Viele Bilder, wenig Text und immer dabei sein – mobiles, bildbasiertes Online-Dating ist durch Apps wie Tinder & Co. zu einer kulturellen Institution des frühen 21. Jahrhunderts geworden und erfreut sich gerade bei jungen Menschen großer Beliebtheit – anders als etwa die klassischen Online-Dating-Portale, die eine eher ältere Klientel bedienen. Doch was hat es mit der verspielten Partnersuche auf sich, die über die Wisch-Dynamik einen Flow erzeugt und romantische wie auch sexuelle Erlebnisse mit wenig Verpflichtungen verspricht? Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Funktionsweise und dem Potenzial von Online-Dating und nicht zuletzt damit, was sich durch die Corona-Krise daran geändert hat.
Online-Dating auf dem Smartphone ist angesagt.1Wer es nicht schon probiert hat, der hat wenigstens schon davon gehört. Die Idee des internetbasierten Datings ist so alt wie das Internet selbst, doch liegt ihr Ursprung noch deutlich weiter zurück. Tatsächlich meinen wir, wenn wir über Online-Dating reden, kein wirkliches Daten als aktiven Prozess, sondern eher die Kommunikation, die zu einem Treffen und zur Anbahnung einer potenziell, doch nicht zwingend romantischen Beziehung führt.
Computergestützte Partnersuche tauchte bereits vor 60 Jahren in und um US-amerikanische Universitäten auf. Die ersten Formen des Online-Datings erschienen fast simultan mit dem Web 1.0 und der browserbasierten Internetnutzung, wie wir sie heute kennen. Als solches war Online-Dating primär eine Option für ältere Nutzende, die sich einen Internetanschluss und einen entsprechenden Computer leisten konnten. So ist match.com seit ihrem Start im Jahr 1995 eine der ältesten Online-Dating-Plattformen, die das Format von Online-Dating maßgeblich beeinflusst hat.
Profile vs. Bilder
Die ersten Online-Dating-Plattformen boten einen automatisierten Vergleich von Nutzerprofilen an, durch welchen die Nutzenden potenzielle Partner und Partnerinnen mit ähnlichen Interessen finden konnten. Von dort an hat sich der Online-Dating-Markt rapide entwickelt und ausdifferenziert. Als Folge dessen haben sich verschiedene Typen von Online-Dating herauskristallisiert.
Das moderne Online-Dating lässt sich grob in zwei Kategorien begreifen, profilbasiert und bildbasiert. Profilbasiertes Online-Dating ist als konsequente Online-Iteration der frühen digitalen Partnervermittlungen der 1960er zu verstehen. Nutzende füllen Profile aus und der entsprechende Dienst generiert eine Liste möglicher Partner und Partnerinnen, mit denen die Nutzenden entweder in privaten Live-Chats oder per asynchroner Nachrichten kommunizieren. Die Teilnahme an solchen Plattformen verlangt einen nennenswerten Zeitaufwand durch die Erstellung der Nutzerprofile, die auf eine möglichst genaue Erfassung der Person aus sind, gefolgt von einem eher förmlichen Kennenlernen.
Diese Dienste sind auf ein selbstständiges Browsen der Profile und die Kommunikation der Nutzenden ausgelegt, eventuell mit spielerisch aufgebauten Fragenkatalogen, welche die Nutzenden nach gemeinsamen Interessen oder geteilten Werten sortieren. Bekannte Beispiele sind Seiten wie OkCupid, Match, PlentyOfFish, Parship oder ElitePartner. Bedingt durch den verhältnismäßig großen Aufwand und die relative Unzugänglichkeit des Internets in den späten 1990ern und den frühen 2000ern galt Online-Dating als eine eher graue Praktik und wenig massenkompatibel. Dies änderte sich allerdings mit der Verbreitung des Smartphones und des mobilen Internets.
