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Heldenfiguren im Blockbuster-Kino: Erzähltradition und Botschaft

Welche ungekannten Fähigkeiten schlummern in mir? Welche großartigen Abenteuer und Herausforderungen kann ich meistern? Stellvertretend für die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer lassen populäre Kinohits Träume wahr werden: Ob Harry Potter, Frodo Beutlin oder Katniss Everdeen – am Ende haben sich die jungen Helden weiterentwickelt und den Übergang von einer alten zu einer neuen Identität durchlaufen. Der nachfolgende Beitrag greift einen Teilaspekt der Faszination von Jugendlichen für die Geschichten des Mainstream-Kinos auf und beleuchtet deren Vorliebe für Heldenfiguren. Er erläutert die archetypische Grundstruktur moderner Heldenreisen und wirft einen kritischen Blick auf die Lösungen, die die Blockbuster ihren jungen Filmhelden eröffnen.

Auch wenn die Zahlen der Jugendlichen, die ins Kino gehen, insgesamt rückläufig sind, bestätigen beispielsweise die Kinobesucher-Studien der Filmförderungsanstalt (FFA) immer noch alljährlich, dass Jugendliche bis 19 und junge Erwachsene bis 29 Jahre die wichtigsten Besuchergruppen im deutschen Kino stellen. So kommt etwa die aktuelle FFA-Studie „Der Kinobesucher 2015“1zu dem Schluss: „Der Anteil der Jugendlichen und Twens lag in 2015 bei 41 Prozent.“2

Dass das Kino für junge Leute nach wie vor ein zentraler Ort der Ablösung vom Elternhaus, der Entwicklung von Freundschaften und auch erster Liebeserfahrungen ist, steht also weiterhin außer Frage und wird durch die FFA-Studien nachhaltig bestätigt; das Kino und darin die Filmrezeption von Jugendlichen gehen zudem stets mit ästhetischem Erleben einher. 

Das Filmerlebnis wiederum ist gebunden an emotionale Prozesse, etwa der Identifikation des Publikums mit einer Filmfigur, von der der Fernsehwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Mikos annimmt, dass „Identifikation ein Verstehen voraussetzt, das nur möglich ist, wenn man sich in andere Personen hineinversetzt. Eine Identifikation findet jedoch erst dann statt, wenn man diese andere Person mit der eigenen Person vergleicht und Übereinstimmungen feststellt.“3 Die Identifikation des Zuschauers bezieht sich also in erster Linie auf die soziale Rolle, die die inszenierte Figur im Film repräsentiert.

Daher ist es denn auch keineswegs zufällig, dass die Mehrzahl der Protagonistinnen und Protagonisten in Filmen des Blockbuster-Kinos Jugendliche oder junge Erwachsene sind. Sie bilden mit ihren Geschichten und Charakterentwicklungen ideale Projektionsflächen für das mehrheitlich ebenfalls jugendliche Kinopublikum, das „affin für Blockbuster“4 ist.

Queste – die Suche nach einer Lösung

Die Mehrzahl der Blockbuster-Filme, die sich − auch aufgrund der neuen filmtechnischen Möglichkeiten der CGI (Computer Generated Imagery) − seit der Jahrtausendwende neben traditionellen Genres wie Action, Thriller, Science Fiction und Komödien sehr stark dem Fantasy-Genre (z.B. Herr der Ringe) und der Comic-Verfilmung (z.B. Spider-Man) zugewandt haben, stehen in der Tradition der Queste. Abgeleitet vom lateinischen Quaestio bedeutet Queste oder Quest so viel wie Forschung, Frage oder Aufgabe. In der mittelalterlichen Dichtung bildete die Queste ein spezifisches Handlungsmodell in der Aventiure-Literatur, also im Abenteuer-Roman.5

In mündlicher, später auch schriftlicher Überlieferung erzählten die Alten den Jungen von Ehre und Moral, vom Verhaltenskodex des Kriegers und vom Umgang der Generationen miteinander, von Verantwortung, Liebe und Vertrauen. Verpackt waren die ethischen Botschaften ins Geschichtenerzählen von klassischen Götter- und Heldensagen wie die Abenteuer des Odysseus, des König Artus oder der Nibelungen. So erfuhren die Zuhörer von Verlockungen, Versuchungen und von bösen Mächten, mit denen die Helden stets um die Durchsetzung des Guten ringen müssen.

