Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine Illustration aus der Mythologie, die Engel, einen Schwan und Fische zeigt.

Von griechischen Epen und YouTube-Hits

Das Geheimnis guter Geschichten

Storytelling ist als Buzzword derzeit in aller Munde. Nicht nur im Bereich klassischer Stoffentwicklung wie der Roman-, Serien-, und Filmproduktion, sondern auch im Bereich der Unternehmens- und Markenkommunikation spielt es derzeit eine große Rolle. Doch was ist Storytelling überhaupt? Was kann es bewirken? Und wie erzähle ich eine gute Geschichte – von traditionell bis transmedial?

Geschichten sind so vielseitig wie ihre Erscheinungsformen: Von der Komödie bis zur Horrorgeschichte, vom sechssekündigen Vine-Clip bis zum Serienepos wie The Sopranos (USA, 1999-2007), vom Monoplot- bis zum Multiplot-Werk wie George R.R. Martins A Song of Ice and Fire („Das Lied von Eis und Feuer“, USA 1996 bis heute) mit seinen unzähligen Parallelhandlungen und Schauplätzen. Kurz: Genre, Umfang, Komplexität, Anzahl der Akte, Ausspielmedium… – all dies sind variable Bausteine im Handwerk des Storytellers, jedoch kein Hinweis auf die Qualität der Geschichte selbst.

Fragt man im Bekanntenkreis nach den jeweiligen Lieblingsgeschichten, erhält man die unterschiedlichsten Angaben, stark subjektiv geprägt. Fragt man jedoch nach den Gründen dafür, dass es sich bei eben jenen Geschichten um die favorisierten Geschichten handelt, stößt man auf eine Reihe von Charakteristiken, die sich bei steigender Anzahl der Befragten schnell wiederholen. So individuell die Antwort auf die Frage „Was ist eine gute Geschichte?“ auch ausfallen mag, ein Merkmal vereint tatsächlich alle beliebten und bekannten Geschichten: Sie entfalten bei ihrem Publikum eine starke emotionale Wirkung.

It’s not about what happens to people on a page; it’s about what happens to a reader in his heart and mind.1

Ein Storyteller transportiert zuallererst Informationen; im Gegensatz zur Vermittlung reiner Daten und Fakten bedienen Geschichten jedoch diverse emotionale Bedürfnisse des Menschen.2 Doch wie erzeugt ein Erzähler eine derartige emotionale Wirkung? Wie gelangt er in Herz und Geist eines Lesers oder einer Zuschauerin? Schauen wir uns hierzu eine Geschichte exemplarisch genauer an:

YouTube-Hit mit emotionaler Wirkung

Das Kamerabild ist verwackelt, wie von einer Handycam aufgenommen. Es zeigt uns den Blick von der Fantribüne auf das Fußballfeld des Chelsea-Stadions. In dessen Mitte, umringt von seinen Teammitgliedern und deren Kindern, hält ein Spieler seine Abschiedsrede. Leicht verzerrt durch den Lautsprecher hallt seine Stimme durchs Stadion: „Ich muss mich auch bei meiner Mannschaft bedanken…“ Ein zierlicher Junge, nicht älter als ein, zwei Jahre, entfernt sich von der Gruppe, einen Fußball vor sich her tretend. Er schwankt dabei, noch unsicher auf den Beinen. Niemand aus der Gruppe beachtet ihn zunächst. Schon verschwindet der Junge aus dem Blickfeld der Kamera. „Nicht nur diese hier“, klingt es weiter aus den Lautsprechern, „sondern auch alle anderen, mit denen ich gespielt habe… Sie waren fantastisch!“ Auf der Fantribüne wird es lauter.

Die Kamera schwenkt nach links, weg von den Fußballprofis, und findet den Jungen mit seinem Ball. – Und mit einem Mal realisieren wir, worauf der Junge zusteuert: das Tor am unteren Spielfeldrand, noch etliche Meter von ihm entfernt. Der Junge ist klein, seine Beine viel zu kurz, um den Ball vernünftig zu lenken. Er stolpert, fällt auf den Ball. Versucht sich aufzurichten und fällt noch einmal auf den Ball, der ihm bis zum Knie reicht. Kurz scheint es, als würde der Junge aufgeben. Doch er richtet sich wieder auf, steuert weiter auf das Tor vor seinen Augen zu. Noch einmal nimmt die Lautstärke auf den Rängen zu, die Fans applaudieren, Anfeuerungsrufe sind zu hören. Doch der Jubel gilt nicht mehr dem sich verabschiedenden Spieler, der inzwischen verstummt ist. Im Zentrum der Zuschaueraufmerksamkeit steht nun der Junge mit seinem Fußball. Mit jedem Schritt, den er dem Tor näherkommt, wird der Lärm auf den Rängen lauter, die Rufe anfeuernder. Er kreuzt die Linie zum Torraum, ist weniger als sechs Meter vom Tor entfernt, überwindet diese. Und dann hat er es geschafft: Junge und Ball überqueren die Torlinie.

