Eine immense politische Hypothek lastete auf den Videomachern der ersten Stunde, wollten sie doch nichts Geringeres als das öffentlich-rechtliche Machtmonopol zu unterwandern. Verwegene Hoffnungen auf starke Bürgerbeteiligung in politischen Fragen verbanden sich, besonders in der Frühphase, mit dem Internet: E-Partizipation heißt die neue Zauberformel für politische Teilhabe. Die Möglichkeiten, Öffentlichkeit zu schaffen, sind in Zeiten des medialen Overkills enorm. Werden sich dadurch bestehende politische Strukturen ändern?
In den politisch bewegten Jahren der 60er und 70er Jahre stand das Konzept der Gegenöffentlichkeit ganz oben auf der Agenda. Das Konzept basierte auf Brechts Radiotheorie, den Schriften des sowjetischen Avantgardekünstlers Sergei Michailowitsch Tretjakow sowie der Arbeiterkulturbewegung. Vor allem Autoren, die der kritischen Theorie nahe standen, wie Oskar Negt und Alexander Kluge oder Hans Magnus Enzensberger, entwickelten das Konzept weiter und galten in dieser Zeit als die Protagonisten einer Bewegung, die der übermächtigen Bewusstseinsindustrie authentische und basisnahe Informationen und Wirklichkeitserfahrungen entgegensetzen wollten. In ihrem viel zitierten Werk „Öffentlichkeit und Erfahrung“1 formulierten Negt/Kluge die Grundlagen einer Gegenöffentlichkeitsbewegung. Ergänzt wurden Negt/Kluges Äußerungen durch einen im Jahr 1970 erschienenen Artikel im Kursbuch Nummer 20 mit dem Titel „Baukasten zu einer Theorie der Medien“2. Hier wurde in Anlehnung an Brecht der emanzipatorische Mediengebrauch definiert, der jeden Empfänger zum potenziellen Sender macht. Dieses emanzipatorische Konzept wurde wie auch Negt/ Kluges Werk von der in dieser Zeit aufkeimenden Videobewegung dankbar aufgenommen. Denn durch die tragbaren Videorekorder und -kameras wurde Video als Medium für einen breiten Nutzerkreis interessant. Nicht nur Hobbyfilmer waren von diesem Medium begeistert, sondern auch Jugendliche, Pädagogen, Studenten und politische Gruppierungen. Videoarbeit war angesagt und hat sich seit dieser Zeit auch in der Kinder- und Jugendarbeit etabliert.
Bürgermedium Video
Die Vorzüge von Video lagen vor allem darin, dass das Medium attraktiv, sowie leicht und schnell verfügbar ist. Diese Vorzüge führten dazu, dass Video als „Bürgermedium“ rasch Verbreitung fand und von vielen Gruppierungen als Medium der Gegenöffentlichkeit genutzt wurde. Die Videoarbeit als eine der wichtigsten Ausprägungsformen der alternativen Medienarbeit wurde geboren, das Medium Video als Kommunikationsmittel zur Durchsetzung eigener Interessen und Anliegen eingesetzt. Ziel dieser Arbeit war es, „die Apparatur jenen zur Verfügung zu stellen, die keinen Zugang zu den großen Medien haben und die nicht hoffen können, ihre Probleme jemals von diesen Medien angemessen berücksichtigt zu finden„.3 Dabei ging man von einem latenten Veröffentlichungsbedürfnis dieser Gruppen aus. Gearbeitet wurde sowohl mit Randgruppen, als auch mit Interessengruppen in Stadtteil-Projekten. Ihre Alltagsprobleme, die unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle des Fernsehens und der Zeitungen liegen, wurden aufgegriffen und gemeinsam mit den Betroffenen einer Öffentlichkeit zugeführt. Da das Fernsehen als Veröffentlichungsmedium den eigenen Interessen entgegenstand, wurden eigene Veröffentlichungsformen in Kneipen und Szenetreffs geschaffen. Die anfängliche Euphorie verschwand jedoch, als klar wurde, dass die Videos niemand sehen wollte und die teils schlechten Kamera- und Tonaufnahmen auf Unverständnis beim Publikum stießen. Die Videobewegung spaltete sich. Ein Teil versuchte sich zu professionalisieren und im Fernsehbereich unterzukommen, der andere Teil verlagerte seine Aktivitäten auf den Bereich der Jugendarbeit.