Immer bezeichnet die Queste die Suche eines Helden oder einer Heldin nach der Lösung für eine oder mehrere Aufgaben. Diese Suche war und ist auch heute noch in der modernen Abenteuer- und Fantasy-Literatur wie in den entsprechenden Filmgenres mit Fragen verbunden, die dem Helden gestellt werden oder die er sich selbst stellt, woraufhin er mit Nachforschungen zur Lösung der gestellten Aufgaben beginnt.

Bevor der Held sich den Aufgaben stellen darf, muss er sich zunächst als Heldenfigur ausweisen. Diese Initiation des Helden erfolgt zumeist durch eine Mutprobe oder die Konfrontation mit einem persönlichen Problem, dessen Lösung für ihn existenziell ist.

Ur-Prinzip des Geschichtenerzählens

Der Story-Analyst und Autor Christopher Vogler hat sich mit der sogenannten „Reise des Helden“ im Hollywoodfilm eingehend beschäftigt. In seinem Buch „Die Odyssee des Drehbuchschreibens“6 knüpft er an die Untersuchung des Mythenforschers Joseph Campbell an, der in „Der Heros in tausend Gestalten“7, Heros-Mythen aus aller Welt8 untersuchte und zu dem Schluss kam, „dass es sich hier im Grunde immer um die gleiche Geschichte handelte, die in zahllosen Varianten immer wieder aufs Neue erzählt wurde“.9

Vogler bezeichnet daher die Heldenreise als „Mono-Mythos“10, als Ur-Prinzip des Geschichtenerzählens: „Das Muster der Reise des Helden ist universell, es tritt zu jeder Zeit und in jeder Kultur in Erscheinung. Es hat sich in so unendlich vielen Varianten ausgeprägt wie die Menschheit selbst, und doch hat es sich in seiner grundlegenden Form niemals verändert.“11

Da „die in allen Mythen der Erde vorkommenden Gestalten – etwa der jugendliche Held, die weise alte Frau, der proteushafte Gestaltwandler und der Schatten – (…) in der Tat auch in unseren Träumen und Fantasien immer wieder auf(tauchen)“12, sieht Vogler deutliche Parallelen zwischen den Gedanken Campbells und der psychologischen Theorie von C.G. Jung, „der seine Archetypen auf ähnliche Weise beschrieb: als beständig wiederkehrende Charaktere und Kräfte, die in den Träumen aller Menschen und den Mythen sämtlicher Kulturen erscheinen“.13. So wie Jung annahm, „dass diese Archetypen verschiedene Aspekte des menschlichen Geistes widerspiegeln – dass unsere Persönlichkeit sich selbst in diese Charaktere unterteilt, um auf diese Weise das Drama des Lebens auszuagieren“14, so spiegeln auch die „Storys, die nach dem Modell der Mythen entwickelt wurden“15 „die Funktionsweise des menschlichen Geistes genau wider; sie sind getreue Landkarten der Seele“.16 Sie zeigen deshalb „so viel psychologische Stimmigkeit“17, weil sie „dem universellen kollektiven Unbewussten“ entspringen und „universelle Befindlichkeiten“18 widerspiegeln, wobei Vogler hier klare Bezüge auch zur Lebenswelt-Orientierung von Kindern und Jugendlichen herstellt: „In solchen Geschichten geht es immer wieder um die universellen ‚kindlichen‘ Urfragen: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin werde ich gehen, wenn ich tot bin? Was ist gut, was ist böse? Und was hat das mit mir zu tun? Wie wird das Morgen aussehen? Und wohin ist das Gestern entschwunden? Gibt es noch jemanden da draußen?“19

Heldenreisen als Lebensratgeber?