Bei dem neuesten, wenn auch nun schon fast 10 Jahre alten Trend im Online-Dating, handelt es sich um das bildbasierte Online-Dating und der Name ist Programm. Dienste wie Tinder, Hinge, Bumble, Muzmatch, Chispa, BLK, Upward, Grindr, Amanda oder SALT setzen auf ein minimalistisches und intuitives Interface, viele Bilder, wenig Text, und sind für die mobile Nutzung auf dem Smartphone optimiert. Dabei differenzieren sich die Plattformen entweder über eine exklusive Zielgruppe oder durch subtile Modifikationen der Tinder-Formel, wodurch das Online-Dating über zielgruppenspezifische Apps zwangsläufig zu einer zunehmenden Homogenisierung des Dating-Pools führt. Generalisten wie Tinder versuchen dabei, die breite Masse anzusprechen und sind dementsprechend populär.
Umfassendes Räderwerk: das Tinder-Prinzip
Tinder war die erste Online-Dating-Plattform, die auf schnelle, lokale, immer wieder aktualisierte Inhalte und eine niedrigschwellige, leicht in den Alltag integrierbare Nutzbarkeit gesetzt hat. Tinder gehört mit weltweit 450.000.000 Downloads und 6.900.000 zahlenden Abonnenten und Abonnentinnen2 zu den bekanntesten Diensten seiner Art, wodurch Tinder die bis dahin recht formelle Online-Dating-Landschaft durch seine verspielte Wischfunktion auf den Kopf stellte und sich zugleich einer deutlich jüngeren Zielgruppe zuwandte.
Die Funktionsweise ist denkbar intuitiv. Die Informationen über unser virtuelles Gegenüber werden uns primär über Bilder vermittelt, die uns in Form eines virtuellen Stapels präsentiert werden. Durch eine simple Wischbewegung können wir die uns vorgeschlagenen Nutzenden nach rechts wischen, um so unser Interesse zu bekunden, oder nach links wischen, um den Vorschlag abzulehnen. Hier setzen Tinder und Co. auf ein sogenanntes doppeltes Opt-in-Verfahren. Zuerst werden uns nur Nutzende angezeigt, die unseren Interessen entsprechen, sei es die relative Entfernung, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung. Auf der zweiten Ebene müssen beide Nutzende nach rechts gewischt haben. Im Falle eines solchen Treffers, dem Match, können beide Nutzende per Chat miteinander kommunizieren.
Neben den Bildern gibt es zusätzlich die Möglichkeit einer kurzen, 500 Zeichen langen Profilbeschreibung, die Bio(grafie), doch diese erweist sich im Auswahlverfahren meist als zweitrangig – Gatekeeper ist und bleibt das Bild. Gefällt das Bild nicht, wird das Profil oft gar nicht erst angesehen. Die Bio dient als Entscheidungshilfe oder zur Attraktivitätssteigerung, vermag einen negativen Ersteindruck auf optischer Ebene aber in der Regel nicht auszugleichen. Der hohe ästhetische Lustfaktor von Bildern ist aber nur ein Rädchen im umfassenderen Räderwerk von Tinder.

Die Plattform spricht durch ihren Aufbau nämlich insbesondere den Spieltrieb der Nutzenden an. Das kontinuierliche Aufdecken neuer Profile weckt die Neugier: Man will wissen, wer da als nächstes kommt. Die Wisch-Dynamik ermöglicht zudem die Entstehung eines Flow-Gefühls: Man kann sich gewissermaßen in einen spielerischen Rausch swipen.3 Durch diese spielerische Neuinterpretation wurde Online-Dating einer jüngeren Gruppe von Nutzenden zugänglich gemacht. Vorbei sind die Zeiten von mühseligen Profilen und langwierigen Anbahnungen – Online-Dating wurde plötzlich cool.
