Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein Mädchen steht vor einem Spiegel/einer digitalen Installation und versucht mit ihrem Arm Icons zu bewegen

Wertschätzung geben und Inspiration schaffen

Ein persönlicher Blick zurück nach vorn

Immer am Zahn der Zeit! Als das digitale Zeitalter noch in den Kinderschuhen steckte, ging schon Deutschlands erster Multimedia-Wettbewerb für junge Leute an den Start. 21 Jahre später ist mb21 als bedeutendster Wettbewerb digitaler Medienkultur für Kinder und Jugendliche noch immer zukunftsweisend. Die Dresdener Projektleiterin war von Anfang an dabei und blickt zurück auf aufregende Jahre.

Als ich 1998 in einem kleinen Verein namens „Medienzille“ in Radebeul bei Dresden mein Praktikum absolvierte, entstand gerade aus einem regionalen Filmwettbewerb ein Multimediawettbewerb für Kinder und Jugendliche. Alexander Huhle und sein Team sahen großes Potential in der kreativen Verknüpfung verschiedener Medien und den Bedarf, diese Medienarbeit zu fördern. Im Austausch mit Veranstaltern anderer Multimediawettbewerbe in Österreich und der Schweiz entstand das Konzept für Deutschlands ersten Multimediawettbewerb für 14-21-Jährige: mb21 – Mediale Bildwelten. Begeistert von diesem Vorhaben unterstütze ich das Team als Honorarkraft weiter und wurde später selbst Projektleiterin. Es war für mich interessant, den Wettbewerb wachsen zu sehen und im Austausch mit verschiedenen Institutionen und Kooperationspartnern einen Beitrag für eine positive Wahrnehmung junger Medienkultur zu leisten. Im Folgenden möchte ich einen Rückblick geben, wie der Deutsche Multimediapreis zu dem wurde, wofür er heute steht: eine erfolgreiche Plattform junger medialer Kultur.

Netzwerke und Kooperationen

Die Veranstaltenden setzten damals wie heute auf regionale und überregionale Netzwerke und Kooperationen. Auf kommunaler Ebene begleiteten den Wettbewerb in den ersten Jahren u.a. das sächsische Kultusministerium, die CYNETart, das Deutsche Hygiene-Museum Dresden und auf Bundesebene der Bund Deutscher Kunsterzieher sowie der Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen (BJKE). Partner waren u.a. die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), der Handyclipwettbewerb Ohrenblick mal!, schülerVZ/ studiVZ, Turtle Entertainment, die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (Gmk) und LizzyNet. In den Jahren 2003 und 2004 richtete das Team in Kooperation mit dem Deutschen Kinder- und Jugendfilmzentrum (KJF) das Bundesfestival Jugend, Film und Multimedia (heute: Bundes.Festival.Film) aus, in das der Deutsche Multimediapreis integriert war.

Seit 2005 wird der Deutsche Multimediapreis in einer Veranstalterkooperation umgesetzt. 2005-2011 wurde die Fachstelle für Internationale Jugendarbeit (IJAB) mit dem Projekt Jugend online mitveranstaltender Bundespartner und brachte vor allem die bundesweite Bekanntheit voran. 2012 wurde das KJF neuer Partner und knüpfte so an die vorherigen Kooperationen im Rahmen des Bundesfestivals an. Die Partnerschaft ist seitdem nicht nur beständig gewachsen, sondern vor allem konstruktiver Motor für die konzeptionelle Weiterentwicklung des Wettbewerbs.

Auf internationaler Ebene etablierte sich ein Fachaustausch der Wettbewerbe in Österreich (u19 – create your world-Festival), Schweiz (bugnplay.ch) und Ungarn (u19 – freestyle computing competition). Unser gemeinsames Interesse war und ist es, unseren Gewinnerinnen und Gewinnern eine Plattform über die Landesgrenzen hinaus zu bieten, junge Medienschaffende zu verknüpfen und die Möglichkeiten für Austausch und gemeinsame Projekte zu generieren. So können jedes Jahr zwei Preisträger zu den Partnerfestivals fahren und ihr Projekt vorstellen. Im Rahmen der Ars electronica wird außerdem jährlich ein Mediaworkshop und Jugendaustausch organisiert, bei dem Gewinner aus allen vier Partnerländern ein gemeinsames mediales Projekt entwickeln.

