Stets Freud und Leid, meist Drama und Konflikte, häufig Radau, Skandale und Entgleisungen – viele Jugendliche lassen sich gerne von Reality-Formaten unterhalten. In immer neuen TV-Experimenten live vor der Kamera müssen sich zumeist junge Menschen beweisen und verschiedene Prüfungen ablegen. Jugendliche auf dem Weg zur Selbstpositionierung finden in populären Verkupplungs- oder Castingshows Anknüpfungspunkte für persönliche Orientierung. Würden sie auch so handeln? Aber auch wenn die Shows von Jugendlichen meist konstruktiv für sich genutzt werden, mit Blick auf die Quote gab es in einigen Formaten untragbare moralische Grenzverletzungen, Mobbing, Beleidigungen, Rassismus und homophobe Äußerungen. Nach den schlimmen Auswüchsen scheinen einige Produzenten und Sender umzudenken.
Sie lieben sich, sie streiten sich, sie lachen, weinen, staunen. Wer auf die volle Gefühlsbreite steht, ist bei Reality-Shows im Fernsehen sicher nicht verkehrt. Das Genre hat allein in Deutschland mittlerweile mehr als 20 Jahre auf dem Buckel und ist streng genommen eine Erfindung aus den Niederlanden. Alles startete mit Big Brother, jenem Format, das schon im Jahr 2000 für wahre Entrüstung sorgte, weil sich rund zwei Handvoll Freiwillige in einer kameraüberwachten WG einsperren und beim Leben beobachten ließen. Die allgemeine Empörung ging so weit, dass auf Druck der Politik eine kamerafreie Stunde in einem der Schlafzimmer eingeführt werden musste.
Was einst für enormes Aufsehen sorgte – realer Geschlechtsverkehr vor laufender Kameraüberwachung, Duschbilder oder Streitereien – gilt mittlerweile als fast schon langweilig, und so entwickelte sich das Genre weiter. In erster Linie laufen jetzt im Fernsehen Reality-Formate, die nicht mehr jeden Tag so gut wie möglich abbilden, sondern durch Vorab-Produktion sehr verdichtet und somit zugespitzt erzählen. Für eine Zuspitzung der Ereignisse sorgen zudem die von den Sendern ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, viele sind mittlerweile Profis auf dem Gebiet der televisionären Unterhaltung. Sie werden in Kuppelshows geboren, tingeln dann von Reality-Format zu Reality-Format, um irgendwann den Thron und somit das RTL-Dschungelcamp zu erreichen. Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! ist weiterhin die meistgesehene Reality-Show in Deutschland.
Guilty Pleasure bei Skandalen und No-Gos
Gleichgeblieben über die Zeit sind die Motive der Zuschauer:innen, die die Formate so erfolgreich gemacht haben: die Befriedigung von Voyeurismus, gepaart mit dem Umstand, klassische Heldenreisen miterleben zu können. Noch ein weiterer Aspekt spielt hinein: Reality-TV, das gerne auch mit Schwächen von Teilnehmenden spielt, bietet den Fans auf dem Sofa nicht nur Momente des sogenannten Fremdschämens, sondern auch die Möglichkeit, sich (vermeintlich) über die Protagonist:innen erheben und ordentlich über deren Peinlichkeiten lästern zu können. Für manche mag diese sogenannte „guilty pleasure“ sogar eine Art der Katharsis sein.
Für die Kandidat:innen bieten sich Formate für jede Lebenslage. Man verliebt sich bei Love Island oder dem Bachelor, zieht dann mit seinem Partner oder seiner Partnerin ins Sommerhaus der Stars und kann nach der Trennung bei Prominent getrennt den Rosenkrieg vom Zaun brechen. Freilich wird nicht jede:r Teilnehmende einer dieser Shows auch zum waschechten Reality-Sternchen. Es braucht schon besondere Eigenheiten, meist subsummiert unter dem Begriff „Entertainment-Faktor“, um sich für die Weitererzählung in anderen Formaten zu empfehlen.