Lifestyle-Werkzeug für Generation Y & Z
Tinder orientiert sich primär an einer jungen und wohlhabenden Zielgruppe zwischen 18 und 35 Jahren. Diese Gruppe macht rund 80 % der Nutzenden aus, wobei weibliche und männliche Nutzende im Verhältnis von 1:3 stehen. Die tatsächliche Demografie der Tinder-Nutzenden lässt sich allerdings nur bedingt ermitteln.4
Tinder selbst versteht seine Zielgruppe als jung, sozial, neugierig und dennoch als einsam und isoliert. Dabei ist sich Tinder gerade seines internationalen Publikums und der möglichen kulturellen Stigmatisierung des Online-Datings bewusst.5 Tinder und andere Dienste seiner Art sehen sich innerhalb und außerhalb ihrer Nutzergruppe mit gerade zwei besonders hartnäckigen Vorurteilen konfrontiert. Zum einen befinden sich die Nutzenden schnell in der Situation, als oberflächlich abgetan zu werden. Zum anderen wird Tinder gerne mit schnellem, unkompliziertem Sex zwischen Fremden assoziiert. War das klassische Online-Dating noch klar auf die Suche nach romantischer Partnerschaft ausgerichtet, so hat sich diese Prämisse durch den Aufstieg des bildbasierten Online-Datings leicht verändert bzw. wurde weniger klar. Warum sind wir hier? Suchen wir noch Partner und Partnerinnen? Ist es nur Sex? Ist dies nur ein Zeitvertreib?
Tatsächlich hat Tinder sich die Bandbreite seiner Nutzenden und deren Motivationen schon längst zu Eigen gemacht. Social Discovery, soziale Entdeckung, so nennt sich das neue Dogma des Online-Datings. Die Nutzenden sollen Online-Dating als Werkzeug zum Schaffen neuer sozialer Kontakte wiederentdecken.6 Allerdings spricht das Tinder-Marketing eine etwas differenziertere Sprache; #SingleNotSorry, Stay Free, Life’s a game. Nach meinen Regeln – dies sind die Slogans, mit denen Tinder in Deutschland wirbt und die Botschaft ist klar. Single sein ist cool, man macht die Regeln selbst, und Freiheit ist gut. Der Subtext: Beziehungen binden, sie nehmen die Freiheit – doch mit Tinder bleibt der Ball im Rollen. Zum Vergleich: Tinders Schwester-App Hinge, auch von der Match Group, wirbt mit dem Slogan The dating app designed to be deleted – die Dating-App, die entworfen wurde, um gelöscht zu werden. Hier wird klar, Tinder und andere Apps sind nicht nur ein Service, sie verkaufen auch Ideologien und Selbstbilder. Der Unterschied im vermittelten Selbstbild verweist auf den andauernden Diskurs zwischen Bindung und Flexibilität. Dieses Problem besteht auch im Offline-Dating, doch hat Online-Dating der Marke Tinder den Prozess deutlich beschleunigt. Klar ist, Tinder und andere Online-Dating-Apps ihrer Generation verstehen sich als ein Lifestyle-Werkzeug für die Generation Y & Z und versprechen romantische und sexuelle Erlebnisse mit wenig Verpflichtungen.
Das Auge wählt
Wie bereits angesprochen, dienen die Bilder der Nutzenden als zentrale Komponente und sind zusammen mit der Bio das, worauf vor der eigentlichen Interaktion reagiert wird. Damit nimmt das Bild eine klare Gatekeeper-Funktion ein. Bei Tinder wählt also in erster Linie das Auge. Das ist kein rein technischer Unterschied, sondern hat konkrete Auswirkungen auf das Nutzungsverhalten und das Nutzungserleben. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen semantischen Systemen bzw. an der unterschiedlichen Logik von Sprache und Bild.
