Magazin für die pädagogische Praxis

Fachbeiträge

Ein junger Mann in brauner Jacke, der mit einem Auge durch eine Filmkamera schaut

Zoom zurück – Blende auf

1976-2006: Drei Jahrzehnte Videoarbeit im jfc Medienzentrum

Im jfc Medienzentrum gehörte die Videoarbeit von Anfang an dazu. Seit der Zeit, als Video in der Jugendarbeit laufen lernte, bis zur digitalen, computergestützten Produktion und Integration in den Multimedia-Bereich des jfc haben sich nicht nur die Technik, sondern auch die Themen, Ansätze und Arbeitsformen verändert. Aus Interviews mit Mitarbeitern, die im Verlauf der letzten 30 Jahre im Videobereich tätig waren, sowie eigenen Erfahrungen ist eine kleine Geschichte der Videoarbeit im jfc entstanden. Aber selbstverständlich gibt es eine Vielzahl anderer Medienfachstellen, die die Videoarbeit in Deutschland beflügelt haben. So ergänzen einige Statements von Kolleginnen und Kolleginnen in anderer Medieneinrichtungen zu ihrer Sicht der Entwicklung diesen subjektiven Einblick in die Videoarbeit in Köln.

Wenn ich an die Effekte meiner zehnjährigen Arbeit beim jfc denke, ist in der Nachbetrachtung bei den Jugendlichen am meisten im Bereich der Persönlichkeitsbildung hängen geblieben. Ein Filmprojekt ist schon eine Bewährungsprobe für eine Gruppe und jeden Einzelnen darin. Es gehört auch schon einiges dazu, sich später mit einem Film vor anderen zu präsentieren1, sagt Jochen Wilhelm, bis 1986 Mitarbeiter im Videobereich des jfc. Uli Hünermann bis Ende 89 sein Nachfolger: „ Das Größte war für mich, Jugendliche für ein Medium begeistern zu können, der Stolz und die leuchtenden Augen beim eigenen Film“. Für den nächsten Videomann im jfc, Olaf Klein, heute wie auch Ulrich Hünermann im Profibereich tätig, waren seine 11 Jahre im jfc eine Zeit, an die er gerne zurückdenkt: „Beruflich was dies für mich die wichtigste Zeit, weil man dabei viel mitlernen konnte. Geschätzt an der Tätigkeit als Medienpädagoge habe ich den Freiraum: Wie gehe ich was an, wie beobachte ich Jugendszene, Jugendarbeit, wie greife ich ein?

Foto: jfc Medienzentrum e.V.

Schon 1976, als sich der Jugendfilmclub Köln von einer lockeren Gemeinschaft filminteressierter Jugendeinrichtungen zu einer Vereinsorganisation mauserte, war klar, dass aktive Medienarbeit dazu gehören würde. Angesetzt wurde an den Interessen, Wünschen und Fähigkeiten der Jugendlichen aus den Mitgliedseinrichtungen, die selten auf der Sonnenseite des Lebens standen. Video nicht nur als Filmproduktionsverfahren, sondern vor allem auch im Rahmen sozialpädagogischer Arbeit als Vehikel für das Persönlichkeitstraining der Jugendlichen zu betrachten, dabei den Prozessen der Gruppenmitglieder Vorrang vor dem Endprodukt zu geben, war früher in besonderem Maße das Anliegen und die Stärke der Videoarbeit des jfc.

Mutter aller Videomagazine

So um 1978 war die Technik (Japan Standart) nicht mit der heutigen zu vergleichen, das Medium hatte aber trotzdem bei den Jugendlichen und bei uns eine wahnsinnige Attraktivität. Doch es war letztlich immer nur ein bisschen Vertraut machen und Rumexperimentieren mit dem Medium, denn es gab noch keine Postverarbeitung und auch keine Öffentlichkeit für das Gefilmte“. Rollenspiele, Selbstbeobachtung, die Beschäftigung mit Bildern oder Licht, das reichte mit der Zeit nicht mehr aus.

