Laufstegtrainings, Fotoshootings oder Singstarcontests stehen bei Mädchen hoch im Kurs, denn sexy Weiblichkeit ist heute wichtig fürs Selbstwertgefühl. Solche Angebote ziehen Mädchen an, doch kollidieren sie mit den Zielen feministischer Mädchenarbeit. Um an den Interessen von Mädchen anzuknüpfen, mediale Aufmerksamkeit zu erlangen und aus der Masse herauszustechen, gibt es alternativ zeitgemäße Formen, die Spaß machen, aber auch Entwicklungschancen für die Mädchen und die Mädchenarbeit bereithalten. Kennen Sie z.B. jugendkulturelle Aktionen wie flashmobs, horsemanning oder planking?
Wenn Sexualisierung zur Emanzipation wird, läuft Mädchenarbeit ins Leere!
Dies ist eine provokante These, die das Feld aufmachen soll, um das es in diesem Beitrag geht: um Veränderungen im Lebensgefühl von Mädchen und jungen Frauen im Kontext massiver Werbebotschaften, TV-Soaps und TV-Contests, gegenseitiger Regulierungen in Peergroups und politischer und medialer Diskurse über die „Alphamädchengeneration“. Im Mittelpunkt steht die Frage, was das für eine Mädchenarbeit bedeutet, die sich in ihrem politischen und historischen Selbstverständnis den Benachteiligungen von Mädchen und deren Beseitigung verschrieben hat. Was aber, wenn diese zwar real vorhanden, von vielen Mädchen aber nicht mehr oder noch nicht gespürt oder sogar vehement bestritten werden? Wo kann Mädchenarbeit dann ansetzen im Kontakt mit Mädchen, die sich als gleichberechtigt bezeichnen, egal, wie prekär ihre Lebenslagen tatsächlich sind? Und was können Zugänge sein, die Mädchen erreichen?
Lebenswelten Heute – sexy, sexy, sexy
Vieles hat sich verändert an gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit: Mädchen und Frauen wird heute zugestanden und gleichzeitig auch abverlangt, dass sie bildungsorientiert sind, sich durch eigene Erwerbstätigkeit finanzieren, selbstbewusst auch Leitungsfunktionen anstreben und ihren Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes leisten.
Vieles ist aber auch gleich geblieben oder hat sich noch verstärkt: Frauen sollen (mehr) Kinder bekommen und sich hauptsächlich verantwortlich fühlen für die Familie, damit die Wirtschaft weiterhin nahezu zeitlich unbegrenzt auf Männer zugreifen kann. Das haben bereits 15-jährige Mädchen adaptiert. In Aufsätzen, die Realschülerinnen zum Thema „Ein Tag in meinem Leben in zwanzig Jahren“ im Landkreis Celle 2012 schrieben, sahen sie sich selbst voll berufstätig und alleine verantwortlich für Kinder und Haushalt. Ehemänner erschienen nur als schmückendes Beiwerk, attraktiv und abwesend. Gefragt danach, warum sie sowohl die volle Berufstätigkeit als auch die familiäre Verantwortung bei sich sähen, antworteten sie: „Wir sollten doch schreiben, wie es wird und nicht, wie wir es gerne hätten.“1 Und während die Anforderung an die Familienverantwortung eher als Konstante von Weiblichkeit bestehen bleibt, hat sich die Bedeutung von Schönheit und Sexyness für das Selbstgefühl von Mädchen dramatisch verstärkt. Der mediale Einfluss verändert die Bedeutung, die der Begriff Schönheit für Mädchen hat. Sie werden ständig begleitet von Werbebildern und –filmen, von Schönheitscontests à la Heidi Klum, die straff definierte weibliche Körper verlangen und den Mädchen die Richtschnur dafür liefern, wann ein weiblicher Körper schön ist. Sexy und weiblich werden zu austauschbaren Begriffen und dieses neue Credo wird den Mädchen als Emanzipationsschritt verkauft.2So gibt es in den Zuschreibungen kaum noch etwas, was als Benachteiligung oder Herabwürdigung von Weiblichkeit wahrgenommen werden kann – ganz im Gegenteil. Reale Erfahrungen in diesem Bereich werden verleugnet oder verdrängt, um dem hippen Bild des modernen Mädchens zu genügen.
Mädchenarbeit meets sexy girls
Mädchenarbeit tritt in der Tradition der zweiten Frauenbewegung seit den 1970er Jahren an, um strukturellen Benachteiligungen, Abwertungen und einseitigen Zuschreibungen entgegenzutreten. Ziel ist es, für Mädchen Räume zu schaffen frei von von Unterdrückung und Sexualisierung, ihnen gleichberechtigte Zugänge zu Ressourcen und selbstbestimmte Entwicklungsräume zu eröffnen und an der gesellschaftlichen Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern zu arbeiten.