Die Menge tobt, lacht und feiert. Der Junge scheint einen Moment lang vom Jubel überfordert, da reißt er die Fäuste zur Siegerpose in die Luft, und dreht sich zu den Spielern auf der Feldmitte zu. Jetzt rastet das Publikum wirklich aus, Gegröle und Fangesänge erklingen. Und während der Vater des Jungen auf diesen zuläuft, die Arme ebenfalls jubelnd erhoben, hören wir noch einmal über die Stadionlautsprecher die Stimme des scheidenden Mannschaftskameraden: „Sie sind die Zukunft!“

Während der Vater seinem Sohn applaudiert, kristallisiert sich aus den Rufen und Gesängen eine Melodie heraus: „Sign hm up, Sign him up, Sign him up!“…Außerhalb des Kamerabildes wird der Fußball in die Feldmitte getreten. Begleitet vom Sign-him-uUp-Singsang läuft der Junge dem Ball hinterher und auf den Rest des Teams zu. ENDE.

Diese Geschichte ist nicht der kreativen Eingebung einer Autorin zu verdanken, sondern dient als möglichst detailgetreue Nacherzählung eines der erfolgreichsten Fußball-Videos auf YouTube mit mehr als 14 Millionen Zugriffen: Josh Turnbull – Sign Him Up!3. Mehr als 5.000 Mal wurde das einminütige Video seit seinem Upload 2013 kommentiert. „My face broke from smiling“, schreibt einer der User.4 „Love this. Love the crowd cheering him on. And then him raising his hands. This is just too awesome!“, kommentiert ein anderer.5 Diese und etliche ähnliche Kommentare zeigen, welch emotionale Kraft und Wirkung das Video um den kleinen Jungen beim Zuschauer entfaltet. Aber woher stammt diese Kraft? Was liegt ihr aus dramaturgischer Sicht zugrunde?

Obwohl – oder gerade weil – es sich hierbei nicht um das fiktionale, auf emotionale Wirkung getextete Werk einer Erzählerin handelt, lohnt sich ein Blick auf die dem Video innewohnenden Erzählstrukturen und -elemente im Bezug auf bekannte dramaturgische Prinzipien und Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, Jahrhunderte und sogar Jahrtausende.

Mit allen klassischen Story-Elementen

Um eine emotionale Wirkung bei einer Leserschaft oder einem Publikum hervorzurufen, es „zu fesseln“ und „zu packen“, bedienen sich Storyteller häufig kleiner (oder größerer) dramaturgischer Kniffe und Techniken. Der Cliffhanger zur Spannungserzeugung am Kapitel-, Akt- oder Episodenende ist solch ein dramaturgischer Kniff; der durch Hitchcock bekannt gemachte MacGuffin ein anderer.6

Doch viele dieser Elemente sind genrespezifisch begrenzt und nicht allgegenwärtig.

Anders sieht es aus mit den folgenden Elementen, die laut Robert McKee zur Zusammensetzung des Classical Designs7, des klassischen Story-Modells gehören, wie es bereits zur Zeit der griechischen Antike in den großen Dichtungen und Sagen, aber auch heute noch in den meisten erfolgreichen Kino-Blockbustern wie den Star Wars– und Indiana Jones-Filmen oder den Bestsellerbuchreihen Harry Potter und Tintenherz zu finden ist. Viele von McKees Erkenntnissen führen bis zu Aristoteles’ „Poetik“ (335 v. Chr.) zurück und wurden in diversen Formen von Dichtern und Wissenschaftlern wie Friedrich Schiller, Gustav Freytag und Lajos Egri erweitert und neu verfasst, zumeist mit dem klassischen Drama als zentralem Forschungsobjekt.

Quelle: Christina Maria Schollerer

Bestandteile dieses klassischen Story-Designs sind:

1. Ein aktiver Protagonist/eine aktive Protagonistin

Der Held/die Heldin der Geschichte ist nicht zwingend ein „Held“ im üblichen Sinne. Auch eine zunächst unscheinbare Figur kann fesseln, wenn sie im Konfliktfall außergewöhnlich reagiert und über sich hinauswächst.

Der kleine Junge im Video (Josh Turnbull) ist willensstark genug, den Ball ins Tor zu befördern.

2. Ein klares Ziel

Auch „Objekt der Begierde“ genannt; wobei jenes „Objekt“ beispielweise sowohl der Rettung einer geliebten Person, dem Gewinn einer Meisterschaft oder einfach einer Tasse Kaffee (Oh Boy, D 2012) entsprechen kann. Wir interessieren uns für Charaktere, die ein nachvollziehbares Ziel verfolgen und bereit sind, für deren Erreichung Unwägbarkeiten auf sich zu nehmen.

Josh Turnbulls Ziel ist ein physisch greifbares: das Tor.

3. Eine starke antagonistische Kraft

Unser Held braucht einen starken Gegenspieler, der ihn – zumindest auf Zeit – von seinem Ziel trennt. Diese Kraft kann sowohl in menschlicher, tierischer, oder sogar in nicht-materieller Form in Erscheinung treten.

Josh Turnbulls Antagonist steckt in der großen Distanz zum Tor und den kurzen Beinen, die das gleichzeitige Laufen und Treten des großen Balls deutlich erschweren.

4. Konflikt

Der Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist bildet das Zentrum der Handlung. Ein Konflikt weist Spannungspotential auf, wenn der Antagonist potentiell stärker und der positive Ausgang der Zielverfolgung für den Helden – zumindest zeitweise – unwahrscheinlich erscheint.

Josh Turnbull ringt mit dem Ball und der Entfernung, stolpert und fällt an einer Stelle des Videos sogar kurz hin. Kurz scheint es, als würde er aufgeben, doch er hält durch und bezwingt die Entfernung trotz aller Unwahrscheinlichkeit.

5. Erregendes/Auslösendes Moment

Das auslösende Element oder die ausschlaggebende Situation, die den Helden dazu bringt, aktiv zu werden, sein Ziel zu finden und anzugehen.

6. Spannung

Spannung entsteht dort, wo die ErzählerIn Informationen zurückhält; entweder vor dem Rezipienten (A) oder vor seinem Protagonisten (B).

(A) Der Zuschauer weiß nicht, ob Josh Turnbull sein Ziel erreichen wird. Durch sein Stolpern scheint es zeitweise sogar sehr unwahrscheinlich.

Ein fiktives Beispiel für Version (B) wäre (typisch für Horrorgeschichten): Wir als Zuschauer sehen, dass sich hinter dem Jungen ein Raubtier anpirscht. Er ahnt nichts davon, läuft munter weiter, doch wir schrumpfen vor Spannung auf dem Sofa zusammen und empfinden Angst um unseren Helden.

7. Überraschende Wendepunkte

Wendepunkte stellen wichtige Werkzeuge zur Erzeugung von Spannung dar. Sie geben der Handlung eine neue Richtung. Bei klassischen Geschichten, die in drei Akte – Anfang, Mitte und Ende8 bzw. Exposition, Konfrontation, Auflösung – gegliedert sind, spricht man grundsätzlich von zwei zentralen Wendepunkten, sogenannten Plot Points, die jeweils Akt 1 und 2 sowie Akt 2 und 3 trennen beziehungsweise den nächsten Akt einleiten.9 Fesselnde Geschichten enthalten jedoch darüber hinaus weitaus mehr kleinere und größere Wendepunkte.

Josh Turnbull scheint nach dem erfolgreichen Tor von der Reaktion des Publikums kurz überfordert. Er reagiert unerwartet, reißt die Arme in die Höhe und lässt sich feiern.

8. Auflösung

Am Ende besiegt der Held die antagonistischen Kräfte (Happy End) oder wird von ihnen besiegt (Tragödie).

Josh Turnbull überwindet die Distanz und erreicht letztlich das Tor und damit sein Ziel.

9. HOOK-HOLD-PAYOFF-Dreiklang

Laut Robert McKee besteht die Aufgabe eines guten Story-Designs darin, das Interesse der Rezipienten für sich zu gewinnen, es zu halten und am Ende zu belohnen.10 Das heißt: Jede Geschichte benötigt mindestens ein Element des Anreizes (Hook), der Spannung (Hold) und der Belohnung (Payoff).