So wurden Ende der 70er Jahre verstärkt Medienzentren und Medieninitiativen gegründet, die sich zum Ziel setzten, aktive Medienarbeit im Bereich der Jugendarbeit zu etablieren. Medien für die eigene Lebensbewältigung und -gestaltung zu nutzen, stand im Mittelpunkt einer handlungsorientierten Medienpädagogik, wie sie von Fred Schell in seinem Buch „Aktive Medienarbeit mit Jugendlichen“ beschrieben wurde. Ausgangspunkt dieser Medienarbeit mit Jugendgruppen war es, „junge Menschen für einen kompetenten und selbstbestimmten Umgang mit den Medien zu qualifizieren„.4 Medien sollten dabei als gemacht und machbar erfahrbar werden und Jugendliche befähigen, ihren Umgang mit Medien selbst und bewusst zu kontrollieren und zu steuern. Medien als Mittel gesellschaftlicher Kommunikation und Partizipation zu begreifen und zu gebrauchen, war ein weiteres Ziel einer Medienarbeit, deren Ziel es war, die Interessen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen.
Anything goes
Diese Ziele gelten auch heute noch, allerdings haben sich vor allem im Bereich der Partizipation und Teilnahme an öffentlicher Kommunikation die Grenzen verschoben. Galt es in den 70er und 80er Jahren noch, den etablierten und immer stärker kommerzialisierten Medien eine eigene Medienkultur entgegen zu stellen, so ist es angesichts des gegenwärtigen „Anything goes“ nicht mehr die Frage, eigene Medieninhalte zu veröffentlichen, sondern in der Vielzahl von Veröffentlichungsmöglichkeiten eigene Formen von Öffentlichkeit zu finden. Vor allem das Internet hat dazu beigetragen, dass jeder und jede alles über sich im Netz veröffentlichen kann. Dies führte zur „Selbstentblößung und Bloßstellung in den Medien“5, bei der Privates öffentlich und somit Intimstes allen zugänglich wird. Mit Gegenöffentlichkeit oder Partizipation hat das jedoch nichts mehr zu tun. Zwar wird hier jeder Empfänger auch zum potenziellen Sender, aber die Protagonisten können die Medien weder als Mittel gesellschaftlicher Kommunikation und Partizipation nutzen, noch haben sie irgendeinen Einfluss auf diese Öffentlichkeit. Ganz im Gegenteil, ihre Daten werden gespeichert und alles, was sie veröffentlichen, kann später gegen sie verwendet werden: die flotten Partybilder, die anzüglichen Sprüche, die Selbstdarstellung im Netz.
Doch wie können in Zeiten des medialen Overkills Öffentlichkeiten gefunden werden, die in den Händen derjenigen liegen, die sie produzieren? Nun, dazu gab es in den letzen Jahren verschiedene Ansätze und Ideen sowohl online als auch offline. Vor allem die zahlreichen jugendeigenen Medienfestivals haben dazu beigetragen, dass mediale Produktionen von Jugendlichen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. Sowohl Film- als auch Audio- und Hörfestivals haben sich bundesweit sowohl auf regionaler als auch auf überregionaler Ebene etabliert und werden von vielen Mediengruppen dankbar nachgefragt. Aber auch die offenen Kanäle sowie die Aus- und Fortbildungskanäle haben Möglichkeiten geschaffen, Video- und Audiobeiträge von Kindern und Jugendlichen in die öffentliche Kommunikation einzuspeisen. Jugendradios und Jugendfernsehsender sind Beispiele solch gelungener Öffentlichkeiten für Jugendliche. In Sendungen wie Störfunk, Funkenflug oder matzTV spiegeln sich jugendeigene Inhalte wider, die den einstigen Alternativsendern wie Radio Dreyeckland oder Radio Freies Wendland in nichts nachstehen. Natürlich sind sie nicht in erster Linie politisch bewegt, doch die Inhalte, die aufgegriffen werden, sind die der Jugendlichen, und ihre Umsetzung findet in ihrer Sprache statt.