Anderenorts war das Medium bereits von der politischen Bewegung entdeckt. Unter dem Label „Gegenöffentlichkeit“ organisierten junge Leute alternatives Kneipen-TV, mobile Video-Live-Aktionen oder Streik-TV. An der Uni und in diversen politisch bewegten Zirkeln beschäftigten sich alle mit dem „emanzipatorischen Potential“ der Medien, beteten Enzensberger und Brecht rauf und runter. „Wir haben uns auch damit auseinandergesetzt. Gegenöffentlichkeit war nicht der richtige Ausdruck für uns. Es ging mehr um eine eigene Öffentlichkeit der Jugendlichen untereinander.“ (Jochen Wilhelm) Und die wurde Ende ´79 gebraucht, als in Köln die Jugendpolizei eingeführt werden sollte und breite Teile der Kölner Sozialarbeitern dagegen rebellierten. „Damit sich die Jugendlichen entscheiden konnten, auf welcher Seite sie stehen, drehte eine Theatergruppe in einem Jugendzentrum einen Film zum Thema. Das Band diente in anderen Einrichtungen dazu, für eine Veranstaltung zu akquirieren, bei der schließlich 600 Jugendliche und 100 Sozialarbeiter erschienen. Da überlegten wir uns: Wenn es Anliegen von Jugendlichen gibt, die nach außen gebracht werden müssen, kann man das auch organisieren“, so Jochen Wilhelm zur Entstehung von Lurens- das Magazin von Jugendlichen für Jugendliche. Das funktionierte dann folgendermaßen: Mit Hilfe der vom jfc geschulten Sozialarbeitern erstellten Jugendgruppen in den Einrichtungen ihre Filme, von denen jeweils vier vom Lurens-Team (Jugendliche und jfc-Mitarbeiter) zusammengestellt wurden. Das fertige Magazin wurde schließlich in Kölner Einrichtungen vorgeführt. Schnell schlug Lurens auch in anderen Städten Wellen, kein Wunder, denn das Projekt – für zwei Jahre als Modellprojekt aus Bundesmitteln gefördert – lief hervorragend. Zahlreiche Jugendliche und Jugendarbeiter waren voller Enthusiasmus bei der Sache und die Beiträge (z.B. Rechts um – Neulich bei der Bundeswehr, Schülerstreik, Verhütungsmittelrevue, Wozu sind Kriege da?) wurden in zahllosen großen und kleinen Runden eifrig diskutiert.

Foto: jfc Medienzentrum e.V.

Mit der Zeit bekam das jfc aber keine Mittel mehr und konnte Lurens nur noch halbherzig betreuen. (Als Verein war das jfc über eine Sockelfinanzierung hinaus immer Projektfördermittel) angewiesen. Zudem hatte der Zeitgeist das Projekt eingeholt: “Insgesamt wurde Jugendarbeit zurückgefahren und die Anstellten betrachteten ihre Arbeit als Lebensjob. Sie waren mehr auf der Seite der Verwaltung und maßen der arbeitsintensiven Produktion eines 10-Minutenfilms eine andere Wertigkeit bei als z.B. einem öffentlichkeitswirksamen Open-Air-Konzert.“

Seminartourismus

Zudem war das Freizeitangebot für Jugendliche enorm gewachsen. Die Videotheken vermehrten sich immens und Eltern wie Pädagogen diskutierten über das neue Angebot von gewalthaltigen Videofilmen. Relativ schnell entwickelte das jfc hierzu eigenständige Positionen, die bald unter dem Stichwort präventiver Jugendmedienschutz landauf, landab auf der Tagesordnung standen: Nicht nur auf Fehlentwicklungen der Medienindustrie reagieren, sondern mit attraktiver Filmarbeit und praktischer Videoarbeit Jugendlichen ein Gegenangebot machen, hieß die Devise damals – zum Missfallen vieler Leute! Trotz erheblicher Widerstände konnte diese Position nicht nur durchgehalten, sondern mit erheblichem Aufwand in Seminaren, auf Veranstaltungen und Tagungsbeiträgen verbreitet werden.

Daraus entwickelten sich wieder praktische Arbeitsangebote wie beispielsweise Multiplikatorenschulungen. Uli Hünermann, beschreibt seine damalige Arbeit wie folgt: „Vor dem Hintergrund der Horrorgeschichte haben wir uns viel mit Angst auseinandergesetzt. Wir wollten Kindern auf ganz einfachem Niveau verdeutlichen, wie im Film mit Zeit, Raum, macht etc. umgegangen wird, ihnen die Mechanismen, die bedrohlich auf sie wirken, spielerisch verdeutlichen.“ Die umfangreiche Arbeitsmappe Herausforderung Video, die über viele Jahre enorm häufig nachgefragt wurde, ist Ausdruck der Arbeit des jfc während dieser Zeit.