Vom Wettbewerb zum Festival

2001 wechselte der Projektleiter Alexander Huhle und mit ihm auch die Trägerschaft des Wettbewerbs zum Medienkulturzentrum Dresden e.V., das mit seiner größeren Struktur dem gewachsenen Wettbewerb besser gerecht werden und die Weiterentwicklung voranbringen konnte. Inzwischen mit Hochschulabschluss in der Tasche, arbeitete ich seit 2002 als Honorarkraft an der Organisation des Wettbewerbs mit. Seit dem Wechsel in die größere Vereinsstruktur arbeiteten wir in erster Linie daran, die Sichtbarkeit des Wettbewerbs zu erhöhen und Einreichungen für die jungen Medienmacherinnen und Medienmacher attraktiver zu gestalten. 2007 übernahm ich, immer in enger Kooperation mit dem Bundespartner, die Projektleitung des Wettbewerbs. Mein Team bestand damals aus einer Kollegin, die den Wettbewerb als Honorarkraft unterstützte, zwei BA-Studierenden und wechselnden Praktikantinnen und Praktikanten. Über die vielen Jahre haben sicherlich über 100 junge Menschen den Wettbewerb und unsere Arbeit unterstützt. Auch heute noch ist die Arbeit mit jungen Menschen wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.

In der Entwicklung der Struktur und Inhalte des Wettbewerbs gab es viele Veränderungen und Anpassungen. Die schnellen medialen Entwicklungen eröffneten neue Welten, zwangen uns als Ausrichtende aber auch, auf die ständigen Veränderungen zu reagieren. So startete der Wettbewerb in den ersten Jahren mit einer kompletten Freiheit der Einreichungsform. Die kreative Verknüpfung unterschiedlicher Medien sollte durch keine Vorgaben beschränkt werden.

preisträger des Festivals jubelnd auf Gruppenfoto
And the winners are… – die glücklichen Preisträger des Festivals 2018. (Foto: Deutscher Multimediapreis mb21 / Haas)

Ab 2000 führten wir jährlich angepasst unterschiedliche Sparten ein. Beiträge konnten in den Bereichen Video/Animation, interaktive CD-ROM, Websites, Anwendungen/Programme, computergestützte Performances und Installationen etc. eingereicht werden. Diese Veränderung wurde einerseits vorgenommen, um den kreativen Umgang gerade auch mit neuen medialen Entwicklungen in den Fokus zu rücken und anderseits, um die Struktur für junge Einreichenden zu schärfen.

Als medienpädagogisches Projekt war es uns wichtig, auch Einsteiger und junge Menschen mit Ideen, aber vielleicht noch fehlenden Umsetzungsmöglichkeiten, zu unterstützen. Mit der Wettbewerbskategorie Mediale Baustelle (ab 2004 bzw. von 2013-2017 unter dem Titel „Medienwerk“) konnten auch Konzepte für multimediale Projekte eingereicht werden. Die ausgewählten Beiträge gewannen thematisch passende Workshops, um ihr Projekt weiterbearbeiten und fertigstellen zu können. Ab dem Jahr 2003 wurden die Altersgruppen erweitert (aktuell 0-25 Jahre) und die Beiträge innerhalb der Altersgruppe bewertet.

Zwei männer vor einem Mischpult
Show der Extraklasse – Maestro Pivetta und Patrick Kuhn Botelho mit ihren alternativen Geräten: Sie machen irre Musik mit der „Scannone“, die Töne in Form von Linien auf einer Drehfläche zeichnet und über einen Sensor in Musik verwandelt. „Rotolo“ ist ein Tempogenerator, der mit einer Kurbel angetrieben wird. (Foto: Deutscher Multimediapreis mb21 / Spindler)

