Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Der Rapper Murder Eyez strahlt und macht ein Peace-Zeichen in die Kamera. Foto: Abdul Masri

Wertschätzung mit Hardcore

Haltungen zwischen zwei Welten

Ein Interview mit dem Rapper und Medienpädagogen Abdul Rahman Masri über seine Erfahrungen in der alten und neuen Heimat.

Abdul Masri ist unser Kollege im jfc Medienzentrum, wo er in der Jugend- und Flüchtlingsarbeit aktiv ist und in Projekten wie Radio Shabablek on air und Open Studio – Open Minds jungen Musiker:innen und künstlerisch interessierten Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund eine Bühne gibt. Abdul ist ein Energiebündel, er dreht auch Videos, veranstaltet interkulturelle Partys und produziert seine eigenen Songs. Alle, die ihn kennenlernen, halten ihn für gut angekommen in seinem neuen Leben – ohne zu wissen, was er verloren hat, Noch 2011 war Abdul Masri ein berühmter Rapper: Als MURDER EYEZ performte er nicht nur das erste Hip-Hop-Konzert in Syrien, seine Musik war weit über seine Heimatstadt Aleppo hinaus überall zu hören, er hatte eine riesige Fan-Base, viele Freunde, Familie und eine Menge Geld. Kommerziell erfolgreich mit seiner Musik hatte er ein eigenes Tonstudio, ein Musiklabel, ein Grafikdesign-Geschäft und zwei Modeläden. Dann kamen der Krieg, Flucht, Einsamkeit und Lebenskrisen in der Diaspora. Durch Höhen und Tiefen seines bewegten Lebens hat sich Abduls Haltung zu seiner Musik, seiner Lebensweise, zum Regime in Syrien, seinen Lebenszielen und seiner (alten und neuen) Heimat gewandelt. Sein unverwüstlicher Optimismus ist geblieben.

Wenn du jetzt an deine Zeit als bekannter Rapper MURDER EYEZ in Syrien zurückdenkst, woran erinnerst du dich besonders gerne?

Abdul Masri: In meiner Erinnerung war das eine Zeit, in der ich in einer lebendigen Gemeinschaft voller Energie lebte. Wir waren miteinander verbunden wie eine große Familie, jede/r kannte jede/n, jede/r sprach mit jeder/jedem. Ich denke gerne daran, wie viele Freunde, Verwandte, Bekannte und Fans ich damals hatte und wie nah wir einander waren. Wir verbrachten unsere Zeit immer in einer Gruppe; ich erinnere, dass ich mich nicht mal für eine Minute alleine fühlte.

Um welche Inhalte und Themen ging es in deinen Songs zu Beginn deiner Karriere in Syrien? Ich habe in einem Artikel gelesen, dass du zunächst – wie häufig üblich – den amerikanischen Mainstream kopiert hast. Welche Entwicklung hast du dann gemacht und dabei zu politischen Inhalten gefunden?

Abdul Masri: In all meinen Texten geht und ging es schon damals stets darum, was schlecht läuft in der Welt, zum Beispiel durch Armut, Krieg, miese Politik, Rassismus, Diktatur oder Korruption. Richtig, anfangs habe ich amerikanische Künstler wie Ice Cube, 2Pac, Dr. Dre oder andere Rapper der alten Schule kopiert. Als dann aber meine Popularität wuchs, wurde mir klar, dass ich die Interessen meiner Leute in der Welt vertreten und über ihre Sorgen und Nöte sprechen muss. Ich habe mich übrigens immer selber produziert, neben der Musik auch die Aufnahme und die Videos dazu gemacht und sogar die Werbung erstellt. Das ist bis heute so geblieben.

Foto: Abdul Masri

Schmerz braucht musikalischen Ausdruck

Kannst du dich mit den Inhalten des Hip-Hops in deinen Anfängen noch identifizieren? Gangsta Rap vertritt ja manchmal auch einige fragwürdige Werte wie Machismo, Sexismus, Gewaltverherrlichung etc. Hat sich deine Haltung, haben sich deine Werte verändert – vielleicht auch durch dein neues Leben in Deutschland? Um welche Inhalte geht es heute in deiner Musik?