In der Folge veränderte sich auch die Qualität der praktischen Videoarbeit in Seminaren und Einzelprojekten. Pädagogischen Zielsetzungen und Methoden, auch die Inhalte der Filme waren sekundär geworden. Stattdessen ging es um die Vermittlung eines soliden Handwerkszeugs (Techniken wie Kameraführung, Dramaturgie, Lichteffekte) damit in den Einrichtungen anschaubare Produkte erstellt werden konnten. Mit Wackelvideos waren die an die Perfektion eines Spielbergs gewöhnten Jugendlichen nicht mehr zu begeistern. Als dann sogar noch eine technische Neuerung auf den Plan trat, die Farbe, gab es 1985 für Lurens einen letzten Aufschwung. Qualifizierte Betreuer und farbverlockte Jugendliche erlangten erstaunliche Resultate: So filmisch war Lurens nie gewesen!

Die hohe Nachfrage für Seminare bot nach dem Auslaufen der Projektgelder von Lurens eine neue Finanzierungsquelle für den Verein Die Zeit des „Seminartourismus“ begann. Uli Hünermann: „Nach einiger Zeit merkte ich, ich mache nur Fortbildungen und Fortbildungen. Die Projektebene war dadurch vernachlässigt worden. Andere Medienzentren, die viel später angefangen waren als wir, hatten viel witzigere Ideen entwickelt. Mir wurde es immer unangenehmer, mit LURENS hausieren zu gehen. Ich glaube, dass uns die Tradition manchmal gehemmt hat, das Bewusstsein, Jugendvideoarbeit hat sich eine Zeit lang nach uns orientiert. Außerdem gab es auch immer andere Bereiche, z.B. den Filmbereich oder den Publikationsbereich, in dem etwas Neues lief und damit immer wieder Kräfte abzog.“

Im Sog der Festival-Euphorie

Diese satte Phase wurde schließlich überwunden, denn Uli Hünermann machte sich auf, dem kommunikativen Rahmen von Lurens zwar treu zu bleiben, ihn aber mit anderer Substanz zu füllen: Es gründete sich der Arbeitskreis Videotreff, dessen Mitglieder sich – mit leichter Fluktuation 15 MitarbeiterInnen aus Kinder- und Jugendeinrichtungen – über lange Jahre trafen zu Fortbildung, Austausch und gemeinsamer Projektplanung: „Damals ging es bei uns mehr in Richtung Bilder finden, experimentieren, sich informieren, wie sich Video entwickelt hat. Das Medium hat doch eine eigene Bilderwelt erzeigt, es wurden eigene Präsentationsformen gefunden.“ Die Gemeinschaftsprojekte hatten einen stark innovativen Charakter. Beim ersten Projekt brachten die Arbeitskreisleute ihren Jugendlichen mit einer Videoinstallation zum Thema Müll die Videokunst nahe. Videoclips, damals gerade ultrahip, der Jugendlichen zum Thema wurden zeitgleich zur selben Musik präsentiert – ein Stück Avantgarde für die damalige Jugendarbeit. Auf einer zentralen jfc-Party nahmen die jungen „Kunstproduzenten“ das Ereignis, die Parallelität verschiedener Sichtweisen erstaunt und ein wenig befremdet wahr.

Es folgte 1988 das erste „Multimedia-Projekt“ des jfc: Die Videotreff-Mitglieder hatten die immergleichen Phantasien ihrer Jugendlichen, die zahllosen Love-Storys und Genre Parodien, satt. Die Themenstellung, Noch zwei Stunden Lebenszeit – der Countdown läuft, sollte eine Bedrohung aufzeigen – allerdings mit genügend Raum für einen positiven Gegenentwurf. Es entstand eine rund 70-minütige Produktion, an der sieben Videogruppen und je eine Radio-, Computer und Ton-Dia-Gruppe beteiligt waren. Sie bildet ein sehr authentisches Dokument der Lebensgefühle von Jugendlichen in dieser Zeit: Kaum eine Gruppe hatte die politische Dimension des Themas aufgegriffen, stattdessen wurden Ohnmachtsphantasien zelebriert, eine verzweifelte Flucht, die im Stau endet, Angst, die in Alkohol ersäuft wird, Selbstmord vor dem heißgeliebten Dirty-Dancing-Film.