Maßgeblich für unsere Arbeit waren vor allem zwei Aspekte: Wertschätzung geben und Inspiration schaffen. Über die Jahre entwickelten wir ein wertschätzendes Feedbacksystem für die Teilnehmenden. Die jungen Medienmacherinnen und -macher erhalten nach der fachlichen Diskussion der Beiträge in den Juryrunden eine fundierte Einordnung ihres Projektes und Rückmeldung über Stärken, Schwächen und Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Jedes nominierte Projekt wird zudem zur Preisverleihung eingeladen, ist Teil des internen Abends und wird mit einem Preis ausgezeichnet. Marcus Richter, Moderator, Podcaster und Blogger im Bereich Games, Netz und Technik, moderiert die Preisverleihung seit 2008. Ihm gelingt es nicht nur, die zweistündige Veranstaltung mit Charme und Humor kurzweilig erscheinen zu lassen, er geht auf Augenhöhe mit jedem kleinen und großen Menschen auf der Bühne um und schafft besondere Momente für die Nominierten und das Publikum.

Um einen Raum der Inspiration zu schaffen, wurde die Preisverleihung 2002 um ein inzwischen zweitägiges Medienfestival erweitert. Die nominierten Werke und weitere kreative Projekte aus dem Netzwerk können sich öffentlich präsentieren und ziehen jährlich 3.000 Besucherinnen und Besucher an. Das Medienfestival ist so Plattform für den Deutschen Multimediapreis mb21 und für junge, kreative Mediennutzung überhaupt geworden. Es bietet Präsentation, Partizipation und Bildung und trägt die Botschaft des Wettbewerbs in eine große Öffentlichkeit. Beim Festival werden Mitmachstationen und Medienkunst aus den Bereichen Coding, Robotik, Animation, Games, DIY und Web präsentiert; es geht um das gemeinsame Basteln, Bauen & Upcycling, um Medienkunst und -kritik, um fachlichen Input und Austausch und um die Nutzung alter und neuer Technik als Werkzeuge der Kommunikation, Reflexion und des kulturellen Schaffens.

21 Jahre magische Momente

Was haben mich die Preisträgerinnen und Preisträger in all den Jahren gelehrt? Mithilfe der unterschiedlichen Medien wurden Zukunftsszenarien gemalt, Umweltschutz thematisiert, die Faszination für das Weltall ausgelebt, Geschichten erzählt und Geschichte reflektiert und mit Medienkunst und -kritik Werke geschaffen, die zum Nachdenken anregen.

Die medialen Welten der jungen Menschen sprechen eine vielfältige, humorvolle, ästhetisch eigenständige, kluge, neugierige, ambitionierte und manchmal auch anrührende Sprache. In den 21 Jahren Deutscher Multimediapreis habe ich viele großartige junge Menschen kennengelernt, habe viel Mut, gegenseitigen Respekt, Tiefsinn, Humor und Solidarität erlebt. Vorschulkinder, die stolz und selbstbewusst ihr Medienprojekt vor „großen“ Medienmachern vorstellten, Jungen und Mädchen aus schwierigen sozialen Settings, die durch die Fahrt zum Medienfestival ein Stück größer und glücklich und als Preisträger nach Hause fuhren, eine junge Frau, die auf der Bühne steht und einen magischen Moment schafft, in dem sie alle Menschen im Publikum auffordert, die Augen zu schließen und über ihren glücklichsten Moment im Leben nachzudenken, oder ein junger Mann, der als YouTuber sehr einfühlsam Obdachlose in Berlin interviewte und auf der Bühne minutenlangen Applaus erhält.

Ich habe großen Respekt vor diesen jungen Menschen, die den Mut haben und sich einmischen und mitmischen wollen.

Ich danke ihnen für die vielen bereichernden Momente und ihre Gedanken, Ideen und Projekte, die sie mit uns teilen. Und ich danke dem großartigen Team und allen Netzwerkpartnern für den Austausch und die Anregungen, um junger medialer Kultur den Raum und die Wertschätzung zu geben und Inspiration zu schaffen. Mit dem Deutschen Multimediapreis ist es uns gelungen einen Beitrag zur Sichtbarmachung junger medialer Kultur zu leisten, die sich hoffentlich noch viele Jahre weiterentwickelt.

Titelbild: Deutscher Multimediapreis mb21 / Haas