Lange Zeit traf dies das Lebensgefühl vieler Mädchen, die die angebotenen Schutzräume der Mädchenarbeit dankbar annehmen konnten und wollten. Nun aber treffen zwei Perspektiven aufeinander, die so kaum mehr kompatibel sind: Viele Mädchen fühlen sich eben nicht benachteiligt oder können erlebte Benachteiligungen und Erniedrigungen nicht zugeben, weil sie gegen die modernen Weiblichkeitsbilder verstoßen. Schon das Angebot eigener, jungenfreier Räume und Räumlichkeiten lehnen insbesondere viele jugendliche Mädchen für sich ab. Und sie konzentrieren sich sehr stark auf ihre körperliche Präsentation: Sexy Weiblichkeit ist immens wichtig für das Selbstwertgefühl, was ebenfalls kollidiert mit den Zielen feministischer Mädchenarbeit, die Mädchen ja gerade Freiräume außerhalb dieser Zuschreibungen schaffen möchte. Erfahrungen aus Mädchenangeboten zeigen, dass vorpubertäre Mädchen immer noch gerne und dankbar Mädchenräume annehmen, dass es aber schwieriger wird, jugendliche Mädchen zu gewinnen bzw. zu begeistern. Dies gelingt in der Offenen Jugendarbeit oftmals dann, wenn den Themen/Wünschen von Mädchen entsprochen wird: Laufstegtrainings, Fotoshootings, Singstarcontests oder das Nachspielen von Germanys Next Top Model stehen auf der Wunschliste von Mädchen hoch oben und Mädchenarbeit geht diesen Wünschen nach, um über genau diese Orientierungen mit ihnen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen oder einfach, weil mit solchen Angeboten Mädchen zu erreichen sind. Einerseits bieten diese Angebote Anknüpfungspunkte, um mit Mädchen ins Gespräch zu kommen über Themen wie Schönheitswahn, Schlankheitswahn und Selbstbilder, andererseits werden dadurch wieder genau die Orientierungen bedient, mit denen Mädchen sowieso schon den ganzen Tag und überall konfrontiert sind.
Neue Antworten auf alte Themen
Was also kann Mädchenarbeit tun? Wie kann sie insbesondere jugendliche Mädchen erreichen, ohne dass diese sich als besonders und damit ausgegrenzt fühlen müssen? Wie kann dem Bedürfnis von Mädchen, in einer medialisierten Welt aufzufallen, wahrgenommen zu werden und dabei sexy und schön zu sein, herauszustechen aus der Masse und trotzdem dazuzugehören, entsprochen werden, ohne gleichzeitig den Schönheitswahn noch zu fördern und trotzdem den Themen der Mädchenarbeit verpflichtet zu bleiben? Fest steht: den Laufsteg- und Fotosessionambitionen von Mädchen nachzugeben und so zu versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen über den Schönheitsdruck, dem sie ausgesetzt sind und über Selbstbilder, ist nur eine und nicht die beste Methode: Zwar können Fotos mit Fotoshop oder anderen Programmen mit Mädchen gemeinsam bearbeitet werden, so dass sie erkennen, auch wir können auf Bildern aussehen wie Topmodels, weil alles manipulierbar ist, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Mädchen sich wieder mit dem Thema Schönheit beschäftigen, dass sie Posen ausprobieren und versuchen, so auszusehen wie Klum und Co.
Sinnvoller erscheint es, zwei andere Komponenten zusammenzuführen und daraus alternative Angebote für Mädchen zu entwickeln: Jugendkulturen und Antworten auf die Frage, wonach suchen und streben Mädchen eigentlich, wenn sie „Topmodel“ sein wollen? Denn: Vom tatsächlichen Arbeitsalltag eines Modells wissen sie zumeist wenig und würden ihn wahrscheinlich auch nicht mögen. Um was geht es also bei dem Wunsch nach Modelsein und Schönheit und Sexyness? Es geht um Anerkennung der eigenen Person, um Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, darum, berühmt zu werden oder zumindest doch „in die Medien zu kommen“, von möglichst vielen Menschen gesehen und gekannt zu werden, etwas Außergewöhnliches zu sein oder zu tun, ohne sich gleichzeitig auszugrenzen oder nicht mehr zu den Szenen der Gleichaltrigen dazuzugehören. In einer Welt der Medien ist es wichtig, auch medial präsent zu sein: Man will selbst Fotos oder Filme ins Netz stellen oder eben fotografiert und gefilmt werden, um damit viele Menschen zu erreichen. Es geht um die Inszenierung des Körpers, um Schönheit und Ästhetik, aber auch um Köperbeherrschung. Und es geht darum, etwas zu tun oder zu sein, was nicht jede/jeder kann oder ist.