Ausgehend von Campbells Handlungs-Dreischritt: Aufbruch, Initiation, Rückkehr20 entwickelt Vogler ein modifiziertes Konzept der „Heldenreise“, die sich an die klassische Drei-Akt-Dramaturgie21 anlehnt und diese aus der Perspektive der Charakterentwicklung des Helden und der weiteren Haupt- und Nebenfiguren betrachtet.22 Der erzählerische Ausgangspunkt der Heldenreise ist hierbei der Umstand, dass in der Regel einer Figur aus dem gewöhnlichen Leben zu Beginn der Geschichte eine Aufgabe auferlegt wird, die sie zwingt, ihre alltägliche Welt zu verlassen. Meistens mit Hilfe eines Mentors erfährt sie eine Initiation als Heldenfigur, um dann mit einigen Gefährten, die ihr als Vertraute dienen und ihre Heldeneigenschaften ergänzen, in gefährlichen Situationen Prüfungen zu bestehen und die ihr auferlegte Aufgabe letztendlich zu erfüllen, in der es meist um nichts weniger geht als um die Errettung und Erhaltung der Welt, in der die Figuren leben.23 Interessant ist, dass Vogler selbst bereits darauf hinweist, dass die „‘Reise des Helden‘ als Lebensratgeber“24 gesehen werden kann und nicht nur eine immer wiederkehrende Struktur in Erzählfiktionen darstellt. Dies ist auch deshalb so naheliegend, weil der Lebensweg eines jeden Menschen letztlich als „Heldenreise“ betrachtet werden kann.

Grafik: J. Schöne frei nach J. Campbell „Der Heros in tausend Gestalten“, C. Vogler „Die Odyssee des Drehbuchschreibens“.

Natürlich nicht in der Weise dramatisch in die Höhe getrieben wie im Blockbuster-Film, finden sich auf dem Lebensweg der meisten Menschen doch viele Stationen der von Vogler beschriebenen Hero´s Journey auch im wirklichen Leben wieder. Dies gilt besonders wiederum für das Jugendalter: Mit der (partiellen) Loslösung von der Familie verlässt das Individuum – zumindest teilweise – seine gewöhnliche Welt und macht sich mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben25 auf den Weg in die eigene Selbständigkeit. Hierbei findet es in der Peergroup Freunde als Verbündete und Gefährten. Und Lehrer können für Schüler, Meister für Lehrlinge, Professoren für Studierende zum Beispiel auf ihrem weiteren (beruflichen) Lebensweg zu Mentoren, aber auch zu Schwellenhütern werden, um beispielsweise berufliche Wunschziele zu erreichen oder eben auch nicht oder nur verzögert.

Kurz gesagt: An die, in den durch Mythologien geprägten Erzählfiktionen im Kino dargestellte Heldenreise und ihren Figuren-Archetypen kann der (jugendliche) Zuschauer wiederum eigene Erfahrungen und Gefühle aus seiner Lebenswelt anlagern und quasi fiktional in einer anderen Dimension der Betrachtung und des Erlebnisses immer wieder neu durchleben. Doch welche Lösungen bieten die Blockbuster in den „Lebensreisen“ der Helden an?

Reise vom Jugendlichen zum Erwachsenen

Am Beispiel von Der Herr der Ringe, der Verfilmung des höchst erfolgreichen Fantasy-Epos von Peter Jackson, lässt sich zeigen, dass die an der Quest orientierte „Heldenreise“ selbst im modernen Kino noch immer die Bilder eines sehr traditionellen Sozialisationsprozesses des Erwachsenwerdens transportiert, in denen die Erwachsenen über das Weltwissen verfügen und es an die jungen Unerfahrenen weitergeben, damit diese sich im jeweils gesellschaftlichen Status quo zurechtfinden und die Aufgaben, die ihnen von den Erwachsenen auferlegt wurden, erfüllen zu können. So kann Frodo als durchweg schwacher, um Initiation ringender Held seine Aufgabe nur erfüllen, weil er von willensstarken Gefährten umgeben ist, die Regisseur Jackson im ersten Teil der Film-Saga vorstellt und die seinem Helden bei seiner gefahrvollen Heldenreise stets den Rücken freihalten im heraufziehenden Krieg zwischen Gut und Böse. Gemeint sind hier Frodos Hobbit-Freunde Pippin und Merry, der Zauberer Gandalf, die Menschen Aragon und Boromir, der Elb Legolas und der Zwerg Gimli, die alle getrennt oder zusammen an unterschiedlichen Fronten für Frodos ‚Mission‘ kämpfen.