Alldieweil wurde die Videotechnik immer preiswerter, kleiner und leichter verfügbar. Viele Jugendeinrichtungen hatten eigene Aufnahmetechnik und stetig stieg die Zahl junger Leute, die jenseits der Institutionen über Freunde und Verwandte einem Camcorder auftrieben und ihre Homevideos produzierten. Die Zeit war reif für ein KölnerVideoFilmFest, um – wie auch in anderen deutschen Großstädten – die lokale Produktion anzuheizen und zu unterstützen. Und so machten sich das Jugendamt, der Jugendpark und das jfc – mit Unterstützung des Videoarbeitskreises und der FH Sozialwesen ans Werk, das Zauberwort mit Inhalt zu füllen. Um die auf Ende 89 datierte Premiere des Videofestes nicht zum leistungsorientierten Jungfilmerwettbewerb geraten zu lassen, wurde der Schwerpunkt auf den Fördergedanken (Einführungskurze, Gruppenbetreuung, Beratung) und die Kommunikation (Gesprächsrunden mit den Machern im Anschluss an einen Filmblock) gelegt. Die Konkurrenz unter den Jugendlichen sollte möglichst gering (Ausspielung von Sachpreisen in gleicher Höhe an alle Teilnehmer, Einbeziehung des Entstehungsprozesses in die Wertung) sein. Das Fest wurde ein Riesenerfolg. Die Jugendlichen genossen offensichtlich die Festivalatmosphäre: ein schickes Bürgerhaus, ein voller Saal, ein breites Spektrum an Videos unterschiedlicher Thematik und Gestaltung aus Jugendzentren, von Schulklassen und Jugendlichen, die ihre Videos präsentierten. Uli Hünermann hatte in der Planungsphase viel Wert daraufgelegt, Jugendliche, die in ihren Visualisierungsmöglichkeiten benachteiligt sind, zu ihrem Recht kommen zu lassen. Dennoch musste er feststellen: „Gruppen, die nicht das Selbstbewusstsein haben, sind sofort in der Position des Loosers. Da kann ich schon bei mir selbst anfangen. Bei allem Wohlwollen gegenüber OT-Filmen, natürlich haben mir die Filme, bei denen keine Sozialarbeiter die Finger drin hatten, besser gefallen.“ Diente das Videofest einerseits dazu, Öffentlichkeit für die Produktionen von Jugendlichen herzustellen, so sollte es aber auch eine Art Bestandsaufnahme der hiesigen Jugendvideoszene liefern. Und wir waren erstaunt über ihre kreative Vielfalt – auch außerhalb unserer Mitgliedseinrichtungen.

Der AK Videotreff zog aus dem Videofest die Lehre, dass sich „ihre“ Jugendlichen in internen AK-Projekten besser aufgehoben fühlen. Angeregt durch das Modellprojekt „Filmsehen“ des jfc Filmbereichs, in dem versucht wurde, Filmwelten mit Eventcharakter lebendig werden zu lassen, entstand 1992 die Reise in eine andere Zeit mit 11 Videofilmen. Bei der Abschlussveranstaltung begaben sich die jungen Besucher in einer als Weltraumstation mit Cyberkapsel gestalteten Räumlichkeit auf eine inszenierte Zeitreise von der Steinzeit in die Zukunft.

Vielfalt mit Konzept

1990 begann eine Phase, in der meine eigene dreijährige Erfahrung im Videobereich ins Spiel kam. Es war eine sehr abwechslungsreiche, lebendige Zeit, denn 1990 befand sich der Videobereich im jfc im Ausbau. Neue Geräte konnten angeschafft werden, neben dem VHS-Schnittplatz gab es nun ein semiprofessionelles S-VHS-Studio mit TBC, Bildmischer, 3 Maschinensteuerung. Zu einer Videostelle gesellte sich eine zweite und mit Olaf Klein kam ein Mitarbeiter, der bereits Erfahrungen im Fernsehbereich gesammelt hatte. Wir waren uns einige, dass es an der Zeit ist, den Veränderungen in der Jugendvideoszene Rechnung zu tragen und, Projektformen zu entwickeln, durch die auch Jugendliche ohne Bindung an eine Institution an den Möglichkeiten des jfc teilhaben konnten.

