchgängen mit jeweils anderem Verlauf … „Lola rennt“ traf einen Nerv. Zur Popularität trug sicherlich auch der treibende Techno-Soundtrack bei, den Tykwer selbst entwickelte und parallel zum Kinostart vermarkten ließ. Doch wirklich unwiderstehlich wurde der Film in erster Linie durch seine ansteckende Vitalität, die spürbare Liebe zum Medium Film, durch seine nachgerade ekstatische Experimentierfreudigkeit und seinen entschlossenen Stilwillen. „Lola rennt“ ist Pop und der Diskurs darüber in einem, verkleidet in eine sich in drei Schleifen spiralförmig entwickelnde Erzählung. Bewegung, Liebe, Zeit und Tod: Tykwers Film ist das Kino selbst.

LOVE STEAKS

D 2013, Regie: Jakob Lass, mit Franz Rogowski, Lana Cooper u.a., 89 Min.,FSK und empfohlen ab 12 Jahren

Fulminant inszeniert und umwerfend gut gespielt ist diese pulsierende Tragikomödie, die vor der Kulisse eines Kurhotels an der Ostsee eine Liebesgeschichte erzählt. Da entsteht etwas Neues: ‘German Mumblecore’ – kleine Budgets, kein fixes Drehbuch, reale Orte, einfache Technik, kurze Drehtage. Regisseur Jakob Lass hat sogar eigens für den Dreh von„Love Steaks“ ein Regelwerk entwickelt, dessen Name „Fogma“ sich ironisierend am Manifest „Dogma 95“ des skandinavischen Kinos der späten 1990er Jahre orientiert. Herausgekommen ist ein ungeheuer frischer und direkter Film, der die Liebesgeschichte zwischen dem Masseur Clemens und der angehenden Köchin Lara erzählt, die in einem eher biederen Wellness-Hotel aufeinandertreffen und durch ihre heftige Liaison das wohltemperierte Gefüge des übrigen Servicepersonals vollkommen aus dem Takt bringen. Bis auf die beiden Hauptrollen wurden sämtliche weiteren Parts von echten Hotelangetellten gespielt. Häufig hielten die Filmemacher einfach mit der Kamera drauf und fingen so ganz und gar authentische Momente ein. Lass montierte den fertigen Film schließlich aus sage und schreibe 78 Stunden Material. Dass dies auf so überzeugende Weise gelang, ist ein echter Glücksfall für das junge deutsche Kino.

NIGHTCRAWLER

USA 2014, Regie: Dan Gilroy, mit Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton u.a., 118 Min., FSK und empfohlen ab 16 Jahren

Ein spannungsgeladener und kompromisslos zu Ende gedachter Medien-Krimi über den moralischen Verfall des amerikanischen Traums und die gnadenlosen Mechanismen des Nachrichtengeschäfts: Gespenstisch abgemagert spielt Jake Gyllenhaal den Online-Freak und Gelegenheitsdieb Lou, der durch einen nächtlichen Zufall zum ebenso ehrgeizigen wie skrupellosen Sensationsreporter wird. Bald beliefert er die alternde und nach Quote gierende Nachrichtenchefin eines lokalen Senders exklusiv mit drastischen Bildern von Mord- und Unfallopfern – und geht dabei für den besten Clip buchstäblich über Leichen … Gilroys abgründiger Großstadt-Thriller lässt wahrlich kein gutes Haar an der Qualität des US-Boulevard-Journalismus. Er zeigt ein Geschäft voller Menschenverachtung und zynischer Motive. Die männliche Hauptfigur weist dabei durchaus Ähnlichkeiten mit dem einsamen Soziopathen Travis Bickle aus Martin Scorseses „Taxi Driver“ auf. Wirklich überzeugend ist „Nightcrawler“ vor allem deshalb, weil er die Gewalt selbst tatsächlich nie zur Schau stellt und zudem die Charaktere nicht ins Psychopathische überzeichnet. Beim Zuschauen verfestigt sich so der extrem unbehagliche Eindruck, dass man es hier tatsächlich mit durchaus normalen Journalisten zu tun hat. Mit Menschen also, die unsere mediendurchdrungene Wirklichkeit entscheidend prägen.

UNDER THE SKIN

GB 2014, Regie: Jonathan Glazer, mit Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Kryštof Hádek u.a., 108 Min., FSK und empfohlen ab 16 Jahren

Rätselhafter Leinwandtrip mit Scarlett Johansson in der Rolle einer außerirdischen Femme fatale, die ihre Spezies mit Menschenfleisch versorgen soll. Zu diesem Zweck reißt die Fremde auf den Straßen Schottlands im Stile einer Serienkillerin einsame Männer auf, um diese anschließend von einer zähen schwarzen Flüssigkeit absorbieren zu lassen … Glazers Film ist ein verstörender Hybrid aus Experimentalfilm und Science-Fiction. Visuell und akustisch ungemein betörend, folgt er keinem verbindlichen Erzählkonzept, will eher irritieren als unterhalten. Bis zum Schluss bleiben viele Fragen offen, das Drehbuch gibt sich äußerst wortkarg. Doch gerade das Aufbrechen der gewohnten Muster macht „Under the Skin“ so spannend und zeigt, dass im zeitgenössischen Kino sehr wohl noch Überraschungsmomente schlummern. Leider fehlte dem deutschen Verleih der Mut, den Film in die Kinos zu bringen. Im Wohnzimmer allerdings sollte man ihn entdecken.

VICTORIA

D 2015, Regie: Sebastian Schipper, mit Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yiğit, Max Mauff u.a., 140 Min., FSK 12, empfohlen ab 14 Jahren

Sebastian Schippers beim Deutschen Filmpreis mit sechs „Lolas“ ausgezeichneter Ausnahmefilm „Victoria“ ist ohne Zweifel eines der faszinierendsten europäischen Leinwandprojekte der letzten Jahre. Allein dass es geklappt hat, verschlägt einem den Atem: 140 Minuten Cinemascope, kleines Team, 12 Seiten Drehbuch, viel Raum für Improvisation, ein extrem positiv aufgeladenes Ensemble, dann alle raus auf die Straße, ständige Ortswechsel – und keinerlei Schnitt. Der Plot ist schnell erzählt: Die Spanierin Victoria trifft in einer wilden Berliner Clubnacht auf vier verschworene Jungs namens Sonne, Blinker, Boxer und Fuß. Die fünf lassen sich zunächst gemeinsam durch den Berliner Morgen treiben, sie trinken Bier, flirten um die Wette, albern rum. Da Boxer noch eine offene Rechnung mit einer Knastbekanntschaft zu begleichen hat, werden sie schließlich zu Komplizen bei einem Banküberfall, der katastrophale Konsequenzen hat … Schippers Inszenierung ist pur und direkt, die Atmosphäre des Schauspiels elektrisierend wie bei einem mitreißenden Theaterabend. Es gibt einen Showdown wie in „Bonnie und Clyde“, eine ergreifende Abschiedsszene und ein nüchternes Finale in Grau. Hinzu tritt ein hypnotisierender Soundtrack von Nils Frahm und DJ Koze. Kurzum: „Victoria“ lotet die Koordinaten des Kinos neu aus – digital, in Echtzeit und ganz ohne Tricks.