Jacksons Fantasy-Film entfaltet besonders im ersten Teil: Die Gefährten ein konservatives Bild des Wissenstransfers, der nur in eine Richtung verläuft: Von Alt zu Jung. Die jungen Hobbits werden als gutherzig dargestellt und bringen Humor in Jacksons Film; die kleinen Hobbits werden aber auch als überfordert und ängstlich (Frodo), als tollpatschig (Sam) und unüberlegt (Pippin & Merry) gezeigt. Die Erwachsenen wie der Zauberer Gandalf oder der Menschenkönig Aragorn sind dagegen erfahren, haben den Überblick und kennen sich aus.

Erst am Ende von „Die Gefährten“ deutet sich an, dass die erwachsenen Ko-Helden dennoch ohne Frodo verloren wären. Aber da ist er zum Helden erwachsen und bewegt sich mit ihnen auf Augenhöhe. Frodos Schicksal läge nun nicht mehr in ihren Händen, er sei auf sich allein gestellt, stellen Aragorn, Legolas und Gimli kurz vor Schluss des Films fest. Doch im Verhältnis zu den beiden gefangenen Hobbits Pippin und Merry bewahren sie ihre Beschützerfunktion und gehen auf die Suche nach ihnen, um sie zu befreien.

Traditionell-konservative Wertorientierung

In der Reise des Helden zeigt Jacksons Film letztlich das überkommene Modell einer an Autoritäten orientierten Entwicklungsreise seines Helden, das zudem mit der konventionellen Vorstellung verbunden wird, Macht und Heldentum mache einsam. Die „Heldenreise“ von Hauptfigur Neo in Matrix markiert zu diesem traditionellen Modell in gewisser Weise ein Gegenmodell, weil die Mentoren und Verbündeten der Hauptfigur von Anbeginn an auf Augenhöhe begegnen und sogleich das Ziel verfolgen, sein Selbstbewusstsein zur Initiation als Held zu stärken. Dieses Konzept korrespondiert mit dem Modell der „Differenziellen Zeitgenossenschaft“. Mit diesem Begriff bezeichnet Heinz Hengst26 jene modernen

Formen des Zusammenlebens von Erwachsenen und Kindern, in denen sich beide Gruppen partnerschaftlich begegnen und die Erwachsenen durchaus auch von den Fähigkeiten der Heranwachsenden lernen und deren (Fantasie)-Begabungen als Bereicherung für das eigene Leben empfinden.

The Hunger Games, der erste Film der Tribute von Panem-Reihe, kann – ähnlich wie schon Matrix − im Kontext dieses Konzeptes betrachtet werden: Im Mittelpunkt steht die jugendliche Heldin Katniss Everdeen, die sich ihrer Schwächen bewusst ist, dennoch nicht aufgibt und auch dank des Supports ihrer erwachsenen Mentoren (Haymitch, Cinna) und der Fehleinschätzungen ihrer Kontrahenten (Crane, Snow) am Ende eine Schlacht, wenngleich noch nicht den Krieg, gegen das diktatorische Regime gewinnen kann. The Hunger Games erzählt von einer Heldin, die sich für ihre Familie einsetzt und deren Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, sich in einem ihr fremden Terrain souverän zu bewegen, im Zusammenwirken mit ihren erwachsenen Mentoren wächst. Damit wird die Heldin Everdeen durchaus prototypisch für die Generation, die sie repräsentiert, wenngleich diese nicht in so harschen Lebensumständen leben muss wie die Hauptfigur in Gary Ross‘ Film. Katniss vertritt genau jene Werte, die laut „Shell Jugendstudie 2015“ auch die Mehrheit der „pragmatischen Generation“27 favorisiert: „Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen bei den Mädchen und Jungen an erster Stelle. 89 Prozent finden es besonders wichtig, gute Freunde zu haben, 85 Prozent, einen Partner zu haben, dem sie vertrauen können, und 72 Prozent, ein gutes Familienleben zu führen“.28