Geplant war also eine Erweiterung. Die an Persönlichkeitsbildung und Medienerziehung orientierte Videoarbeit in den Einrichtungen sollte dabei nicht vernachlässigt werden. So gab es in dieser Zeit eine Vielzahl von Projekten mit stark sozialpädagogischem Charakter. Siffong – Jugendliche klären ihren Stadtteil war beispielsweise ein Kooperationsprojekt mit einer Kölner Gemeinweseneinrichtung (Veedel e.V.) in einem sozialen Brennpunkt: Jugendliche, die langsam über Videoaktionen an einem Bauwagen in ihrer Siedlung an das Medium herangeführt wurden und zu einer Videogruppe zusammenwuchsen, dokumentierten ihren Alltag und ihre fehlenden Freizeitmöglichkeiten im Viertel über einen langen Zeitraum hinweg. Unvergesslich wird mir bleiben, wie sehr diese Jugendlichen, die übrigens in einer Mädchen- und einer Jungengruppe gearbeitet hatten, im Verlauf der Produktion „gereift“ waren und selbstbewusst ihre Resultate bei der Abschlussveranstaltung vor der Presse und Vertretern der Stadtverwaltung präsentieren konnten.

Einen Schwerpunkt (bis heute) bildeten auch Mädchenvideoprojekte und Videoseminare für Multiplikatorinnen, war der Umgang mit Technik für Mädchen und Frauen vor 15 Jahren noch lange nicht so selbstverständlich wie heute. Als weibliche Mitarbeiterin war ich natürlich prädestiniert für die Mädchenarbeit. Langfristige Arbeit war damals noch möglich, und so fuhr ich z.B. über ein halbes Jahr regelmäßig in eine Jugendeinrichtung, um mit einer Mädchengruppe den Spielfilm Macho, go home! zu drehen – ein intensiver Prozess, der bei den Mädchen auch im Hinblick auf ihre Berufsfindung eine Menge bewegt hat.

Neben diesen sehr niederschwelligen Formen der Jugendmedienarbeit rückte die Nachwuchsförderung immer mehr in den Vordergrund. Durch die Videofilmfeste ´89 und dann ´91 wuchs der Pool junger Leute, die regelmäßig ins jfc kamen, sei es um die Schnittplätze zu nutzen oder weil sie Kontakt, fachlichen Rat oder Fortbildung suchten. Olaf Klein: „Mit vielen Leuten stehe ich da heute noch in Kontakt, die machen heute Regie, Kamera, Sound. Da hat man schon bei den ersten Aufnahmen gespürt: Die Jungs können das – besser als man selbst“. Videomagazine waren Anfang der 90er in anderen Städten in NRW wieder zur Blühte gelangt (Clipper/ Düsseldorf, Borderline/ Wuppertal), so gründete sich auch in Köln parallel zu der Jugendradioredaktion „Mehr Davon“ eine Redaktionsgruppe, die einige Ausgaben des Videomagazins Bratz mit vielen originellen Beiträgen auf die Beine stellte. Da der Arbeitsaufwand, weitaus größer als bei der Radioarbeit, das Zeitbudget der Mitglieder wie auch der Mitarbeiter für das nichtgeförderte Projekt sprengte, entschloss sich die Gruppe nach einem Jahr, statt der regelmäßigen gemeinsamen Produktion in unregelmäßigen Abständen die Kleine Kölner Filmrevue zur organisieren. Bei dieser über viele Jahre ´kultigen´ Veranstaltung der Jugendvideoszene, konkurrierten Beiträge von ehemaligen Bratz-Redaktionsmitglieder mit anderen Produktionen junger Filmemacher um die „Goldene Zitrone“.