Nicht selten sind es Skandale, die in Erinnerung bleiben, und für Skandale haben Reality-Formate in den zurückliegenden Jahren zuhauf gesorgt. Promis unter Palmen, ein besonderes lautes Projekt des Senders Sat.1, stand massiv in der Kritik, weil Teilnehmer:innen eine Kandidatin mobbten, die Verantwortlichen es aber verpassten, die Szenen on air entsprechend einzuordnen. In Staffel zwei wurden homophobe Äußerungen gesendet – ebenfalls ohne dass sich der Off-Sprecher klar vom Gezeigten distanzierte. Ein mehr als fragwürdiger Umgang, da wahrscheinlich viele Jugendliche genau diese Szenen gesehen haben, aber bei der niemand einschritt. Da ist die eigene Haltung gefragt – die bei Jugendlichen aber häufig erst entsteht (und sich in die falsche Richtung entwickeln kann), wenn in der Peer-Group über unterirdisches Verhalten und menschenverachtende Äußerungen in Reality-Shows diskutiert wird.
Beim RTL-Sommerhaus wurde nicht nur geschrien, sondern sogar gespuckt. Es waren die Jahre 2019 und 2020, in denen die Daumenschrauben beim deutschen Reality-Fernsehen kräftig angezogen und eine schier unerträgliche Krawall-Schiene bedient wurde. Mitunter eklig war Trash-Fernsehen aber schon weitaus früher. In die Geschichtsbücher sogenannter Trash-TV-Formate ging auch eine Szene im kurzlebigen ProSieben-Format Die Burg ein, als ein Teilnehmer, der ein Bad für eine weitere Kandidatin einlassen sollte, heimlich in das Wasser pinkelte. Lange Zeit war sich das deutsche Reality-Fernsehen für solche Entgleisungen nicht zu schade. In die Wohnzimmer übertragen wurde somit nicht selten ein bedenkliches Bild menschlichen Miteinanders.
Liebessuche, Fame und Alkohol
Eine auf andere Art und Weise verzerrte Realität präsentiert RTLZWEI mit Love Island, das vor allem sehr junge Menschen ansprechen soll. Darin werden Teilnehmer:innen miteinander „vercoupelt““, werfen aber gerne während der aktuellen „Beziehungen“ schon ein Auge auf andere Partner:innen, „entcoupeln“ sich wieder und kommen mit dem/der Nächsten zusammen. Weil all das in wahrer Rekordzeit passiert, dürften die Bilder nicht zwingend auf echte Bindungsfähigkeit von jungen Menschen abzielen. Die Suche nach dem oder der Richtigen ist ohnehin im deutschen Trash-TV zentral geworden. Entweder man sucht die große Liebe, etwa beim Bachelor, oder man testet sie auf wie auch immer aussehende Stabilität – wie in Temptation Island. Dass es in jedem dieser Formate den Teilnehmenden zumindest in wesentlichen Teilen darum geht, Screentime und damit einhergehenden Fame zu sammeln, wird ebenso wenig thematisiert wie die Tatsache, dass nicht wenige Produktionen meistens Alkohol zur Verfügung stellen, damit die Protagonist: innen lockerer zur Sache gehen.
Besonders hart ins Gericht gegangen wird seit dem Start mit einer Produktion, die als Mix aus Casting- und Realityshow bei Menschen zwischen 14 und 49 Jahren besonders nachgefragt wird und inzwischen mehrere Teenager-Generationen geprägt haben dürfte: Germany’s Next Topmodel, die ProSieben-Modelsuche mit Heidi Klum. Die Liste der Kritikpunkte ist lang; konzentrierte sich die Kritik noch vor einigen Jahren in erster Linie auf die Vermittlung eines fragwürdigen Bildes von Körperidealen für das häufig sehr junge weibliche TV-Publikum, verschob sie sich zuletzt mehr auf den Umgang mit den teilnehmenden „Mädchen“. Bemängelt wurden beispielsweise Nacktshootings.