Zeitgemäße Rollenbilder

Vor diesem Hintergrund darf festgestellt werden, dass die Charakterisierung der Hauptfigur etwa im Bereich der Werteorientierung passgenau auf die Befindlichkeit und Mentalität der jugendlichen Zielgruppe abgestimmt ist, die ähnlich wie die fiktive Filmfigur Katniss mehrheitlich traditionell-konservative Familienwerte hochhalten und die Beziehung zu guten Freunden dem lockeren Verbund in Peergroups vorziehen.

Diese Passgenauigkeit wird aber im Film wie im Roman dafür genutzt, das Bewusstsein gegen Ungerechtigkeit zu stärken. Romanautorin Suzanne Collins wie auch die Filmemacher ermutigen junge Leute zur Rebellion gegen undemokratische Zustände, so wie Katniss es ihnen als prototypische Heldin des Jugendfilms vormacht.

Auch die in der Heldenreise von The Hunger Games dargestellten Rollenklischees sind sehr zeitgemäß. Dass das von Jennifer Lawrence verkörperte Rollenbild mit dem Wunsch vieler Frauen heutzutage nach einem selbstbestimmten Leben korrespondiert, verdeutlicht, wie stark selbst der moderne Hollywoodfilm noch immer fiktionale Wunscherfüllung repräsentiert, um starke Identifikationsangebote im ästhetischen Kommunikationsprozess mit der jugendlichen Zielgruppe liefern zu können. Dies mag in gleicher Weise für das von Josh Hutcherson als Peeta verkörperte Männerbild gelten, glaubt man der Beschreibung der Journalistin Nina Pauer, die 2012, dem Erscheinungsjahr von Gary Ross‘ Film, in der ZEIT den Prototypus des jungen Mannes folgendermaßen beschrieben hat: „Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich ist er, melancholisch und ratlos. Er hat seine Rolle verloren.“29

So zeigt sich auch in der Figurenkonzeption besonders der männlichen Hauptfigur des Films, dass der von Gary Ross inszenierte erste Film des „Tribute“-Kinoserials in der Charakterisierung und Entwicklung der Heldin und ihrer Nebenfiguren sehr direkt moderne und aktuelle Rollenbilder aufnimmt und diese als Identifikations- oder zumindest als Empathie-Angebote an die jugendliche Zielgruppe der Kinozuschauer zurückspiegelt.

Suche nach Orientierung und Persönlichkeit

Spätestens seit dem Überraschungserfolg von Matrix haben Hollywoods Produzenten erkannt, dass sie die bedeutendste Zielgruppe ihrer Blockbuster durch die Charakterisierung deren Hauptfiguren unmittelbar ansprechen muss, um erfolgreich zu sein. Und so wurden und werden die modernen Blockbuster in erster Linie Ausdruck der Lebensgefühle ihres wichtigsten Publikums: der Heranwachsenden von 12 bis Anfang 20.

Blockbuster spiegeln in den Plotmechaniken der Reisen ihrer Helden die Gefühle von Pubertät und Adoleszenz, bilden Projektionsflächen für die Ängste, Wünsche und Sehnsüchte der jugendlichen Mainstream-Gucker und bilden in der „Heldenreise“ deren Suche nach Orientierung und Persönlichkeit modellhaft im Kino ab.