Das dritte Standbein des damaligen Konzepts bildete neben Auftragsproduktionen für gemeinnützige Einrichtungen die Eigenproduktion. Es erschien uns wichtig, eigene Erfahrungen aus unserem Erfahrungsumfeld umzusetzen bzw. unter professionelleren Bedingungen als in den Einrichtungen üblich, Beiträge mit und über Jugendliche zu realisieren. Ein Highlight aus dieser Zeit hieß Oskar ist los. Als Vorfilm für das Kölner Kinderfilmfest gedreht, läuft ein Hund in der von uns geschriebenen Story durch viele spielende Kindergruppen und zieht die Kinder wie der Rattenfänger von Hameln mit – zum, Kinderfilmfest. Auch wenn die Produktion für alle Beteiligten mit vielen schönen Erinnerungen behaftet, bringt Olaf Klein das Projekt auf den Punkt: „Oskar war die erste professionalisierte Filmproduktion, die wir in den Händen hatten. Wir haben das dramaturgische Konzept kreiert und es gab Episoden, die die Kinder mitgestalten konnten. In der Hauptsache haben sie aber letztlich nur als Darsteller gearbeitet. Es war ein wenig fragwürdig: wir benutzten die Kids mehr.“

Inwieweit werden Kinder und Jugendliche zu Erfüllungsgehilfen ambitionierter Jugendvideoarbeiter? Sollte der Prozess, die Ideen, die Entwicklung der Jugendlichen, oder eher das Produkt, möglichst präsentabel und öffentlichkeitswirksam, im Vordergrund stehen? Solche Fragen beschäftigen in dieser Zeit bundesweit die medienpädagogische Szene. Heutzutage scheint die Diskussion um Prozess und Produkt eher müßig zu sein. „Die Jugendlichen, die den Prozess mitmachen, sind jetzt auch wild auf ein gutes Produkt. Und für uns sind überzeugende Produkte ebenfalls wichtig: Wir müssen unsere Arbeit zunehmend gegenüber Geldgebern und Öffentlichkeit darstellen. Und ich will auch, dass die Sachen gut aussehen! Es macht Sinn, dass man den Prozess liebt und dabei immer auch das Produkt als ein Ziel vor Augen“, meint dazu Sascha Düx, seit 2001 im jfc auch für die Videoarbeit verantwortlich.

Kult und Krise

Dann schlidderte das jfc in eine Krise, in deren Folge das jfc aufgrund geringerer personeller und finanzieller Mitteln sowie interner Umstrukturierungsprozesse seine zahlreichen Videoaktivitäten zurückfahren musste. Als erstes größeres Videoprojekt danach kam dann Mitte der 90er Jahre: CrossCulture – Jugendkulturen der 90er Jahre ans Laufen. Ausgehend davon, dass die Jugend in Deutschland in viele verschiedenen Jugendkulturen ausdifferenziert hatte und insbesondere der HipHop – zunächst vor allem als Kultur der Migranten in Deutschland und dann auch darüber hinaus – populär wurde, sollten ebenso sehenswerte wie auch authentische Innenansichten erstellt werden. Ein Profi-Kameramann begab sich in verschiedene Jugendszenen mit dem Angebot, gemeinsam mit Jugendlichen oder genau nach ihren Maßgaben ein „Selbstdarstellungsvideo“ zu drehen. Entstanden sind acht Beiträge, die als Medienpaket zusammen mit einem Sonderheft der MedienConcret Jugendarbeitern als Infomaterial und Jugendszenen aus Ausgangsmaterial für Austausch und Auseinandersetzung diente.

Das Thema Jugendkulturen beschäftigt das jfc bis heute. In den HipHop-Camps (seit 2003) und dem Talentförderungsprojekt Roots & Routes (seit 2005) spielen Videogruppen jeweils eine wichtige Rolle. Diese beiden aktuellen Projekte werden mit internationalen Partnern durchgeführt und haben neben dem interkulturellen Austausch besonders die Förderung benachteiligter Jugendlicher in den Bereichen Tanz, Musik und Medien im Blick.

Foto: jfc Medienzentrum e.V.

Internationale und interkulturelle Videoarbeit hat im jfc Tradition (zahlreiche Jugendbegegnungen, Multiplikatorenseminare, Videobriefe etc., Betreuung des interkulturellen Netzwerks Crossculture). Nahezu eine Konstante bildet auch der Themenbereich Gewalt, Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit, der sich nicht nur in zahlreichen Jugendproduktionen, sondern auch in einer Reihe von Projekten niederschlägt. Genannt sie hier die Rolle vorwärts – Medienprojekte gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, bei der auf der Grundlage einer NRW-weiten Recherche ein Tape mit einer Auswahl besonders gelungener Projekten, die sich mit dem Themenbereich beschäftigen, zusammen mit weiteren Infos ein Medienpaket bildeten. Als positiver Ansatz gegen den Rassismus diente der interkulturelle Wettbewerb Mixed Linx 2001, der junge Leute aufrief, ihre Ideen zum multikulturellen Alltag auf ein Medium zu bannen. Mehr als die Hälfte der 120 Jugendgruppen, die Beiträge einreichten, wählten das Medium Video.