Abdul Masri: Ich bin gegen Gangsta Rap, weil er Gewalt verherrlicht und die Kriminalität bei Jugendlichen fördert. Mein Gesangsstil ist zwar Hardcore, aber mit 100 % sauberen Texten und dabei sehr wertschätzend. Aber seit ich über die Probleme der Menschen singe, muss ich ihre Haltung dahinter ausdrücken, ihren Ärger oder deren Wunsch nach Revolution. Ich kann nicht über eine schmerzliche Erfahrung sprechen mit einem happy Style und einem coolen Sound. Der Schmerz muss musikalisch ausgedrückt werden, nicht nur über den Text.

Nochmal zurück nach Syrien: Hast du wegen deiner Musik Repressionen erlebt?

Abdul Masri: Ich wurde viele Male als „satanischer Musiker“ gebrandmarkt und auch verhaftet; sogar meine Community war anfangs gegen mich, weil sie Kritik an ihrer eigenen Kultur nicht vertragen konnte. Aber ich habe nie aufgegeben, habe mich gegen die Regierung gestellt und keine Angst vor einer möglichen Verhaftung gezeigt. Als ich dann die Unterstützung der Community bekam, drehte sich die ganze Situation: Ich habe den musikalischen Krieg gegen die Regierung gewonnen, denn sie bekannten sich zu dieser Musik und interviewten uns im staatlichen Fernsehen.

Du hast einmal erzählt, dass es für dich als Rapper schwierig war, nicht von den verschiedenen politischen Akteur:innen vereinnahmt zu werden.

Abdul Masri: Ja, ich wurde gebeten, Musik zu machen, um Seite A zu unterstützen, dann wurde ich von Seite B angefragt, dann machte ich Musik gegen den radikalen Terrorismus, dann kam Seite C … Damals war ich die bekannteste Stimme unter den jungen Leuten, die die verschiedenen Gruppierungen durch mich erreichen wollten, und ich sagte NEIN, und dann waren sie überrascht, dass ich gegen sie alle sang.

Aber dann musstest du fliehen. Was hat zu deinem Entschluss geführt, das Land zu verlassen, in dem du ein anerkannter Musiker warst?

Abdul Masri: Das ist ein Bürgerkrieg in Syrien, egal, welche Seite ich unterstütze, ich kämpfe immer auch gegen Nachbarn, Schulfreunde, Cousins, egal ob sie die radikalen Moslems, das Regime oder die freie Armee unterstützen. Und dann wurden Todesdrohungen auf Zetteln unter der Tür durchgeschoben, und es gab Telefonanrufe bei meiner alten, kranken Mutter, die vor Angst und Sorge fast gestorben wäre. Dann wurde mein Onkel mit 13 Kugeln ermordet, und wir konnten ihn nicht beerdigen, weil der Friedhof in den Gebieten der Radikalen lag, die mich ermorden lassen wollten. Alle paar Tage kamen dann Todesnachrichten. Es gab kein Wasser, keinen Strom, kein Brot – nur ein Leben in Dunkelheit und mit Hunger. Bomben- und Kanonenlärm die ganze Nacht lang, sodass wir nicht schlafen konnten. Keine Arbeit, kein Geld, sogar mit Geld konnte man keine Lebensmittel kaufen, zerstörte Häuser, in denen 3 – 4 Familien in einer kleinen Wohnung lebten, die jungen Menschen schliefen in den Kellern. Dann wurde unser Wohnhaus zerstört und wir sind nach jedem Angriff von einem Gebiet zum anderen geflüchtet, weil die Armeen dieses Gebiet einnahm oder es verlor. Und dann beschloss ich zu gehen, um mich und meine Mutter zu retten und um arbeiten zu können, um dem Rest der Familie zu helfen.

Deutschland ist Friedlich und Kalt

Unvorstellbar, wenn man hier im satten Deutschland fern von Krieg sitzt. Das Grauen schlechthin! Huh! – Schauen wir nun langsam wieder nach vorne: Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen dem Leben in deiner alten und neuen Heimat?

Abdul Masri: Meine alte Heimat war warm, aber unsicher und ohne Hoffnung. Die neue ist friedlich und meine Hoffnung für die Zukunft, aber kalt (und damit meine ich nicht das Wetter).

Hast du in Deutschland viel Rassismus erfahren? Wie siehst du den Umgang in Deutschland mit Geflüchteten und Menschen mit Migrationshintergrund?