Dabei sind die Blockbuster als Franchise-Produkte, also als Kinoserien, so angelegt, dass die heranwachsenden Zuschauer den Hauptfiguren, ihren Helden selbst beim Heranwachsen zu sehen können, idealtypisch zu beobachten im Harry Potter-Serial: Autorin Joanne K. Rowling thematisiert vor dem Hintergrund ihrer fantastischen Zauberlehrling-Saga, wie Harry Potter vom kindlichen Helden zum Erwachsenen heranreift und vollzieht in ihren sieben Büchern (und deren Verfilmungen) wesentliche Stufen der Adoleszenz eines Heranwachsenden nach: von der Unsicherheit, Desorientierung und Suche nach Halt und (erster) Liebe über Selbstfindungsprozesse und das Ringen um die richtige große Liebe bis zur Herstellung eines (fragilen) Gleichgewichts zwischen seinen Pflichten (als Held und Rächer seiner Eltern) und den Anforderungen seines Lebens.

Auch Hauptfigur Peter Parker durchläuft in den Filmen der Spider-Man-Trilogie, ausgehend von der Unsicherheit, Desorientierung und Suche nach Halt der Figur und ihrer (ersten) Liebe in Spider Man, der mit der Initiation zum (einsamen) Superhelden endet, in den beiden folgenden Filmen weitere wesentliche Stationen der Adoleszenz: Selbstfindungsprozesse, das Ringen um die richtige große Liebe im II. Teil sowie die Herstellung eines (fragilen) Gleichgewichts zwischen seinen Pflichten (als Superheld) und den Anforderungen seines Privatlebens. Am Ende des III. Teils hat sich Peter Parker als junger Erwachsener eine, wenngleich brüchige, erste Position im Leben erkämpft.

Dies alles wird in einem Blockbuster-Produkt natürlich nie direkt als realistisches Jugend-Drama erzählt, sondern hinter der actionreichen Geschichte des Helden, seiner Initiation, seinen Verhaltensweisen und den, aus seinem Doppelspiel bzw. Doppelcharakter (gut/böse) resultierenden Konflikten verborgen gehalten.  

Die fantastisch-fiktiven Erzählwelten, die Autorinnen und Autoren in vielen ihrer Bücher anlegen und die mithilfe der modernen Filmtechniken verfilmbar wurden, evozieren die symbolischen und poetischen Gedankenwelten der Heranwachsenden. Im Lese- und Seherlebnis reproduzieren sie die literarisch wie filmisch vorproduzierte reale wie surreale Wirklichkeit in je eigener Weise, können selbst Fantasien anlagern, Wünsche oder auch Ängste fiktiv durch- und ausleben.

Rollenklischees kritisch prüfen

Die Heldengeschichte ist dabei aber stets so universell angelegt und bezieht sich mittlerweile nicht nur auf äußere Bedrohungen, sondern auch auf die dunkle Seite des Helden, seine inneren Konflikte und Widersprüche.30 So können jugendliche Zuschauer in den Problemen des Helden im Roman und auf der Kinoleinwand durchaus die eigenen realen Schwierigkeiten mit dem Leben und der Welt der Erwachsenen wiederfinden.

Die hierbei im Blockbuster vermittelten Orientierungshilfen und Konfliktlösungsstrategien müssen im Populären aber meist eingängig bleiben und sind oft zu einfach oder greifen schlicht zu kurz, um Jugendlichen tatsächliche Lebenshilfe sein zu können.

Da das Blockbuster-Kino für die jugendliche Zielgruppe aber ein wichtiger Teil ihrer Alltagskultur ist, beinhaltet deren kritische Reflexion, Jugendliche zu befähigen, filmästhetische Strukturen auch in Blockbuster-Filmen als das zu erkennen, was sie im Hinblick auf die eigenen Bedürfnisse und Erfahrungen repräsentieren können: fiktionale Erfüllung von Wünschen und Fantasien, Ableitung und Kompensation von Ängsten, Unterhaltungs- und Zerstreuungsbedürfnis, Allmachtsfantasien, Flucht- oder Befreiungsstrategie aus frustrierender Wirklichkeit.