Im Zeichen von Multimedia

Mixed Linx steht im Zusammenhang mit einer langsamen Umorientierung der Arbeit des jfc von Video auf den Computer bzw. Multimedia. Zeit und Geld für langfristige Projekte war in den Einrichtungen immer weniger vorhanden. Die Einnahmen über den Videotechnik-Verleih gingen zurück, auf der anderen Seite schlug die teure Wartung der Schnittplätze – mittlerweile ein AVID – zu Buche. Die Entscheidung für einen Offenen Kanal, für den wir uns gemeinsam mit anderen Kölner Organisationen engagiert hatten und der anderenorts die Videoarbeit enorm befruchtete, fiel endgültig gegen den Standort Köln. „Ab ´95 war klar, wir kriegen nur Mittel, wenn wir auf Multimedia setzen, so ist „Webmobil“ entstanden.“, meint Olaf Klein zu dieser Phase. Mit dem Großprojekt Webmobile für NRW in Kooperation mit der GMK, das mobile Multimedia-Projekte initiierte und unterstützte, wurde die Videoarbeit Schritt für Schritt in Multimediaprojekte integriert.

Sascha Düx, heute im jfc auch für die Videoarbeit zuständig, ist kein Videomann, sondern ein Medienpädagoge mit vielfältigen Kompetenzen (Selbsteinschätzung: „Ich bin ein vielseitiger Dilettant.“), der der JFC Videoarbeit in den folgenden Jahren wieder eine neue Farbe verlieh. Selber auch Musiker initiiert er deshalb viele Projekte, die Video mit Computerarbeit und – wenn möglich auch – mit Musik verbinden. „Wir haben in den letzten Jahren viele Projekte gemacht, wo Jugendliche in den drei Sparten (Web-)Radio, Video und Webmagazin auf eine gemeinsame Online-Präsentation hingearbeitet haben. Wir haben gemerkt: Video hat die Leute immer gefesselt, hat gerade in den letzten beiden Jahren mehr Leute gelockt als Audio und Foto/Text. Video ist in Zeiten von YouTube und HDV wieder hip. Im Herbst werden wir ein Musikvideo-Projekt starten mit sieben Einrichtungen in ganz NRW. Gucken, wo gibt es junge Musiker, die daran Interesse haben und wo Jugendliche, die ihre Kollegen mit der Kamera festhalten wollen

Seit vier Jahren werden z.B. vernetzte themenorientierte Städteprojekte durchgeführt (Was glaubst Du denn? Wo bleibst Du denn?, Urban Culture 2005) wo gleichzeitig in verschiedenen Städten Radio-,Video- und Fotoprojekte entstehen zu Themen wie Glauben, Lebensstile, Musik.

Foto: jfc Medienzentrum e.V.

Neben den großen jugendkulturellen Projekten, den internationalen HipHopCamps und dem Talentförderungsprojekt Projekt Roots & Routes, ist das jfc auch häufig durchführender Partner bei Mediencamps und Projekten anderer Der Alltag des Videobereichs heißt schon lange nicht mehr Förderung des filmischen Nachwuchs – das läuft anderenorts. Sascha Düx: „Wir machen im Moment viel eventorientierte Arbeit und mobile Dienstleistungen für die Jugendarbeit. Da kommen Leute, die eine Projektidee haben, und wir helfen dann vor Ort bei Planung und Durchführung des Video-Parts. Und es gibt natürlich Projekte mit Schulen, z.B. gerade mit der GS Finkenberg, wo Schüler in kleinen Teams in Ausbildungsbetriebe gehen und verschiedene Berufsausbildungen