Befeuert wurde die Kritik zudem von Statements ehemaliger Kandidatinnen, die die Produktion in keinem guten Licht dastehen ließen. So soll beim Zusammenschnitt der Szenen für Sendefolgen angeblich die Handlung bewusst in eine bestimmte Richtung gelenkt worden sein. Wie viel gekränkter Stolz und damit einhergehend auch eine verschobene Wahrnehmung bei diesen Äußerungen dabei eine Rolle spielte, ist unklar – zumal es durchaus auch Frauen gab, die von dem ProSieben-Format beruflich wesentlich profitierten und die sich bis heute nicht negativ über ihre „GNTM“-Zeit äußerten. Letztlich ist „GNTM“ wohl ein Paradebeispiel: Die Modelbranche, ebenso wie die vordergründig schillernde Fernsehwelt, sollen der Unterhaltung dienen. Ein Zuckerschlecken ist das aber nicht für alle, die sich innerhalb dieser Branche bewegen, was allerdings jungen Menschen nicht in vollem Umfang bewusst sein kann. Show ist Show und geht mitunter auch über Grenzen hinaus, doch bei Weitem nicht alle wollen da mitmachen. Mit der letzten Staffel konnte nun beobachtet werden, das sich „GNTM“ verändert: ältere Kandidatinnen, keine Mädchen mehr unter 18, dafür ein noch weitaus diverserer Cast.
Vom Krawall zur politischen Korrektheit?
Sogenannte Shitstorms im Netz, also auf Twitter oder Instagram, haben auch bei den Verantwortlichen anderer Reality-Formate längst zu einem Umdenken geführt. Die kritische Einordnung der Bilder ist heute wichtiger denn je. Daniel Rosemann, Senderchef von Sat.1 und ProSieben, spricht in diesem Zusammenhang gerne von einem Werte- und Geschmackskompass, der eine jede Realitystaffel begleiten müsse. Rainer Laux, einer der erfahrensten Reality-Produzenten des Landes, weil er schier unzählige „Big Brother“-Staffeln betreute, aber auch für das unsägliche Promis unter Palmen zuständig war, sagte 2020 noch, dass der Zuschauer Eskalation gut fände, schwenkte dann aber 2021 um zu: Die Menschen seien aufmerksamer, sensibler und empfindsamer geworden. „Dem wird allgemein Rechnung getragen.“
Und so mehrten sich speziell in jüngster Vergangenheit Formate, die positive Botschaften adressierten. Etwa im Sommer 2022 bei der Bachelorette von RTL: In der viel gelobten Staffel verschenke Rosenverteilerin Sharon nicht nur Rosen und somit ihr Herz; sie ist eines der derzeit glänzenden Beispiele für Body Positivity im deutschen Fernsehen und wurde vom STERN daher als „die beste ‚Bachelorette‘ seit Jahren bezeichnet“. Sharon ist von kreisrundem Haarausfall betroffen, hat in natura also eine Glatze, die sie im Alltag mit einer Perücke schmückt. In der Tat entstanden besonders in den Momenten, in denen sie dieses Geheimnis preisgab, beeindruckende und nachwirkende Interaktionen mit den Männern.
Viele Formate hinken jedoch hinterher, wenn es beispielsweise um einen sensiblen Umgang mit Diversity, Inklusion und politischer Korrektheit geht. Passiert eine Einordnung kritischer Verhaltensweisen nicht direkt im Format, kommt sie inzwischen in aller Regel von außen. Das Netz spielt beim Reality-Konsum längst eine wesentliche Rolle. Während Episoden auf Twitter live kommentiert werden, entstehen auf Plattformen wie YouTube ganze Videos, die sich ausführlich mit einzelnen Sequenzen von „Bachelor“, „Temptation Island“ und Co. befassen.