Was kann Mädchenarbeit mit diesen Analysen und Interpretationen im Kontext heutiger Jugendkulturen anfangen? Sie kann eben jene jugendkulturellen Szenen und Inszenierungen nutzen, um Mädchen Angebote zu machen, in denen sie genau das bekommen, wonach sie suchen − aber ohne immer wieder die gleichen Schönheitsanforderungen zu bedienen. Da sind z. B. öffentlichkeitswirksame Aktionen wie flashmobs, (siehe meine Anmerkung weiter oben) bei denen sich Jugendliche im Netz verabreden, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, um dort eine gemeinsame Aktion durchzuführen. Das können politisch motivierte Aktionen sein, in denen Reden von Politikerinnen oder Politikern gestört werden oder auf Missstände aufmerksam gemacht wird. So legten sich z. B. 2012. Dutzende von Jugendlichen in gelben Overalls mit aufgedruckten Atomkraftzeichen wie tot vor den Hauptbahnhof in Bern und lösten dadurch Medieninteresse und rege Gespräche zwischen Passanten über die Absicht der Aktion aus. Es erfordert Mut und Körpergefühl solche Aktionen durchzuhalten, das Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit wird befriedigt, das Gruppengefühl gestärkt und ein politisches Zeichen gesetzt. Gerade Letzteres lockt Mädchen auch außerhalb von Mädchenarbeit gerade. Die erstmalig im Jahr 2013 weltweit ausgerufene Aktion gegen Gewalt gegen Mädchen und Frauen „one billion rising“ ist ein gutes Beispiel für eine solche Aktion. http://www.youtube.com/watch?v=fL5N8rSy4CU
Horsemanning statt Fotoshooting
Aber auch ohne politischen Impetus kann eine ähnliche Wirkung erreicht werden, die den Zielen einer feministischen Mädchenarbeit durchaus entspricht und gleichzeitig Mädchen vieles von dem anbietet, wonach sie streben: singen in der U-Bahn, sich exponieren, andere motivieren und damit einen spaßigen, aber auch machtvollen Augenblick inszenieren. One Billion Rising ist ein so ein Beispiel. Oder wie wäre es mit Planking, Owling, Batmanning und Horsemanning?

Alles coole jugendkulturelle Aktionen, die viele der Bedürfnisse bedienen, die Mädchen mit Fotoshootings und Ähnlichem zu befriedigen suchen, besonders wenn Filme und Fotos der Aktionen ins Netz gestellt und in sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. Gleichzeitig wird die Fantasie von Mädchen gefragt, sie müssen sich mit ihren Körpern beschäftigen, sie müssen sich was trauen, in die Öffentlichkeit gehen, filmen, fotografieren und posten. Solche jugendkulturellen Ansätze, die Körperthemen mit Spaß verbinden und mit Themen, die Mädchen sonst noch bewegen, die ihnen Öffentlichkeit bieten und Exponiertheit und Aufmerksamkeit im Netz, könnten neue Wege aufzeigen zwischen den „hippen Alphamädchen“ und der feministischen Mädchenarbeit, auf denen beide Seiten gewinnen: Mädchen könnten sich mit ihrem Körper und dem Bekannt werden beschäftigen und Mädchenarbeit würde wieder Räume bieten, die Freiheiten und Entwicklungschancen bereithalten. Dafür muss es eine enge Anbindung der Mädchenarbeit sowohl an jugendkulturelle Szenen als auch neue Medien geben. Der Gewinn für die Mädchenarbeit könnten zeitgemäße Konzepte sein, die Mädchen auch in ihrer Selbstdefinition als stark und gleichberechtigt ansprechen und trotzdem Diskursräume über Sexismus eröffnen.
Ein neues Angebot für Mädchen (und Jungen), sich über ihre Gedanken zur Gleichberechtigung und zu wichtigen Lebensthemen zu äußern, ist die vom BMFSFJ geförderte Website www.meinTestgelaende.de. Es handelt sich um ein Projekt der Bundesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit e.V. in Kooperation mit der BAG Mädchenpolitik e.V. Die Website soll ein Testgelände für Jungen und Mädchen sein, auf dem sie sich äußern, sich einmischen, eigene Themen aufmachen, miteinander kommunizieren und gemeinsam arbeiten können. Gefördert werden bis zunächst einmal Ende 2015 bundesweit Redaktionsgruppen, die Beiträge einstellen. Daneben können aber auch Jugendliche eigenständig Beiträge einreichen: Video oder Audio, Foto oder Text: Alles ist möglich. Eine Plattform, in der Jugendliche aller (wie viele? Geschlechter sich präsentieren, sich aufeinander beziehen, sich auseinandersetzen und ihre Meinungen äußern können. Mädchenarbeit könnte sich hier einklinken mit Redaktionsgruppen oder Adhoc-Gruppen von Mädchen und unter Nutzung der neuen Medien neue Zugänge zu Mädchen und für Mädchen eröffnen.