Abdul Masri: Ja, ich habe viele Situationen mit üblen Rassismuserfahrungen durchgemacht, vor allem im Nordosten von Deutschland, wo ich zunächst gelebt habe, bevor ich nach Köln kam.

Vieles hier in Deutschland ist viel freizügiger. Du bist ein gläubiger Moslem. Ist das ein Problem für dich?

Abdul Masri: Nein, ich habe hier bisher keine Probleme wegen meiner Religion bekommen, denn die meisten meiner deutschen Freunde sind cool, freundlich und aufgeschlossen, aber viele andere natürlich schon, vor allem muslimische Frauen.

Wie stellst du dir dein künftiges Leben in Deutschland vor?

Abdul Masri: Zunächst einmal hat mir Deutschland Frieden und Hoffnung gegeben, hat mich unterstützt, mich respektiert und mir wieder auf die Beine geholfen, Jetzt ist Deutschland ein wenig wie eine Mutter geworden, um die ich mich kümmern, die ich lieben und verteidigen muss. Ich hoffe nur, dass die Gemeinschaft den Integrationsprozess so bewältigt, dass sich die verschiedenen Kulturen vermischen können. Dass man uns die Chance oder den Raum gibt zu zeigen, wer wir sind und was wir alles können – anstatt vor uns Angst zu haben und uns dazu zu drängen, nur noch wie Roboter ihre Anforderungen zu erfüllen. Sie sollten das zunächst austesten, bevor sie urteilen.

Kulturen mischen

Nun engagierst du dich – auch im jfc Medienzentrum – für junge Geflüchtete, wieso ist die Aufgabe für dich wichtig? Was bedeutete das aktuelle Projekt „Open Studio“ für junge Künstler:innen mit und ohne Migrationshintergrund für dich?

Abdul Masri: Ich möchte einfach sehen, wie meine Leute glücklich, erfolgreich, gebildet, respektiert und integriert sind. OPEN STUDIO ist eine großartige Chance für alle jungen Menschen, die Träume haben und voller Energie stecken, um künstlerisch aktiv zu sein. Es ist eine großartige Gelegenheit, um Kulturen zu mischen und ein Netzwerk von jungen Künstler:innen zu bilden und natürlich zusammenzuarbeiten. Schade nur, das ausschließlich Geflüchtete zum Projekt kommen (und wir fragen uns immer, was der Grund dafür sein könnte).

Mit jungen Künstler:innen im „Open Studio“ im jfc Medienzentrum – Abdul Masri heute (hinten links). (Foto: jfc Medienzentrum)

Du hast ja auch eine Corona-Impfkampagne für Geflüchtete betreut und verschiedene Videos produziert, dabei habt ihr auch einen Rap mit verschiedenen Musikern produziert. Worum ging es dabei?

Abdul Masri: Unser Auftrag bestand darin, Videos zu produzieren, um unter den Menschen mit Migrationshintergrund das Bewusstsein für das Thema Corona und die Impfung zu schärfen. Ich war der Meinung, dass sich niemand langweilige Videos anschaut, in denen jemand über die Notwendigkeit einer Impfung spricht. Ich schlug vor, die gleiche Botschaft einmal von Comedians und dann auch musikalisch unterhaltsam zu vermitteln. Unseren Auftraggebern gefiel die Idee und wir konnten das Projekt mit großem Erfolg umsetzen. Das Musikvideo bekam sogar 200.000 Views und 200.000 Impressions.

Du hast gute und schlechte Erfahrungen gehabt, wie hat sich deine Lebensgefühl dadurch gewandelt: Bist du vorsichtiger, verbitterter und toleranter geworden?

Abdul Masri: Ich fühle mich manchmal eher isoliert als enttäuscht.

Was läuft deiner Meinung nach schlecht in Deutschland? Wie fühlst du dich als Syrer in Deutschland (Rassismuserfahrungen, verschiedene Klassen an Geflüchteten)?

Abdul Masri: Ich würde 10 Seiten brauchen, das zu erläutern, deshalb nur kurz: Rassismus, verschiedene Klassen von Geflüchteten, Islamphobie. Auf jeden Fall möchte ich mich bei Deutschland bedanken für alles, was ihr für uns getan habt. Diese Dankbarkeit wird immer ein Teil meiner Identität sein.