Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Schwarz-weiß-Foto eines Filmteams, bestehend aus 5 Personen, die gespannt auf einen Bildschirm schauen

Wie schmeckt ein iPod?

Medienpädagogische Teilzeit-Autobiographie zwischen Hardware, Hypes und Halbwahrheiten

Vom sw-Fernseher bis zum Multimedia-Handy – technische Innovationen stellten in den letzten 30 Jahren nicht nur die Medienarbeit vor immer neue Herausforderungen, sondern sie veränderten auch den Alltag der Heranwachsenden und ihrer Eltern. Sascha Düx, Mitarbeiter im Multimediabereich des jfc Medienzentrums, berichtet in einer amüsanten Zeitreise von seinen Erlebnissen mit den Techniken im Laufe der Zeit.

1976 war ein wundersames Jahr. Meine Großtante führte mich in die wundersame Welt des Farb-TVs ein; völlig baff stellte ich fest: Tiffy ist ja rosa! Die Firma Apple wurde gegründet, Andy Milonakis wurde geboren, beides fiel seinerzeit nicht weiter auf. Ich brach das Herz meiner Mutter, als ich ein beachtliches Loch in ihre liebste Janis-Joplin-Single biss. Das „ich habe Wut!“-Kind in der Sesamstraße hatte es vorgemacht. Wut hatte ich keine gehabt, umso mehr konnte ich mich an den sinnlichen Qualitäten des berstenden Vinyls erfreuen: Freedom’s just another word for nothing left to lose! Und dann wurde es Sommer, und ich begegnete der Medienpädagogik. Noch nicht als Opfer, damals nämlich stand ihr der Appetit noch mehr nach Jugendlichen. Und ich war ja erst knapp fünf, konnte also unbehelligt beobachten, wie sich fünfzehnjährige Ersttäter-Zeitungsmacher über die erbärmliche Druckqualität ihrer reloadeten Matrize die langen Haare rauften. Derweil nebenan im Fotolabor eitel Freude herrschte über die schwarz-weiße Lovestory, die da Bild für Bild aus der Wanne an die Wäscheleine wanderte. Schöne Protagonistin, wie gut, dass Dein Kleid im wirklichen bunten Leben nicht rosa, sondern gelb ist! Ich will später eine Frau wie Dich heiraten. Nimm mich an die Hand und geh mit mir nach unten, die haben da ein Koffertonbandgerät und nehmen gerade ein Hörspiel auf! Ich trau mich nicht alleine hin, die Luftballons knallen so laut, und was bedeutet eigentlich „Mogadischu“?

Kabelsalat und Tastaturpiepser

Gut, ich gebe zu, bis auf die gebissene Janis und die Geburt von angebissenem Apfel und Milonakis geschah das vielleicht alles erst 1978 (Wikipedia sagt, Tiffy habe erst in diesem Jahr ihr TV-Debut gehabt) – vielleicht auf der letzten Sommerfreizeit meines Vaters, bevor er der Jugendarbeit den Rücken kehrte und für 3 Jahre als Missionar in ein ostafrikanisches Bergdorf ging. Kein Strom, DW-Nachrichten im Batterie-Weltempfänger, ein Irrer hatte John Lennon erschossen, und die Super-8-Kamera begann im feuchten Klima zu rosten, als gerade der erste Tonfilm eingetütet und ins zuständige heimatliche Entwicklungsland verschickt worden war. Nun, wir lernten Gelassenheit; Nichtfunktion technischer Geräte war hier der Regelfall, der Vater lag meist schraubend unterm Landrover. Meine Nabelschnur zur elektronischen Zivilisation war der Quellekatalog, als Lieblingsseiten darin etablierten sich schnell die mit den Homecomputern. Da gab es den Atari 800, den Commodore VC20 und später dann den C64, mit vier Tongeneratoren – ob man die wohl mit den vier breiten dunkelbraunen Tasten rechts bediente?

Zurück in Deutschland musste dann schnell ein eigener Computer her. Das gesparte Taschengeld reichte leider nur für einen piepsenden VZ-200 mit TV-Anschluss, 4-kB-Speicher und acht Farben, von denen allerdings nur vier gleichzeitig dargestellt werden konnten. Ich schrieb in BASIC mein erstes Spiel, eine Art Autorennen, und musste es immer wieder schreiben: Als dauerhaftes Speichermedium stand nur ein kariertes Heft nebst Bleistift zur Verfügung. Immerhin bewirkte das ständige Tastaturpiepsen im Wohnzimmer, dass mir meine Eltern sehr schnell einen eigenen Fernseher kauften.

Zu diesem Zeitpunkt erwischte sie mich dann zum zweiten Mal, die Medienpädagogik. Die Video-AG meiner Schule verkündete stolz, wenn auch nicht mehr die einzige, so doch die erste Videoschülerzeitung in der BRD zu produzieren: den „Kabelsalat“. Da musste ich mich natürlich hereinmogeln, obwohl eigentlich zu jung. Mein einziger echter eigener redaktioneller Beitrag blieb denn auch eine altklug-medienkritische Reportage über Computerspiele. Produziert wurde auf VHS; Camcorder waren noch nicht erhältlich, als Ersatz musste ein Holzbrett mit angeschraubtem Recorder, Kamera und Schulterpolster herhalten: Krafttraining für Nachwuchsfilmer. Echte Schnittplätze kosteten utopische Summen, also wurde im Eierkarton-verschalten Medienraum von Recorder zu Recorder kopiert, und bei fast jedem Schnitt gab es Bildschnee. Großer Spaß. Für erste investigativ-journalistische Gehversuche wurden wir von der betroffenen Lehrerin mit Vorführ- und Weitergabeverbot per einstweiliger Verfügung belohnt. Wir fühlten uns wie Rudolf Augstein. (Die indizierte „Kabelsalat“-Ausgabe war natürlich längst in der Schülervollversammlung gezeigt und in etlichen Kopien an die damals boomenden Videowettbewerbe verschickt worden.) Wir drehten ein alternatives Video zu Grönemeyers „Männern“ – die Zeile „Männer kriegen keine Kinder“ wurde mit Papstbildern aus der Tagesschau unterlegt, der Rest mit den Herren aus dem Kollegium –, und für eine medienapokalyptische Zukunftsvision zertrümmerten wir fachgerecht einen Fernseher. Der wurde im Film natürlich – es war 1983 – von einer durchdrehenden Horrorvideo-Konsumentin zerstört. Wenn man das Band rückwärts abspielt und genau hinschaut, bemerkt man, wie sie sich dabei mehrfach ihr 17 Kilo schweres B2-Netz-Handy auf die Stirn schlägt. Zoomt man sich mittels heutiger digitaler Blow-up-Techniken weiter in diese Szene herein, wird man erkennen, dass es sich dabei um einen frühen Videohandy-Prototyp handelt, welcher gerade abwechselnd prähistorische Jamba-Werbung und grausame Happy-Slapping-Videos abspielt. Doch, versprochen!

1988, Wikipedia weiß es, verbrannte die originale Tiffy beim großen Brand in den Wandsbeker Produktionsstudios des NDR. Die neue Tiffy entspreche optisch eher dem Kindchenschema. Ob sie rosa ist? Keine Ahnung, im Kinderfernsehen gucke ich schon lange nur noch Spongebob (mit Schwester) und Sandmännchen(mit Tochter). Spongebob ist besser. Und gelb. Außerdem ist es sowieso zu spät: Auch die zweite Tiffypuppe, so Wikipedia weiter, sei inzwischen kaputt, nehme eine Auszeit und werde in den USA generalüberholt. Comeback, klar, 2006. Seltsam, dass die keine Backup-Puppen haben! Von Gottschalk, Slomka und Pocher gibt es doch auch, wie jeder weiß, mehrere Klone, die je nach Tagesform im Wechsel eingesetzt werden.

Plug & Pray

Die Video-AG löste sich auf, als der zuständige Kunstlehrer die Schule verließ. Es gab keinen Backup, und unter einem Betriebssystem „Deutschstudienrat“ oder „Informatik im Drittfach“ wäre der Kabelsalat vermutlich eh schnell verwelkt. Was blieb, waren Jugendfreizeiten. Jetzt gab es auch endlich VHS-Camcorder, das heißt: Es gab einen Camcorder. Und ein Stativ, sonst nichts. Aber das reichte für ein Minimusical über einen Goetheinstitutsdirektor, welcher auf der Insel „Cap of Good Dope“ den ortsansässigen Hippies die deutsche Kultur näher zu bringen sucht. Immerhin Bronze beim Videowettbewerb von Haus Villigst. Kein Medienpädagoge, überhaupt kein Pädagoge hatte an der Entstehung mitgewirkt; wir hatten uns emanzipiert. Filmisch war das Video eine Katastrophe.

Folgerichtig begann ich wenig später ein Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften nebst Publizistik und Pädagogik. Im Einführungsseminar 1992/93 war der semesterweise recycelte Stoff offenkundig aus aktuellem Anlass ergänzt worden (man sah die in die Kopiervorlage eingeklebten Stellen): Vom HD-Fernsehen und den sich ergebenden neuen dramaturgischen Möglichkeiten war die Rede. HDTV war im Kommen, das war ganz klar. „HDTV ist im Kommen, das ist ganz klar – gerade jetzt mit der WM …“, erzählte mir gerade noch beim NRW-Medienforum 2006 ein Medienpädagogenkollege. Ich war traumatisiert und glaubte ihm nicht. Aber er hatte natürlich Recht.

Was in den 90ern tatsächlich kam, ist bekannt: Loveparade, Multimedia-PC, Nirvana, Pulp Fiction, WWW, VIVA, Monica Lewinsky, DVD, Boy- und Girlgroups, dotcom-Economy, Handymania. In der Medienpädagogik Computerspiele, Mailboxen – und VHS. Genauer: S-VHS. Denn da war die Produktionstechnik endlich wirklich marktreif, funktionsfähig und finanzierbar. Naja, einigermaßen finanzierbar. Wir lernten an der Uni Dreimaschinenschnitt und wussten, dass es irgendwo auch den großen, ebenso ehrwürdigen wie digitalen wie non-linearen AVID gab. In der Jugendarbeitspraxis jenseits der Medienzentren mussten wir weiter mit einem einsamen Camcorder arbeiten. Klar, S-VHS.

Anfang 2001 wurde ich endgültig Täter, trat einen hauptberuflichen Medienpädagogenjob an. Als Projektkraft bei den Webmobilen für NRW war alles wieder ein bisschen wie 1986 in der Videoschülerzeitung: Statt zusammen gebastelter Camcorder-Chimären wurden nun Computer(röhren)monitore und Tower-PCs in großer Zahl durch die Gegend geschleppt, Windows war in einem ähnlichen Entwicklungsstadium wie damals VHS, an Kabelsalat und Spaß herrschte auch kein Mangel.

Foto: jfc Medienzentrum e.V.

Selbstproduzierte Zeitungen, Fotostories und Hörspiele gab es auch wieder, nur alles in digital, und über WWW theoretisch weltweit sichtbar. Technisch war im Win-98-Netzwerk mit all den hübschen Digicams, MD-Recordern, USB-Mikroskopen und Webcams viel mehr möglich als 1976 auf der Jugendfreizeit. Nur, Nichtfunktion bei Inbetriebnahme war der Regelfall, Plug & Pray wie es hieß – erst zwei Stunden kämpfen, dann konnte es meistens losgehen. Und dann wurde es auch meistens gut.

Podcasting durch die Blogosphäre

Wir wissen nun: Das bevorstehende 2006er Comeback von Tiffy 2.1 ist ein Fanal für das anbrechende Zeitalter von Web 2.0 und – endlich – HDTV, wir podcasten uns durch die Blogosphäre, haben dank AJAX und reiner Glasfasern einen streifenfreien Online-Desktop, mit dem wir uns in ein weltweites semantisches Netzwerk einklinken … und da diese Techniken immer öfter auch tatsächlich funktionieren, erwarten wir frohgemut den Durchbruch des bandlosen Speicherchipcamcorders und der 128bit-Mikroprozessoren und hoffen nach verlorener WM nun auf mehr Glück bei der Olympiade Peking 2008, die wir auf unseren WiMax-Videohandys anzusehen und im Falle deutscher Medaillengewinne auch aufzuzeichnen gedenken. In der Zwischenzeit … Oh Lord, won’t you buy me an iPod 60GB? Du weißt, Herr, das teure Diesel, der karge Medienpädagogenlohn, die kommende Mehrwertsteuererhöhung – wie wär’s mit der gelben „beach wear“-Sonderedition? Ob die Milchzähne meiner Tochter die wohl knacken können?

Titelbild: Sascha Düx