Die Herausarbeitung der mehrheitlich sehr traditionell orientierten Beziehungsverhältnisse zwischen Jung und Alt in den „Heldenreisen“ sowie die mit ihnen im Blockbuster transportierten Rollenklischees werden Jugendliche zugleich dafür sensibel machen, den eigenen Konsum von Mainstream-Produkten der Filmindustrie stets kritisch zu prüfen.


Anmerkungen
  1. 1. Die FFA Studie für das Jahr 2016 lag bei Abfassung dieses Textes noch nicht vor.
  2. 2. FFA (Hrsg. 2016): Der Kinobesucher 2015, S. 17. www.ffa.de/der-kinobesucher-2015.html (Letzter Zugriff: 17.07.17)
  3. 3. Mikos, Lothar (2003): Film- und Fernsehanalyse. Konstanz: UVK, S. 166.
  4. 4. FFA 2016, S. 23
  5. 5. Vgl. Ruh, Kurt (1984): Kleine Schriften. Bd. I.: Dichtung des Hoch- und Spätmittelalters. Berlin: de Gruyter, S. 274ff.
  6. 6. Vogler, Christopher (1997): Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Ffm: Zweitausendeins.
  7. 7. Campbell, Joseph (1949/1999): Der Heros in tausend Gestalten. Ffm./Leipzig: Insel
  8. 8. Vogeler, ebenda S. 28
  9. 9. Vogeler, ebenda S. 28
  10. 10. Vogeler, ebenda S. 28
  11. 11. Ebenda S. 29
  12. 12. Ebenda S. 29
  13. 13. Ebenda S. 29
  14. 14. Ebenda S. 29
  15. 15. Ebenda S. 29
  16. 16. Ebenda S. 29
  17. 17. Ebenda S. 29
  18. 18. Ebenda S. 29
  19. 19. Ebenda S. 29
  20. 20. Campbell 1949/1999
  21. 21. Field, Syd (1984): Das Handbuch zum Drehbuch. Ffm.: Zweitausendeins 1984.
  22. 22. Vgl. Abb., Vogeler, ebenda S. 32
  23. 23. Vogeler, S. 59ff.
  24. 24. Vogeler, S. 18
  25. 25. (Vgl. ex. Havighurst, Robert J. (1948/1982): Development Tasks and Education. New York: Longman; EV.: New York: David McKay; Erikson, Erik H. (1959/1974): Identität und Lebenszyklus. Ffm.: Suhrkamp, EV: New York: W.W. Norton & Company Inc.; Fend, Helmut (2005): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Wiesbaden: VS
  26. 26. Heinz Hengst (2013): Kindheit im 21. Jahrhundert. Differenzielle Zeitgenossenschaft. Weinheim und Basel: Beltz Juventa
  27. 27. Vgl. Albert, Mathias/Hurrelmann, Klaus u.a. (2016): Shell Jugendstudie 2015, S. 2ff. www.shell.de/ueber-uns/die-shell-jugendstudie/multimediale-inhalte/_jcr_content/par/expandablelist_643445253/expandablesection.stream/1456210165334/d0f5d09f09c6142df03cc804f0fb389c2d39e167115aa86c57276d240cca4f5f/flyer-zur-shell-jugendstudie-2015-auf-deutsch.pdf (Letzter Zugriff: 18.07.17)
  28. 28. Ebenda, S. 6
  29. 29. Pauer, Nina (2012): Die Schmerzensmänner. In: ZEIT ONLINE, 5.1.2012 www.zeit.de/2012/02/Maenner (Letzter Zugriff: 30.05.17)
  30. 30. Barg, Werner (2012): In der Kammer des Schreckens. Funktionen des Düsteren für Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Fantasy-Film. In: Dettmar, Ute u.a. (Hrsg.): Schwellengänge. Zur Poetik, Topik und Optik des Fantastischen in Kinder- und Jugendliteratur und -medien. Ffm: Peter Lang