Manche Fotos wirken wie spontane Momentaufnahmen, sind aber in Wirklichkeit ausgeklügelte Inszenierungen. Wie viel Konzeptarbeit, Lichtführung, Locationscouting und Shootingplanung nötig sind, um eine Bildidee zu verwirklichen, erfuhren Jugendliche in einem Workshop der C/O Berlin. Wie haben die Jugendlichen nur diese tollen Ergebnisfotos hinbekommen? Hier verraten wir Ihnen, wie sie´s gemacht haben.
Im ersten Moment wirken Fotografien, auf denen eine alltäglich Szene zu sehen ist, oft wie Schnappschüsse. Die Realität eingefroren im Moment, die Welt so dokumentiert, wie sie ist. Doch die besonderen Momente sind flüchtig und für ein gutes Bild braucht man Zeit. Daher sind viele Bilder bekannter Fotografen, die zunächst wie aus dem Leben gegriffen scheinen, Imitationen, Re-Inszenierungen der Wirklichkeit.
Doch wie inszeniert man eine Situation mit mehreren Personen, sodass sie realistisch wirkt? Welcher Ort eignet sich als „Drehort“ und wie bespielt man diesen? In welcher Beziehung stehen die Personen auf dem Bild zueinander? Wie geht man mit dem vorhandenen Tageslicht um, wie muss das Licht sein, damit die Szene besonders gut zur Geltung kommt? Und wie kann man Scheinwerfer als Lichtquellen einsetzen?
C/O Berlin, Forum für visuelle Dialoge, führt seit Jahren renommierte Workshops für Jugendliche durch. Die elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Teens-Workshop „Imitation und Wirklichkeit“, den ich zusammen mit Frauke Menzinger geleitet habe, hatten ein Wochenende lang jeweils sechs Stunden Zeit, sich diesen Fragen zu stellen und unterschiedliche Szenen, Orte und Lichtsituationen auszuprobieren. Ziel war es am Ende eine kleine Bildstrecke zu erstellen mit drei bis fünf Bildern, die zusammengehören und die wie Augenblicke wirken, die einem gemeinsamen Erzählfluss entnommen sind. Doch worum es in der Erzählung geht, in welchem Zusammenhang die Szenen einzuordnen sind, bleibt für den Betrachter offen.

Die stark scheinende Sonne auf der Terrasse des HKW wurde in diesem Bild als Gegenlicht eingesetzt und somit wurden interessante Lichtreflexe auf den Konturen der Personen erzielt. Durch die geringe Tiefenschärfe, welche durch eine offene Blende erreicht wird (in diesem Fall etwa Blende 4), wird der Fokus auf die Person im Vordergrund gelegt und die räumliche Entfernung zur Person im Hintergrund betont.
Diese Szenenfolge ist im HKW entstanden. Die Teilnehmer nutzten das schräg durch die Fenster einfallende Sonnenlicht dazu ihre Szene auszuleuchten. Da der dahinter liegende Raum im Schatten lag, die Belichtung aber auf die im Licht stehenden Personen im Vordergrund eingestellt wurde, werden die Personen, betont durch deren weißen Oberteile, hell hervorgehoben, während der Raum im Hintergrund ganz schwarz erscheint.


Technik und Ablauf
Die Jugendlichen arbeiteten während des Workshops mit ihren eigenen digitalen Kameras, wobei wir im Vorfeld dazu geraten hatten, Spiegelreflexkameras mitzubringen. Manuelle Belichtung sollte möglich sein, damit durch das Verstellen der Blende und der Belichtungszeit unterschiedliche Effekte erzielt werden können. Außerdem haben wir die Teilnehmer gebeten möglichst ein Stativ mitzubringen, weil besonders in Innenräumen längere Belichtungszeiten erforderlich sind. Da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Gruppen von zwei bis drei Personen gearbeitet haben, waren pro Gruppe eine Kamera und ein Stativ ausreichend. Darüber hinaus standen zwei Standlichter zur Verfügung, mit denen die Szenen ausleuchtet werden konnten.
Zunächst gingen wir im Veranstaltungsort, dem Haus der Kulturen der Welt (HKW), auf eine gemeinsame „Drehortsuche“ und besprachen die Eignung der verschiedenen Örtlichkeiten für bestimmte Szenen. Im nächsten Schritt machten die Jugendlichen Einzelportraits voneinander. In dieser Übung ging es darum zu lernen, wie man mit manueller Belichtung umgeht: Welchen Einfluss hat die gewählte Blende oder Belichtungszeit auf ein Bild? Wie kann das vorhandene Tageslicht genutzt werden? Diese Bilder wurden im Anschluss über einen Beamer gemeinsam gesichtet und besprochen. Im Anschluss planten und skizzierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kleingruppen ihre Szenen, die sie anderentags umsetzen wollten.
An nächsten Tag hatten die Jugendlichen geeignete Kleidung dabei und auch Gegenstände mitgebracht, um die Szene auszustatten. Nach einer gemeinsamen Sichtung und Besprechung der Bilder vom Vortag hatten die Jugendlichen noch mal drei Stunden Zeit ihre Szenen in Bilder und fassen. In der letzten Stunde fand dann eine gemeinsame Endauswahl statt.

In dieser Straßenszene gehen zwei Personen in einem schnellen Tempo auf die Kamera zu. Damit das Bild durch die Bewegung nicht verwackelt, ist es wichtig mit einer kurzen Belichtungszeit von 1/250 Sekunde bis zu 1/1.000 Sekunde zu arbeiten. Da sich die Entfernung zur Kamera durch die Bewegung der Personen verändert, ist eine geschlossene Blende ratsam. Mit einer Blende 11 oder einer Blende 16 hat man genug Tiefenschärfe, um der Unsicherheit bei der Scharfeinstellung entgegenzuwirken.

Für dieses Bild haben die Jugendlichen mit einem Standlicht gearbeitet. Es sollte eine nächtliche Barszene dargestellt werden. Das Licht wurde so aufgestellt,dass die Haare und der Rücken der Person von der Seite beleuchtet wurden, während das Gesicht im Dunklen bleibt. Hervorgehoben werden durch diese filmisch wirkende Lichtführung auch die zerknüllten Papiere auf dem Bartresen, die uns darauf aufmerksam machen, dass die dargestellte Person an jemanden schreibt.

Dieses Bild ist vor einer Diaprojektion entstanden. Der Projektor war auf einer Höhe von 1,50 Metern positioniert und somit wurde die davorstehende Person als Silhouette dargestellt. Unweigerlich setzt man die Person im Vordergrund mit dem Raum im Hintergrund in Verbindung. Die Schärfe sollte sowohl auf der Person als auch auf der Projektion liegen. Um die dafür nötige Tiefenschärfe zu erreichen, sollte man eine Blende von 5, 6 oder 8 wählen. Da vor der Kamera keine schnelle Bewegung stattfindet, kann die Belichtungszeit – sofern mit einem Stativ gearbeitet wird – ruhig etwas länger sein: 1/15 Sekunden oder 1/30 Sekunden.