Blick zurück nach vorn

Die Rückschau auf die letzten Jahrzehnte zeigt, wie sehr die Jugendvideoarbeit in einer Einrichtung wie dem jfc Medienzentrum abhängt vom Zeitgeist, von Moden und dem direkten Kontakt zu den Jugendlichen, von den Personen, die den Bereich betreuen und nicht zuletzt von Politik und Förderung. In den verschiedenen Phasen haben sich Ansätze, Themen, Technik und Arbeitsformen verändert. Die jfc Videoarbeit ist auch heute noch sehr vielfältig, bunt und – nicht zuletzt durch die jugendkulturellen Projekte – nah an den Jugendlichen dran, auch wenn er heute sicherlich keine Kaderschmiede ist, in der der filmische Nachwuchs seine Handschrift entwickeln kann. Und sie ist – und das ist auch gut so – nach wie vor stetig im Wandel.

Heute gibt es viele Projekte, bei denen möglichst viele Jugendliche an einem Event zusammentreffen. Dass bei solch eher kurzfristiger Arbeit direkt mit den Jugendlichen zugleich Nachhaltigkeit gefordert wird, erscheint bisweilen wie die Quadratur des Kreises. Videoprojekte, in denen über einen langen Zeitraum in einer Gruppe gearbeitet wird – eine gerade auch in sozialpädagogischer Hinsicht sehr effektive Methode, die Jugendlichen einen enormen Motivationsschub gibt – haben nicht nur wenig Chancen auf Finanzierung, sondern sind auch heute bei Jugendlichen nicht unbedingt gefragt. Olaf Klein „Was wir bereits gespürt haben, ist der Trend zur Individualisierung, politisch auch wahrnehmbar, ein Gemeinsames gibt es kaum noch: Du hast die Techniken und die Angebote, die dich allein lassen. Du bist als Jugendlich noch Szenen verbunden oder eingebunden, aber was du da wirklich gemeinsam tust und erlebst, lässt sehr stark nach.“ Aufgabe könnte deshalb sein, Projekte zu kreieren, die dem entgegenwirken, die eine Team-Leistung erfordern. Sascha Düx erlebt die Folgen des Individualisierungstrends anders: „Es ist immer noch einfach, die Leute in eine Arbeitsdynamik als Gruppe zu bringen, auch vorm Computermonitor, selbst am Handy kann gemeinsames, soziales Lernen stattfinden. Richtig schwierig ist es dagegen geworden, Verbindlichkeit zu kriegen, Leute zu festen Zusagen oder gar regelmäßigen wöchentlichen Terminen zu bewegen. Die Schule bindet zunehmend Zeit, längerfristige Bindungen an Gruppenaktivitäten im Freizeitbereich funktionieren nicht mehr, passen nicht mehr zum Lebensgefühl.“

Insgesamt scheint Videoarbeit aber in der Jugendarbeit wieder mehr Gewicht zu bekommen, auch im Rechner läuft immer mehr bewegt in immer besserer Qualität. Und nun ist längst die nächste technische Entwicklung in Jugendhand, das Handyvideo. Olaf Klein: „Unter dem Aspekt Kino ist das ein weiterer Totengräber. Das Problem der Handys ist, dass es sie einfach massenhaft gibt. Man macht mal eben so, wusch, wusch. Da wird man am Anfang einen Style rausarbeiten können, der dann irgendwann museal eine Rolle spielen könnte. In 3-5 Jahren interessiert das keinen mehr“. Klar, auch im jfc spielt Handyvideo momentan eine Rolle, eignet es sich doch wunderbar als Einstiegsmedium in die kreative Arbeit, weil damit – zeitgemäß – spontan gefilmt werden kann. Sascha Düx hat in dieser Hinsicht eine weniger pessimistische Sicht: “Im Moment wird halt die gewalttätige Nutzung des Handyvideos als Sau durchs Dorf getrieben (Happy Slapping). Da kann man zeigen, wie man das Dingen auch ganz anders nutzen kann, als Kloppereien zu filmen und sich den aktuellsten Trailer von Spiderman 3 herunter zu laden. Bei der Lomografie gab es schon einmal den Trend, Low Tech hipp, spaßig – und kreativ zu nutzen. Vielleicht kann man auch mit Handys lustige neue Formen entwickeln.“ − Schauen wir mal…


Anmerkungen
  1. 1. Die Interview-Aussagen von Jochen Wilhelm und Ulrich Hünermann stammen aus einem Beitrag zur Videoarbeit in der MedienConcret 1/90.