Mediale Präsentation im Internet
Als Distributionskanal für audiovisuelle Produkte von Kindern und Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren aber auch das Internet etabliert. Hier galt es zunächst die spezifischen Bedingungen des Mediums zu berücksichtigen, um wahrgenommen zu werden. So kommt es für eine Präsentation im Internet nicht darauf an, dramaturgisch ausgefeilte Fernseh- oder Kinofilme zu produzieren und diese ins Internet zu stellen, sondern das Netz zur schnellen Verbreitung zu nutzen und kurze digitale Clips zu generieren, die in den Weiten des Datennetzes für alle zur Verfügung stehen. Für diese Art der Öffentlichkeit ist – wie Jürgen Ertelt bereits im Jahre 2000 anmerkte – die Webcam sicher eher geeignet6 als eine professionelle Digi-Betacam und ein AVID-Schnittsystem. Auch stellt sich die Frage, wie diese Öffentlichkeit produziert wird. „Wer sagt denn, dass ein Video einen Anfang und ein Ende haben muss…?“ „Warum findet der Schnitt meist nachts mit zwei vertrauten Personen im Studio und nicht mit 1000 Ideengebern im Netz statt?“ „Wieso sollte eine Produktion nicht Schrift oder Ton dort Vorrang geben, wo bewegtes Bild nicht die bessere Lösung ist?“ „Ist der PC nicht der geeignetere Videorecorder?“7
Ähnlich argumentiert Franz Josef Röll, der durch Multimedia eine Veränderung beim Medium Video sieht.8 Das Medium Video steht nicht mehr allein, sondern wird in ein multimediales Netz integriert. Fernsehen, Video und Internet verschmelzen und Videos werden in Multimedia-Applikationen und Webseiten integriert. Da es bei Multimedia kein abgeschlossenes narratives Konzept mehr gibt, werden auch unserer Denk- und Wahrnehmungsweisen verändert. Videos werden nach Röll „als Module konstruiert sein, die unterschiedliche Filmvariationen repräsentieren. Neben dieser parallelen, alternativen oder auch zielgruppenspezifischen Dramaturgie werden die Videos der Zukunft vermutlich als Hotspot-Montage entstehen. Wie man bei Multimediaanwendungen Bildbereiche durch einen Hotspot belegt, von dem dann weitere Hypermediaprodukte angeklickt werden können, wird es Navigationsmodule geben, die … Vertiefungen und Ergänzungen aus anderen Medienbereichen ermöglichen (Grafiken, Hintergrundinformationen, ergänzende Filme).“9 Damit ergeben sich aber auch eine ganze Menge neuer Veröffentlichungsformen im Netz, die noch lange nicht ausgeschöpft sind.
Neue Beteiligungsformen
Eine neue Form der Verbreitung medialer Botschaften stellt sicher auch das Handy dar. Fast jeder Fotoapparat und jedes Handy bieten inzwischen die Möglichkeit damit zu filmen. Zwar wird diese Funktion von vielen Kindern und Jugendlichen eher beiläufig genutzt und die dabei entstandenen Aufnahmen werden häufig gleich wieder gelöscht, doch die ständige Verfügbarkeit einer Kamera im Alltag bietet Potenziale, die bisher nur unzureichend genutzt werden. Auch die SMS-Kommunikation oder die Kommunikation via Twitter ermöglicht es schnell Botschaften auszutauschen, sich zu informieren und sich mit Gleichgesinnten zu verständigen. Die technischen Möglichkeiten bieten hier eine Vielzahl von Möglichkeiten, es kommt lediglich darauf an, sie für die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu nutzen. So wurden SMS-Botschaften bei Demonstrationen eingesetzt, um sich gegenseitig zu informieren und gemeinsame Strategien abzusprechen. Auch Blogs und Foren eignen sich dafür, sich mit Gleichgesinnten zu verständigen und politische Aktionen zu planen. Hier haben politische Gruppen in den letzten Jahren eine Menge neuer Möglichkeiten gefunden, ihre individuellen Öffentlichkeiten zu pflegen.
Eine neue Form der politischen Partizipation stellt schließlich auch die E-Partizipation dar. Mit dem Stichwort E-Partizipation wurde eine Zauberformel gefunden, die die Bürgerbeteiligung an der politischen Willensbildung revolutionieren sollte. Der Begriff E-Partizipation setzt sich dabei aus den beiden Begriffen „elektronisch” und „Partizipation” zusammen. Elektronische Partizipation wird als neue Form der Wissenskommunikation zwischen Staat und Bürger verstanden, die zu einer Erweiterung der repräsentativen Demokratie und einer Veränderung eines laufenden Politikprozesses führen soll. Ziel von E-Partizipation ist es, den politischen Willensbildungsprozess zu stärken und Bürger bei Entscheidungen zu politischen Fragestellungen mit ein zu beziehen.10 Durch die direkte Einbeziehung der Öffentlichkeit in die Konsensfindung soll somit die Planungssicherheit und Legitimität politischer Entscheidungen sichergestellt werden.
Die Entscheidungsgewalt bleibt jedoch nach wie vor beim politisch-administrativen System. Somit ist E-Partizipation lediglich eine Form der Bürgerbeteiligung, die an den bestehenden Strukturen wenig ändert. Doch damit sind wir an einer Frage, die grundsätzlich jedem Partizipationsansatz zu stellen ist: Wie weit geht die Einflussnahme, und wer setzt die Grenzen? Ähnlich wie in den 70er Jahren mit Hilfe der Gegenöffentlichkeit die Gesellschaft nicht grundsätzlich umgekrempelt werden konnte, kann mit E-Partizipation kein gesellschaftliches System in Frage gestellt werden. Ob Gegenöffentlichkeit oder E-Partizipation, sie scheitern immer dann, wenn wirtschaftliche Interessen dagegen stehen. Doch sowohl Gegenöffentlichkeit als auch E-Partizipation sind für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft unabdingbar, denn sie ermöglichen zumindest eine Teilhabe an gesellschaftlicher Entwicklung. Denn Änderungen sind häufig ja nur langsam umzusetzen und wie heißt es so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein.