Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Eine als Geist verkleidete Person, mit Sonnenbrille und Telefon in der Hand

Wenn Jugendliche Horror, Action und Brutales favorisieren

Zur Bedeutung der Rezeption gewalthaltiger Medien im Jugendalter

Die Frage nach sozialschädlichen Auswirkungen von Mediengewalt auf junge Menschen ist immer wieder Gegenstand medial-öffentlicher Diskussionen. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurde das Thema sehr intensiv diskutiert – „Horror-Videos“ in den 1980er, „Gewaltfernsehen“ in den 1990er,„Killerspiele“ seit den 2000er Jahren. Dabei wurden Befürchtungen stetig wiederholt, mehr Kontrolle und Verbote entsprechender Medieninhalte eingefordert. In diesem Artikel wird die Nutzung von Mediengewalt im Kontext der Lebenswelt Jugendlicher betrachtet. Zuwendungsmotive und Verarbeitungsformen der jugendlichen Rezipient:innen stehen aus entwicklungspsychologischer und sozialisationstheoretischer Perspektive im Fokus.

Betrachtet man die Wirkungsvorstellungen, die im medial-öffentlichen Diskurs über Mediengewalt oftmals vorherrschend sind, wird deutlich, dass diese fast durchweg einer traditionellen Medienwirkungsforschung entstammen und von einer pauschal verrohenden Wirkung von Mediengewalt ausgehen. Es gilt hier ein medienzentrierter Ansatz, d. h. der Inhalt steht im Vordergrund, Person und soziales Umfeld werden ausgeblendet: Der/die Rezipient:in erscheint als passives Objekt im Wirkungsprozess. Obwohl dieser reduktionistische Ansatz von der heutigen Medienwirkungsforschung nicht mehr vertreten wird, bleiben diese Wirkungsbilder in der medial-öffentlichen Diskussion virulent. 

Spätere Ansätze der Medien(wirkungs)forschung betonen die Eigenaktivität des Rezipienten bzw. der Rezipientin in Auseinandersetzung mit den Medieninhalten. Zentral erscheint die Erkenntnis, dass eine Selektion, eine Interpretation wie auch eine Verarbeitung der Medieninhalte auf Rezipientenseite erfolgt: Der/die Rezipient:in tritt als aktives Subjekt im Wirkungsprozess auf. Insbesondere handlungstheoretische Ansätze der Medienforschung verstehen Medienrezeption als Interaktion zwischen Medieninhalt und Rezipient:in. Dabei müssen deren Erfahrungen und Bedürfnisse und je spezifischen Lebenswelten sowie die Prozesse der Alltagsbewältigung mitberücksichtigt werden.

In diesem Beitrag wird auf die Bedeutung der Rezeption gewalthaltiger Medieninhalte im lebensweltlichen Kontext von Jugendlichen eingegangen. Als Gegenstand der Analyse bieten sich insbesondere Action- und Horrorfilme an, „die sozusagen die ‚Idealtypen‘ dargestellter (fiktiver) Gewalt sind“.1Angesichts der narrativen Struktur vieler Bildschirmspiele sind nachfolgende Erkenntnisse auch für diese Medien relevant.

Vor dem Hintergrund aktueller Ansätze der Medienrezeptionsforschung lassen sich folgende strukturellen Dimensionen der Medien(gewalt)rezeption nennen, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen:2

  • Sinnstruktur der Mediengewalt, d. h. das (kulturelle) Wahrnehmungs- und Deutungsangebot des (gewalthaltigen) Medieninhalts
  • Subjektstruktur des/der Rezipient:in, d. h. Bedürfnisse wie auch vorhandene (Medien)Kompetenz
  • Sozialer Kontext, sowohl hinsichtlich der konkreten Rezeptionssituation selbst als auch in Bezug auf den lebensweltlichen Kontext (insbesondere Kommunikationsformen in Familie und unter Freunden etc.)

Teil der Populärkultur

Filmische Gewalterzählungen weisen Besonderheiten auf, die sich zum einen in der populärkulturellen Bedeutung und zum anderen in der formalen und inhaltlichen Struktur entsprechender Medieninhalte zeigen. Als Teil der Populärkultur sind Filme im Allgemeinen und Action- und Horrorfilme im Speziellen im Rahmen populärer medialer Unterhaltung zu verorten und sind damit auch Kristallisationspunkte für Fantum bzw. medienbezogener Jugendkulturen.3Wesentlichen Wiedererkennungswert erhalten Action- und Horrorfilme auch durch ihre Medienfiguren, d. h. der im narrativen Kontext handelnden Protagonisten bzw. Antagonisten. Dies ist vor allem im Hinblick auf die Serialisierungstendenzen von entsprechenden Filmen von Relevanz. So sieht Winter eine wesentliche Motivation für die Zuwendung zu einem Film darin, das Vertraute und Gewohnte wieder zu erleben: Zum einen bestehe gerade bei Fortsetzungsfilmen das Vergnügen darin, eine vertraute Heldenfigur bei neuen Abenteuern zu erleben, zum anderen fasziniere auch das Erkennen von Genrekonventionen, da man sich so einer Kultur zugehörig fühlen kann, die man kennt und in der man seinen Platz hat.4

Ein weiterer Aspekt der Faszinationskraft gewalthaltiger Medieninhalte erschließt sich durch die Betrachtung der formalen Struktur. Action- und Horrorfilme zeichnen sich auf der Bildebene durch dynamische und intensive Gestaltungsmittel aus, welche auf der Tonebene entsprechend unterstützt werden. Auf dieser formal-strukturellen Ebene wird Spannung erzeugt, die „zu einer starken physiologischen Erregung der Zuschauer bei[trägt]“.5Interessant hierbei sind die Ergebnisse von Reß, der in einer detaillierten Filmanalyse von Horrorfilmen u. a. den Rhythmus der Kameraeinstellungen untersuchte. Von der Annahme ausgehend, dass die Dauer der jeweiligen Kameraeinstellungen (und damit einhergehend die spezifische Schnittart) der Horrorfilme in einer engen Beziehung zur erlebten Spannung der Rezipient:innen steht, kommt Reß zu folgendem Ergebnis: „Die Ähnlichkeiten zwischen Struktur moderner Horrorfilme und der der jugendlichen Gefühlswelt sind unverkennbar. Es kann angenommen werden, daß Heranwachsende in Horrorfilmen für ihre ‚Wechselbäder der Gefühle‘ eine Entsprechung suchen und finden. Oder noch allgemeiner formuliert:

Die Faszination des Horrorfilms liegt für junge Menschen in der Seelenverwandtschaft zwischen Medium und Betrachter.6

Neue Verhaltensweisen quasi-real erleben

Auf narrativer Ebene beziehen sich Filmerzählungen grundsätzlich auf die Alltagswelt des Publikums und bilden Modelle von Wirklichkeit. Auch wenn der dargebotene Alltag nur wenig mit der Alltagsrealität der Zuschauer:innen übereinstimmt, kann er von den Rezipient:innen verstanden und unter Einbezug eigener lebensweltlicher Erfahrungen als quasi-real erlebt werden. Die Darbietung eines möglichen Alltags erlaubt dabei, sich den Grenzen der eigenen Alltagsrealität zu entledigen und neue Verhaltensweisen und Handlungsmuster in der Fantasie zu erproben. 

Narrativ betrachtet handelt es sich bei gewalthaltigen Filmen um Erzählungen von Macht und Ohnmacht mit – je nach Genre – unterschiedlichen Betonungen. So wird hier der (meist friedliche) Alltag der Protagonist:innen durch Aufkommen einer Bedrohung massiv ge- bzw. zerstört. Erst am Ende, nach narrativ begründeter, meist notwendiger Gewaltanwendung der „Guten“, ist das „Böse“ besiegt und die konventionellen Regeln des Alltags bestehen wieder. Das Verletzen einer Regel – der Tabubruch innerhalb des Plots, das Hereinbrechen der Bedrohung – verdeutlicht so letztendlich deren Existenz.7Hier wird deutlich, dass in den populären Action- und Horrorfilmen durchaus normative und moralische Bewertungen der Gewalt zu finden sind. 

Die tatsächliche Bewertung der dargestellten Gewalt im Rezeptionsprozess ist jedoch abhängig von dem normativen und sozialen Bezugssystem und damit nicht losgelöst von den lebensweltlichen Kontexten des Individuums. Das symbolische Material, welches die Action- und Horrorfilme bereitstellen, ermöglicht es, sich mit verschiedenen Wertstandpunkten auseinanderzusetzen und eine darauf bezogene eigene moralische Positionsbestimmung vorzunehmen. 

Die Gefühlswelt ausloten

Aufgrund der formalen und auch narrativen Struktur der Action- und Horrorfilme bieten Filme dieser Genres zuallererst besondere emotionale Erlebnisqualitäten in der Rezeptionssituation. Damit kommen entsprechende Filme dem jugendlichen Bedürfnis entgegen, ihr erweitertes Gefühlsspektrum, welches sich durch die psychosoziale Entwicklung ergibt, auszukundschaften bzw. damit zu experimentieren. 

Die häufigste Antwort der Jugendlichen auf die Frage, warum sie solche Filme favorisieren, ist, dass sie spannend seien. Das Phänomen der Spannung beschreibt Wierth-Heining dabei als „psychisches Erlebnis […], das während der Rezeption solcher Erzählungen stattfindet, die sich durch eine Unkalkulierbarkeit der Entwicklungsverläufe auszeichnen“8. Die Involvierung der Rezipient:innen in die Erzählstruktur des Films stellt dabei sicher, dass die Gefahren, denen ein:e Protagonist:in innerhalb des Plots ausgesetzt ist, empathisch nachvollzogen werden können. Vorderer präzisiert diese „involvierte Rezeption“ als eine spezifische Erfahrungssituation, „bei der es möglich ist, vorübergehend ‚kognitiv-emotional aus der Realität auszubrechen‘, um dabei (spielerisch) ‚Quasi‘- bzw. ‚stellvertretende Erfahrungen‘ zu machen“9

Der Spannung in solchen Erzählungen kann hierbei eine stimmungsregulierende Funktion zukommen, um z. B. Langeweile zu vertreiben. Andererseits kann aber auch die Belastungs- bzw. Stresssituation, in die man sich durch eine involvierte Rezeption begibt, selbst das Zuwendungsmotiv sein. So kann auch, wie Vorderer konstatiert, „die Gelegenheit, intensive körperliche Erfahrungen zu machen“ im Mittelpunkt stehen.10Ein anderes Konzept, welches auch das Bedürfnis nach intensiven körperlichen Gefühlen betont, ist das der Angstlust von Balint11. Angstlust umschreibt das genussvolle Erleben von Gefahr. Diese Gefahr darf jedoch niemals eine elementare Bedrohung des eigenen Lebens sein, sondern muss zu bewältigen sein. Es handelt sich also vielmehr um eine fiktive, vorgestellte Gefahr, auf die mit einer „Als-ob-Angst“ reagiert wird. Nach Rogge12 kann eine durch Angstlust motivierte Mediennutzung dabei als positives Stimulierungspotenzial betrachtet werden, auch um zu lernen, mit eigenen Ängsten umzugehen. Als populärkulturelle Texte halten sich Action- und Horrorfilme in der Regel an (unterschiedliche) bestehende Genrekonventionen und versprechen insbesondere medienerfahrenen Rezipient:innen ein kontrolliertes Erleben von Angstlust: „Die Zuschauer lassen sich gewissermaßen auf ein Spiel mit Emotionen wie Angst, Furcht, Schrecken, Ekel, Horror etc. ein, weil sie wissen, dass der ‚viewing contract‘ nicht gebrochen und die Genrekonventionen eingehalten werden“13.

Bearbeitung von Identitätsthemen

Neben den bisher beschriebenen emotionalen Erlebnisqualitäten „Spannung“ und „Angstlust“ ist ein weiteres Element der Faszination von Action- und Horrorfilmen die Bearbeitung von Identitätsthemen. Im Rahmen der Identitätsentwicklung streben Jugendliche nach Identifikationsfiguren. Diesbezüglich sei darauf hingewiesen, dass es hinsichtlich medialer Identifikationsangebote nicht darum geht, sich an konkreten Verhaltensmodellen zu orientieren und das medial Dargebotene im Alltagshandeln zu imitieren. Vielmehr dienen Medienfiguren als „Rollenmodell, an denen die kindlichen und jugendlichen Mediennutzer eigene Rollenvorstellungen erproben können“14

Gerade die Erzählungen in Action- und Horrorfilmen, die sich grundlegend um Macht und Ohnmacht der Protagonist:innen drehen, können aus dieser Sicht für Jugendliche bedeutsam werden: die Machtlosigkeit gegenüber den körperlichen Veränderungen, das Hin und Her der Gefühlslagen, der entwicklungsbedingte Verlust vertrauter Bezugspersonen, die Konfrontation mit gesellschaftlichen Erwartungen, das Spannungsverhältnis von Autonomiestreben und auferlegten Einschränkungen, Selbstdiskrepanzerfahrungen, nicht zuletzt auch die Erfahrungen struktureller Gewalt und das Leiden an den gesellschaftlichen Umständen. Anders gesagt: „Die Macht, die Dinge nach dem eigenen Willen zu bewegen, findet in der Form nur ihren Platz in adoleszenten Größenphantasien“15.

Wierth-Heining sieht entsprechend den zentralen Ausgangspunkt der Faszination an medialer Gewalt in der Identifikation mit der Heldenfigur: „Diese Identifikation entspricht dem Wunsch, den lähmenden alltäglichen Ohnmachtsgefühlen enthoben zu sein, seine Hoffnungen und sein Schicksal erfolgreich selbst in die Hand nehmen zu können, also nicht länger mehr nur Objekt, sondern endlich einmal Subjekt der Ereignisse zu sein“16. Entsprechend sind es die Eigenschaften der Heldenfiguren und ihre Durchsetzungskraft gegenüber den (narrativ) gegebenen Umständen, was Jugendliche an ihnen fasziniert. 

Abseits der konkreten Orientierung an den Eigenschaften der Medienfiguren, finden Jugendliche auch ihre spezifischen Entwicklungsthemen in den Action- und Horrorfilmen wieder. So verweist der Kampf um Autonomie, wie er in Action- und Horrorfilmen symbolisch vermittelt wird, recht deutlich auf das für das Jugendalter zentrale Thema der Ablösung von den Eltern. Auch die Solidarität der bedrohten (Gleichaltrigen-)Gruppe wird in diesem Zusammenhang thematisiert.17

Welches die handlungsleitenden Themen der Jugendlichen sind, die die Zuwendung zu Action- und Horrorfilmen bedingen, hängt von den biographisch-lebensweltlichen Erfahrungen sowie den aktuellen Entwicklungsthemen und Sozialisationsbedingungen ab. Die Filmvorlieben verändern sich daher im Laufe des Jugendalters ständig, entsprechend den relevanten Entwicklungsthemen.18 Hierzu stellt Hausmanninger fest: „Ein entsprechender Gebrauch des Films legt sich vor allem für die Zeit der Pubertät nahe, die vielfältige Verunsicherungen innerhalb der sich noch konstruierenden Persönlichkeit evoziert“.19

Mikos fasst hinsichtlich der Bedeutung von Action- und Horrorfilmen für die Identitätsthemen zusammen: „Diffuse Ängste von Verlassensein, Minderwertigkeitsgefühle, Allmachtsphantasien etc. erhalten in den Action- und Horrorfilmen einen narrativen Rahmen und werden visuell präsentiert. Man kann daher solche Filme auch als symbolische Objektivationen der Befindlichkeiten von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Persönlichkeitsentwicklung lesen.“20

Zutritt für Erwachsene verboten

Des Weiteren spielt der soziale Kontext der Medienrezeption eine wesentliche Rolle. Wie verschiedene Untersuchungen feststellen, ist der Konsum von gewalthaltigen Filmen oftmals ein gemeinschaftliches Gruppenerlebnis. Insbesondere im Jugendalter, welches im sozialen Nahbereich durch Ablösung von den Eltern und der Hinwendung zur Peergroup charakterisiert ist, spielt die gemeinsame Freizeitgestaltung mit den Gleichaltrigen und die darin verortete Mediennutzung eine besondere Rolle. Dabei kann auch das Gruppenerlebnis selbst das entscheidende Motiv für die Rezeption von Action- und Horrorfilmen sein. Unter günstigen Umständen befriedigt die gemeinschaftliche Rezeption sowohl Unterhaltungs- als auch Kontakt- und Zugehörigkeitsbedürfnisse. Die Rezeption spielt sich hier innerhalb der „Solidargemeinschaft Peergroup“ ab, innerhalb eines selbstgestalteten Raums, in der die Jugendlichen „ihren Emotionen und ihrer Spontaneität freien Lauf lassen, ohne den energischen Einspruch der Erwachsenen befürchten zu müssen“21.

Innerhalb der gemeinschaftlichen Rezeptionssituation kann es damit „in diesen Gruppen auch um die Inszenierung von Qualitäten wie Selbstbehauptung, Coolness oder Affektbeherrschung“ gehen.22Vor allem gewalthaltige Filme provozieren in besonderem Maße sichtbare Reaktionen der Rezipient:innen (z. B. Hände vor das Gesicht halten, Zusammenzucken). Das Aushalten-Können der gewalthaltigen Szenen kann so den Charakter einer Mutprobe haben und dient – im Idealfall – der Bestätigung und Stärkung der jugendlichen Persönlichkeit durch die Positionierung innerhalb der Gruppe: „Der Film selbst ist in dieser Situation das Medium mit dem die Altersgruppe die Prüfung auf Gruppenzugehörigkeit ritualisiert“23. Neben der Bildung von Gemeinsamkeiten und Gruppenzugehörigkeiten bieten gewalthaltige Medien auch die Möglichkeit der Abgrenzung von Erwachsenen und deren Erwartungen. Dies gilt in besonderem Maße in Bezug auf die eigenen Eltern der Jugendlichen und steht damit gleichsam für den Prozess der Ablösung vom Elternhaus: „Die ablehnende Haltung der Erwachsenenwelt entspricht zusätzlich der jugendkulturellen Abgrenzung der Elterngeneration gegenüber, welche als notwendiger Sozialisationsschritt gewertet werden kann. Konsum ‚verbotener‘ Medien wird damit zu einer Handlung innerhalb des jugendlichen Autonomiestrebens als Loslösung von elterlicher Fremdbestimmung und Kontrolle“24.

Durchaus gefährdende Nutzungsformen

Es zeigen sich vielfältige Anknüpfungspunkte zwischen medialer Gewaltsymbolik und den Lebenswelten Jugendlicher, die sich aus dem Geflecht der drei strukturellen Dimensionen der Medienrezeption ergeben: So bieten gerade gewalthaltige Medien den Jugendlichen ein Handlungsfeld, in dem sie in besonderem Maße ihre Gefühlswelt ausloten können (Spannung, Angstlust). Auch können spezifische Aspekte ihres (alltäglichen) Lebens sowie damit verbundene Entwicklungsthemen und/oder -probleme über die symbolischen Medieninhalte bearbeitet werden. Nicht zuletzt ermöglicht populäre Mediengewalt in ihren Ausprägungen den Jugendlichen auch in der Gemeinschaft spezifische Erlebnisse (Gruppenzugehörigkeit, Initiation, Abgrenzung). 

Mit diesem Fokus auf Zuwendungsmotiven und Verarbeitungsformen jugendlicher Mediennutzer:innen soll an dieser Stelle nicht die Harm- oder Wirkungslosigkeit medialer Gewaltdarstellungen für Jugendliche unterstellt werden. So kann die Nutzung gewalthaltiger Medien durchaus gefährdende Formen annehmen wie beispielsweise eine dysfunktionale Bearbeitung von Wut- oder Angstgefühlen, problematische Konstruktionen männlicher Identität oder die Bestärkung gewaltbefürwortender Einstellungen – sei es vor dem Hintergrund intergenerationaler Weitergabe von Gewalt in der Familie oder gewaltorientierter Peergroups. Es geht vielmehr darum, nicht erst am Ende der Rezeption anzusetzen (Medienwirkungen), sondern auch die Kontexte der Nutzung gewalthaltiger Medienangebote ins Blickfeld zu rücken. 

Das symbolische Sinnangebot der Mediengewalt steht immer in alltäglichen, sozialen, individuellen, kulturellen, biographischen wie auch aktuellen Deutungszusammenhängen und erhält erst vor diesem Hintergrund seine Bedeutung für den/die Rezipient:in. Folglich gilt es zu berücksichtigen, dass es sehr individuelle Rezeptionshaltungen, -motive und -stile bei Jugendlichen gibt, die unterschiedlich einzuschätzen und vor dem Hintergrund verschiedener konkreter Alltagswelten zu interpretieren sind. Berücksichtigt man diesen Sachverhalt, wird nochmals deutlich, dass monokausale Wirkungsbilder bzw. Betrachtungen des Medienumgangs Jugendlicher losgelöst von deren sozialen und lebensweltlichen Kontexten, reduktionistisch und außerstande sind, Medienrezeption (und damit auch Medienwirkungen) hinreichend zu erfassen.


Anmerkungen
  1. 1. Wierth-Heining, M. (2000): Filmgewalt und Lebensphase Jugend: Ein Beitrag zur Faszination Jugendlicher an medialer Gewalt. Kopäd, S. 17.
  2. 2. vgl. Fischer, T. A. (2018): Mediengewalt in der Lebenswelt Jugendlicher: Eine Analyse von Wahrnehmungen, Deutungen und Bewertungen fiktionaler Gewalt vor dem Hintergrund eines interaktionalen Modells der Medien(gewalt)rezeption im Jugendalter. Oldib, S. 171ff.
  3. 3. Vogelgesang, W. (2002): Jugendkulturen und Medien: Aktuelle Ergebnisse der Jugendforschung. Vortrag vom 01.10.2002. http://www.waldemar-vogelgesang.de.
  4. 4. Winter, R. (1992): Filmsoziologie: Eine Einführung in das Verhältnis Film, Kultur und Gesellschaft. Quintessenz, S. 68.
  5. 5. Mikos, L. (1995): Zur Faszination von Action- und Horrorfilmen. In: Friedrichsen, M. & Vowe, G. (Hrsg.), Gewaltdarstellungen in den Medien (S.166-193). Westdeutscher Verlag, S.169.
  6. 6. Reß, E. (1990): Die Faszination Jugendlicher am Grauen: Dargestellt am Beispiel von Horror-Videos. Königshausen & Neumann, S. 50.
  7. 7. Wulff, H. J. (1985): Die Erzählung der Gewalt: Untersuchungen zu den Konventionen der Darstellung gewalttätiger Interaktion. MAkS, S. 12.
  8. 8. Wierth-Heining, M. (2000), S. 66.
  9. 9. Vorderer, P. (1997): Action, Spannung, Rezeptionsgenuß. In: Charlton, M. & Schneider, S. (Hrsg.), Rezeptionsforschung: Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien. Westdeutscher Verlag, S. 84.
  10. 10. Ebd., S. 252.
  11. 11. Balint, M. (1959): Angstlust und Regression. Klett-Cotta.
  12. 12. Rogge, J. U. (1991): Vom Gebrauch des Video-Horrors – Stil, Körpererfahrungen, Angst-Lust und Leiden. In: Büttner, C. & Meyer, E. W. (Hrsg.), Rambo im Klassenzimmer (S. 140-178). Beltz.
  13. 13. Mikos, L. (1995), S. 173
  14. 14. Mikos, L.; Winter, R. & Hoffmann, D. (2007): Mediennutzung, Identität und Identifikationen: Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen. Juventa, S. 12
  15. 15. Wierth-Heining, M. (2000), S. 55.
  16. 16. Hervorhebung im Original: Wierth-Heining, M. (2000), S. 55
  17. 17. Vgl. Mikos, L. (1995)
  18. 18. Barthelmes, J. & Sander, S. (2001): Erst die Freunde, dann die Medien: Medien als Begleiter in Pubertät und Adoleszenz. Deutsches Jugendinstitut.
  19. 19. Hausmanninger, T. (2002): Vom individuellen und lebensweltlichen Zweck der Nutzung gewalthaltiger Filme. In: Hausmanninger, T. & Bohrmann, T. (Hrsg.), Mediale Gewalt. Fink, S. 250.
  20. 20. Mikos, L. (1995), S. 176
  21. 21. Vogelgesang, W. (1991): Jugendliche Video-Cliquen: Action- und Horrorvideos als Kristallisationspunkte einer neuen Fankultur. Westdeutscher Verlag, S. 218.
  22. 22. Baacke, D.; Schäfer, H. & Vollbrecht, R. (1994): Treffpunkt Kino – Daten und Materialien zum Verhältnis von Jugend und Kino. Juventa, S. 121.
  23. 23. Kimm, S. (2004): Gewalt spielen – die Bedeutung der Interaktivität für die Wirkung medialer Gewaltdarstellungen auf Angst und Aggression. Univ. Diss. Dortmund, S. 85
  24. 24. Ebd., S. 85 f.