Im Video ist der niedliche, kleine Junge mit seinem weit entfernten Tor unser Hook. Die Frage, ob er sein Ziel erreicht wird zum Hold; wir bleiben „dran“, wollen es wissen. Der Payoff erreicht uns in doppeltem Maße. Josh Turnbull erreicht sein Ziel. Verstärkt wird dieser Moment des Triumphs aber durch seine Handgeste und das Johlen der Fans. Die oben genannten User-Kommentare beweisen, dass dieses Moment der Belohnung vollste Wirkung zeigt.

Parallel zum Classical Design existieren heute diverse Erzählformen, die bewusst mit diesem brechen. Offene Enden, Zeitsprünge, unzuverlässige Erzähler… – wer die klassischen Erzähltechniken verinnerlicht hat, kann mit den Elementen spielen.

Geschichten wichtiger als Plattformen

Eine Protagonistin wie Elizabeth „Lizzie“ Bennet aus Jane Austens Pride and Prejudice (England 1813) bleibt eine faszinierende Figur unabhängig davon, ob sie im Romanformat, TV-Mehrteiler, Kinofilm oder gar transmedial (wie in The Lizzie Bennet Diaries, USA 2012-2013) inszeniert und erzählt wird.

Dem viel beklagten Rückgang der Aufmerksamkeitsspanne begegnen gerade deutsche Redaktionen allzu häufig mit (vermeintlich) neuen, innovativen Spielarten der klassischen Erzählform, des „Tellings“: Formate werden transmedial, interaktiv, nonlinear, multiperspektivisch oder partizipatorisch erzählt. Und das ist gut so, weil das Spiel mit der Form zur Weiterentwicklung und Erforschung des Geschichtenerzählens von großer Bedeutung ist. Aber – und das ist der relevantere Faktor – keine dieser Spielarten ist dauerhaft als Lösungsansatz für die schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne geeignet. Keine neue Erzählweise kann langfristig über einen minder entwickelten Hauptcharakter oder Plot hinwegtäuschen und das Publikum binden.

Im Gegenteil: Je neuartiger und komplexer die technologische Umsetzung einer Geschichte, desto klarere und klassischere Erzählstrukturen und -elemente sind notwendig, um den Rezipienten emotional für die Geschichte zu gewinnen. Oder anders formuliert: Je komplexer und neuartiger die Erzählweise und das technische Medium, desto stärkere Hook– und Hold-Elemente benötigt eine Story, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erlangen und zu halten. Gerade im Bereich der Transmediaproduktion mit den für sie typischen Mediensprüngen ist es von größter Bedeutung, faszinierende Charaktere, spannende Konflikte und überraschende Handlungsbögen zu erzählen. Und auch wenn sich die Erzählweisen von Medium zu Medium, Genre zu Genre etc. unterscheiden: Die Geschichten – der emotionale Kern des Storytellings, seine grundlegenden Bestandteile und Strukturen – haben sich in den letzten Jahrtausenden11 kaum verändert.

Für die Entwicklung neuer Erzählformate heißt das: Die Geschichte ist immer bedeutender als die Plattform(wahl). Geschichtenklassiker wie Pride and Prejudice, Romeo und Julia oder die Abenteuer des Sherlock Holmes sind zeitlos und vielfältig adaptierbar, denn sie sprechen ebenso zeitlose Emotionen an und befriedigen die emotionalen Bedürfnisse ihres Publikums – unabhängig davon, ob analog oder digital, innovativ oder klassisch erzählt.

Titelbild: The New York Public Library/Unsplash


Anmerkungen
  1. 1. Gordon Lish
  2. 2. Weiterführende Lektüre: Dona Cooper (1997): Writing Great Screenplays for Film and TV, New York.
  3. 3. „Josh Turnbull – Sign Him Up!“ (Upload: Ashkon Nosrat) – https://youtu.be/ZzDB70d9AUU; Stand: 29. Juli 2015.
  4. 4. Kommentar: Jonathan Ortiz.
  5. 5. Kommentar: Francisco Montoya.
  6. 6. Einen Überblick über derartige wiederkehrende Elemente, Tropen genannt, vermittelt u.a. die Online-Plattform tv.tropes.org.
  7. 7. Vgl. Robert McKee (1997): Story, S. 45.
  8. 8. Vgl. Aristoteles (335 v. Chr.): Poetik.
  9. 9. Vgl. Syd Field (1979): Screenplay – The foundations of screenwriting.
  10. 10. S. Debra Eckerling: An Interview with Robert McKee – http://www.storylink.com/article/321; Stand: 29. Juli 2015.
  11. 11. Vgl. Aristoteles (335 v. Chr.): Poetik.