Sprache vermittelt eindeutige, aber komplexe Informationen, während Bilder einfachere, aber uneindeutigere Aussagen transportieren und so mehr Raum zur Interpretation bieten. Zudem suggerieren Bilder durch ihre größere Wahrnehmungsnähe eine höhere Objektivität. Was bedeutet das für die Selbstpräsentation? Sich anderen vermittelt über ein Bild zu präsentieren, hat gegenüber Text oder Sprache den Vorteil, dass weniger Kompetenzen verlangt werden. Es ist (zumindest auf den ersten Blick) leichter, ein Bild von sich zu machen, als über sich selbst einen Text zu schreiben – und es bleibt dennoch persönlicher, anders als etwa vorgefertigte Gefällt-mir-Kategorien. Außerdem wirkt das Bild unprätentiöser – eben weil es keine ganz eindeutigen Aussagen macht und die Dinge so wiederzugeben scheint, wie sie sind. Diese Prinzipien wirken auch umgekehrt auf die Betrachtenden: Bilder sind intuitiver lesbar als Texte und können schneller rezipiert werden. Bilder sind zudem emotionsverbundener und entfalten ihre ästhetischen Qualitäten direkter, weswegen sie ein unmittelbareres Lustgefühl auslösen als Texte.7 Man könnte auch sagen: Bilder lassen sich besser konsumieren.
Man ist sich recht einig darüber, dass die Erwartung einer möglichen persönlichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht die Form der Selbstdarstellung im digitalen Raum beeinflusst.8 Dabei schwankt die Darstellung der Nutzenden konstant zwischen dem idealisierten und dem authentischen Pol der möglichen Selbstdarstellung.9 Wie wollen wir uns zeigen? Als die Personen, die wir sind oder die wir gerne wären? Welche Wörter benutzen wir, um uns zu beschreiben? Was ist wichtiger, der Körper oder das Gesicht? Etwas mehr Haut? Vielleicht ein Statussymbol? Voraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am Spiel ist ein gewisses visuelles Know-how, ein meist unbewusstes Wissen darüber, was Bilder ausdrücken und wie man sich darzustellen hat, um sich anderen in einem bestimmten Licht zu präsentieren. Unbewusst ist das Wissen deswegen, weil wir es meist nicht explizieren können und so auf gewisse Konventionen der Darstellung zurückgreifen, die wir im medialen Raum kennengelernt und übernommen haben.
Darstellungstrends & Kommunikationscodes
Diese Darstellungskonventionen sind alles andere als homogen und sehr breit gefächert. Es gibt dennoch ein paar interessante Muster. Einige Nutzende pflegen eine sorgfältig ausgearbeitete Persona, wobei die Bilder als vorsichtig gewählte Beweise für den beanspruchten sozialen Status und die projizierte Identität dienen. Dabei ist das Spiel mit möglichen Identitäten ein geläufiges Phänomen, was gerade unter Jugendlichen im digitalen Raum weit verbreitet ist.10 Im Kontrast dazu setzen andere Nutzende eher auf den Reiz des Unbekannten und geben möglichst wenig preis. Ein diesbezüglicher Trend ist beispielsweise das bewusste Auslassen des Gesichts oder der gezielte Fokus auf als attraktiv angesehene Körperpartien wie z.B. die Beine, das Dekolleté oder die Bauchmuskulatur. Allerdings sind diese Darstellungstrends auf Tinder, im Gegensatz zum profilbasierten Online-Dating, bis dato wenig wissenschaftlich erforscht.


Leicht vernachlässigt bilden die bereits erwähnten Biografie-Texte einen kritischen Teil einer jeden Tinder-Strategie. Unter den Nutzenden, die Biografie-Texte verwenden, haben sich gewisse Muster eingespielt. So finden sich regelmäßig, oft im Listenformat, Beschreibungen zu Größe, Rauch- und Essverhalten, Hobbys oder Sprachkenntnissen. Codes wie „keine F+” – man sucht also mehr als nur „Freundschaft plus Sex“ – sind dabei sehr üblich. Sie klären über bestimmte No-Gos auf und sorgen so für eine schnelle Vorselektion entlang der für die Nutzenden wichtigsten Kriterien. Wird etwas nicht ausgeschlossen, bleibt es umgekehrt erst mal als latente Option bestehen.
Abgesehen von diesen Texten, die tatsächlich der Selbstbeschreibung dienen, finden sich auch häufig Nutzende, die ihr Instagram-Profil bewerben, sich durch beispielsweise kryptische Emoji-Folgen eher spielerisch beschreiben oder das Freifeld nutzen, um andere Typen von Nutzern zu kritisieren. Doch was passiert, wenn es endlich soweit ist und wir ein Match haben? Tatsächlich zeichnet sich ein neues Problem ab. Wer schreibt eigentlich zuerst? Es ist naheliegend, dass die Nutzenden, die das Match auslösen, als erstes schreiben; immerhin sind sie online, wenn es passiert.
Oftmals scheitert die Kommunikation jedoch gerade daran, dass sie gar nicht erst stattfindet. Das Tinder-System hat noch keine Lösung dafür gefunden, schüchternen Nutzenden dabei zu helfen, den ersten Schritt zu wagen. Das Phänomen ist so stabil, es hat sogar das Design der Konkurrenz von Tinder beeinflusst. So hebt sich Bumble zum Beispiel dadurch ab, dass die Frau bei einem Match als erste schreiben muss. Hat sich doch eine/r der beiden überwunden, offenbart sich meist schon das nächste Problem, denn wir wollen wissen, warum unser Gegenüber Tinder nutzt. Ist es unverbindlicher Sex, die ewige Partnerschaft oder etwas ganz anderes? Ungleiche Erwartungen sind ein Deal-Breaker und werden deswegen noch oft vor dem ersten Treffen per Chat ausgehandelt.
Online-Dating in Zeiten von Corona
Wie hat sich die Corona-Krise auf Tinder bzw. das Online-Dating ausgewirkt? Da es hierzu bislang nur sehr wenig gesicherte und vor allem kaum plattformspezifische Erkenntnisse gibt, hier nur ein paar sehr allgemeine Überlegungen und Beobachtungen. Laut Presseinformation von Tinder11 sind die Nutzungsaktivitäten seit Beginn der Krise stark gestiegen. Das nimmt erst mal nicht wunder: Die meisten Paare fanden vor der Pandemie nach wie vor auf der Arbeit, im Freundeskreis oder über ein gemeinsames Hobby zusammen. Freunde zu treffen und Hobbys nachzugehen ist natürlich schwieriger geworden, daher sind auch die Möglichkeiten, Partner oder Partnerinnen kennenzulernen, eingeschränkter. Hinzu kommt, dass viele Menschen durch die Krise soziale Entzugserscheinungen und ein gestiegenes Bedürfnis nach sozialen Kontakten haben.
Gerade Jugendliche vermissen die Möglichkeit, sich zu entfalten und in sozialen Kontakt zu ihren Mitmenschen zu treten.12 Das scheint vor dem Hintergrund der Entwicklungs- und Lebensphase logisch: In der Jugend beginnt man erstmals, ein autonomes Privatleben zu entwickeln sowie die eigene Identität und Persönlichkeit zu festigen. Hierbei spielt das Aufnehmen neuer sozialer Kontakte im öffentlichen Raum eine gewichtige Rolle, ist derzeit aber nach wie vor sehr eingeschränkt oder mit Ängsten besetzt. Tinder und Co. bieten in dieser Zeit eine der wenigen Möglichkeiten, diesem Bedürfnis nachzukommen und neue Menschen im eigenen Umkreis kennenzulernen, ohne sich einem Risiko auszusetzen oder gegen Regeln zu verstoßen.
Erste Befunde deuten darauf hin, dass nicht nur der Umfang, sondern auch die Intensität der Kommunikation auf Online-Dating-Plattformen gestiegen ist – Menschen wollen sich einander nahe fühlen13. Dennoch stellt für die meisten Nutzenden die Online-Kommunikation nur eine Übergangsphase dar. Man hat ein romantisches oder sexuelles Interesse und möchte sich so schnell wie möglich von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Denn: Zwischenmenschliche Beziehungen definieren sich nicht nur über den verbalen oder schriftsprachlichen Austausch, sondern sehr stark auch über körperliche Nähe, direkte Interaktion, gemeinsames Erleben und gemeinsame Aktivitäten. Das lässt sich eine Zeit lang kompensieren, aber auf Dauer nicht einfach substituieren.
Die Krise macht ein solches Kennenlernen natürlich nicht einfacher. Zuerst einmal können individuelle Ängste, beispielsweise vor einer Infektion, dazu führen, dass es überhaupt nicht erst zu einem physischen Treffen kommt. Falls man sich doch trifft, können weitere Hürden entstehen: Erstens sind nur noch wenige öffentliche Orte zur Herstellung von Intimität zugänglich. Kinos, Restaurants u.Ä. sind im Lockdown alle geschlossen. Zweitens gründet der Wunsch nach physischen Treffen nicht nur auf dem Wunsch nach körperlicher Nähe. Er gründet auch darauf, dass wir Menschen im Face-to-Face-Kontakt anders kennenlernen. Ob uns jemand sympathisch ist, entscheidet sich nicht nur darüber, was jemand macht, sagt oder wie er bzw. sie aussieht. Stimme, Mimik und Gestik – also das Auftreten und Gesamterscheinungsbild eines Menschen – haben sehr großen Anteil daran, welche Gefühle wir für eine Person entwickeln und ob wir den Eindruck haben, auf einer Wellenlänge zu liegen.



Alle diese Körpersignale werden durch Maske und Abstand zumindest reduziert und das körperliche Interagieren und Kennenlernen so erschwert. Es kann auch zu Unsicherheiten führen, wenn man sich letztlich doch näherkommen will, aber nicht weiß, ob die gesuchte Nähe nun ‚richtig‘ ist oder warum sie vom Gegenüber möglicherweise nicht gesucht wird. Das nimmt dem Kennenlernen etwas von seiner Leichtigkeit. Auf der anderen Seite kann zumindest das Distanzgebot aber auch ein wenig Unsicherheit aus den ersten Begegnungen nehmen. Ist man sich unsicher, wie man sich begrüßen oder ob man sich jetzt schon küssen soll, kann man diese Entscheidungen mit Verweis auf Corona erst mal recht einfach umgehen. Das erlaubt es, sich ohne großen Druck erst mal etwas distanzierter kennenzulernen.
Nicht zuletzt ist aber der Umgang mit Corona-Regeln und die Einstellung zur Krise auch zu einem Ausschlusskriterium geworden. Ob wir die Maßnahmen für richtig oder übertrieben halten, scheint mittlerweile fast ebenso wichtig wie bspw. gemeinsame Hobbys, Musikgeschmack oder politische Ausrichtung, wenn es um die Einschätzung geht, ob bzw. wie gut man zueinander passt.
Helfer in der Krise
So erweist sich Online-Dating in Zeiten von Corona – wenig verwunderlich – sowohl als Chance als auch als Herausforderung. Studien belegen immer wieder, dass insbesondere junge Menschen unter den Kontaktbeschränkungen in der Krise leiden.14 In den Jahren der Jugend und Adoleszenz ist das Bedürfnis nach romantischen oder sexuellen Kontakten besonders groß und ist Teil der persönlichen Entwicklung. Tinder und Co. können in der Krise helfen, Zeiten der sozialen Deprivation zu überstehen. Für manche mag die ungewohnte Situation sogar einen besonderen Reiz ausmachen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass die Corona-Krise das Online-Dating in besonderer Weise oder nachhaltig beeinflussen wird. In ihrer Struktur folgen die meisten Plattformen kulturellen Leitimperativen und sind weniger Gegenentwurf als Epitom einer schnelllebigen, auf Erlebnis- und Freiheitswerte ausgerichteten Multioptions- und Leistungsgesellschaft. Der individuelle Nutzen hängt aber natürlich immer von den Einzelnen ab.