Die offiziell von YouTube angegebenen Klickzahlen solcher einordnenden Videos liegen bei den erfolgreichsten Content-Creator:innen im sechsstelligen Bereich. Das wiederum hat Einfluss auf das Fernsehen. Die Krawall-Spirale wurde längst merklich zurückgedreht, Political Correctness und Einordnung gewinnen an Bedeutung, auch Diversity spielt eine immer wichtigere Rolle – Vorbilder sind da unter anderem die homosexuellen Kuppelshows Prince Charming und Princess Charming, die in Lebenswelten einladen, die eben nicht jeder aus seinem Alltag und direkten Umfeld kennt.
Reflexion und Einordnung
Eines der jüngsten Projekte im deutschen Fernsehen darf gar als direkte Antwort auf die Verfehlungen von Promis unter Palmen verstanden werden. ProSieben hat im Sommer 2022 eine Büßer-Alm ausgestrahlt. In Das große Promi-Büßen lebten Trash-Show-Teilnehmer:innen, die sich bereits eine Reihe an Fehltritten erlaubt hatten, in einer schnöden Steinwüste zusammen und wurden in dem Format von Moderatorin Olivia Jones mit früheren kritischen Aktionen konfrontiert – natürlich auch eine gute Gelegenheit, die jeweiligen Fehltritte genüsslich zu zelebrieren.
Trotz der vielfältigen Versuche, aus der Schmuddelecke zu kommen, wird das Genre Reality in Deutschland nach wie vor belächelt. Sicherlich teils selbstverschuldet ist deshalb der speziell von Involvierten gar nicht gern gesehene Begriff „Trash TV“ entstanden, eine Betitelung, die sich erhebt über Teilnehmer:innen und Fernsehmacher:innen und die deshalb kaum besser ist als manch gezeigter Inhalt. Unabhängig davon, wie man zum Genre steht, haben diese Formate einen wichtigen Stellenwert speziell bei der jüngeren Bevölkerung, die sich zudem stark prägen lässt von amerikanischen Realitys, die dank Netflix auch in Deutschland ohne Komplikationen verfügbar sind und dadurch auffallen, Tabus noch weiter auszutesten, mal knalliger, mal exotischer, mal härter zu sein ( z.B. die Kuppelshow Finger weg! mit Sex-Verbot). Egal ob „Finger weg!“, „GNTM“, „Promi-Büßen“ oder „Temptation Island“, sie alle eint der Einfluss auf das Wertedenken der Rezipient:innen. Reality-Stars haben mit Auftritten in teils mehr als einer Staffel eines Formats pro Jahr gehörige Sendezeit, nutzen dazu ihre eigenen Social-Media-Kanäle zur Interaktion und sind nicht zuletzt deshalb auch für Werbetreibende interessante Testimonials geworden. Ihnen gemeinsam ist aber auch, dass sie in erster Linie jung, unerfahren und mitunter unbedarft sind. Die Teilnahme an einer (Kuppel-)Show ebnete ihnen den Weg in die vermeintlich schillernde Fernsehwelt, in der man sich eben nur mit nicht selten fragwürdigen Leistungen hält. Die Protagonist:innen stehen unter ständigem Performancedruck. Weil es sich bei den ihnen, anders als bei Soap-Figuren in ebenfalls populären täglichen Serien, aber um echte Menschen mit echten Schwächen handelt, ist Reflexion besonders wichtig. Gut, dass hier erste Schritte gegangen wurden. Denn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind wie die Zuschauerinnen und Zuschauer oft jung und ihr Wertekompass ist noch formbarer als bei reifen Persönlichkeiten. So lebt Trash-Fernsehen einerseits von der Aufmerksamkeit, andererseits bekommt es die nur über Schlagzeilen. Auch deshalb ist Einordnung und Begleitung, ob in Elternhaus, Schule, vielleicht im Freundeskreis oder sogar bei begleitenden Formaten, die sich mittlerweile im Internet etabliert haben, so wichtig.