Abenteuer und Freiheit locken in den digitalen Welten, denen sich kaum ein Heranwachsender entziehen kann. Längst sind Medien nicht mehr nur heimliche Erzieher, sondern ganz normale Sozialisationsagenten. Zentrale Aufgabe elterlicher und pädagogischer Begleitung ist heute das „Risikomanagement“, denn die Digitalisierung hat nicht nur enorme Chancen, sondern auch ihre Schattenseiten offenbart. Bei Kindern stehen die Erziehenden in der Verantwortung, Jugendliche sind mit zunehmenden Alter selbstverantwortlich, brauchen aber Unterstützung. Was heißt denn heute Erziehung? Und welche Faktoren gilt es zu beachten, damit Kinder ihre Medienbeziehungen kompetent mit Hilfe von guten Menschen-Beziehungen meistern können?
Erziehung ist ein altmodisches Wort für eine kulturell selbstverständliche Tatsache. Wenn man Neurowissenschaftlern wie Gerald Hüther oder Lutz Jäncke glauben darf, bleibt sie aufgrund der Entwicklung wichtiger Gehirnareale in Kindheit und Jugend auch in digitalen Zeiten notwendig. Der scheinbar aktuelle Streit zwischen rigiden „Tigereltern“ und Vertretern von Parolen wie „Erziehung ist überflüssig“ oder „Eltern als beste Freunde ihrer Kinder“ ist eher ein Kind der Medien. Vergessen scheint die wissenschaftlich gut abgesicherte Unterscheidung von Erziehungsstilen: zwischen autoritär und laissez faire bzw. antiautoritär ging das Plädoyer eindeutig in Richtung eines demokratischen Erziehungsstils.
Mit Erziehung bezeichnen wir ein pädagogisch mehr oder weniger absichtsvolles (intentionales) Verhalten von Eltern oder Pädagoginnen und Pädagogen, von Erwachsenen gegenüber Heranwachsenden. Das Erzieherverhalten bewegt sich zwischen Belohnung und Strafe, verstärken und verbieten, fördern und fordern, Grenzen setzen und Grenzüberschreitungen hinnehmen, hohen Anforderungen und tiefem Verständnis. Erziehung will von der (natürlichen und gesellschaftlich konstruierten) Abhängigkeit des unfertigen Kindes über erweiterte Freiräume und Verantwortung des Jugendlichen zur Mündigkeit und Unabhängigkeit hinführen. Das Ziel von Erziehung ist die selbstständige Persönlichkeit eines „erwachsenen“ Menschen, der sein Leben eigenverantwortlich im sozialen Miteinander meistern kann.
Ungleiche Machtverhältnisse
Dabei kann nicht ignoriert werden: Erziehung basiert auf ungleichen Machtverhältnissen. Eltern und Pädagogen haben Macht, die ihnen gesellschaftlich zugestanden wird, die sie aber auch psychisch aufgrund der anthropologischen Bindung ihrer Kinder haben. Die Idee von Erziehung, dass ein erwachsener Mensch einem Heranwachsenden vorschreiben darf, wie er zu sein und was er zu tun hat, ist in unserer Kultur tief verankert, ja sogar im Grundgesetz als Erziehungsrecht und -pflicht der Eltern unter dem Wächteramt des Staates festgeschrieben.
Ist das gerecht und notwendig? Und wenn ja, in welchem Maß und in welcher Art? Macht Erziehung das Kind nicht zum Objekt? Nur weil Heranwachsende kleiner und unerfahrener als Erwachsene und von diesen abhängig sind, dürfen sie nicht zum Objekt gemacht werden, auch nicht von Erziehung. Die Erziehungs-Macht sollte nicht im Recht des Stärkeren gründen, das erst endet, wenn die Heranwachsenden stärker (größer, klüger, kompetenter…) werden. Sie sollte in einer Autorität gründen, die das Kind als eigenständige Person von Anfang an respektiert. Als Autorität wird dabei gemeinhin eine Person angesehen, die auf einem Fachgebiet anerkannt ist. Aber was ist im Fall der Erziehung das Fachgebiet und wer muss es anerkennen?
Die Bindung, die Kinder natürlicherweise zu ihren Eltern bzw. engen Bezugspersonen aufbauen, ist idealiter ein Band des Vertrauens, der Beziehung statt einseitiger Erziehung. Der Erziehende ist vor allen expliziten Erziehungsmaßnahmen in erster Linie Vorbild, Modell sozialen Verhaltens, an dem Kinder sich primär orientieren. Daraus erwächst eine positive Autorität als Vertrauensbeziehung, die sich im Laufe der Kindheit und Jugend ständig neu erweisen muss.
Früher, so etwa vor 50 Jahren, war Erziehung einfach, weil es einen größeren Konsens gab, wie Kinder zu sein haben und welches Eltern- und Pädagogenverhalten „normal“ ist. Das Hierarchie-Gefälle war klar. Aber auch umgekehrt galt spätestens seit den Umbrüchen der späten 1960er-Jahre: Eltern sind selbstverständlich unmodern, haben keine Ahnung von Musik, Moden, Medien, Trends, sind so etwas wie der Gegenentwurf zum Jungsein. Der Generationenkonflikt war selbstverständlich. Heute sind die (Er-)Lebenswelten von Kindern und Eltern ähnlicher geworden. Eltern sind cool, schenken ihren Kindern Handys, sind ihre Freunde (auf Facebook) und nutzen WhatsApp für die Familienkommunikation. Aber gilt diese vermeintliche Beziehung auf Augenhöhe auch in Sachen digitaler Medien? Ist die Vertrauensbeziehung der Kinder zu ihren Eltern auch fürs Digitale tragfähig? Sind Eltern und Pädagogen bei diesem Thema eine anerkannte Autorität?
Von Medienbeziehungen und digitalen Schatten
Digitalisierung ist eigentlich ein technologischer Begriff und bezeichnet den Prozess der Umwandlung analoger Informationen in digitale Zeichenfolgen. Der Begriff wird etwas unscharf auch für die gesellschaftlichen Folgeerscheinungen dieser Technologie in Kultur und Lebenswelt benutzt. Eigentlich ist dafür der Begriff „Mediatisierung“ (Friedrich Krotz) unserer Kultur und Lebenswelten treffender. Medien durchweben unsere Lebenswelt und unser soziales Miteinander als wichtiger Faktor. Symbolisch kann man das am Smartphone verdeutlichen, das für viele Menschen quasi zu einem Körperteil geworden ist; es integriert alle bisherigen Medien konvergent und liefert weit mehr Funktionen zusätzlich.
Wir steuern damit das Internet der Dinge, sind mit uns wichtigen Menschen ständig (online) verbunden, produzieren durch unser (bewusstes) Verhalten mit dem Smartphone und durch automatische Registrierungen des Gerätes (z.B. Bewegungsprofil) ständig Daten, die von irgendwelchen Interessenten irgendwie gespeichert und ausgewertet werden. Wir profitieren alle in vielfältiger Weise davon, nutzen die Vorteile zur Kommunikation und leichten Informationsbeschaffung, vor allem aber zur Unterhaltung.

Das unbestimmte „irgendw…“ bezeichnet die Vielfalt der Möglichkeiten und zugleich die Verunsicherung, die uns in Sachen Digitalisierung umtreibt, wenn wir kritisch darüber nachdenken. Diese unsichtbare Macht lässt quasi beiläufig, aber zwangsweise einen digitalen Schatten der eigenen Person entstehen, dem wir uns nicht entziehen können. Wir können diese unsichtbare Macht aber auch nicht (be-)greifen. Begreifen wäre aber eine notwendige Voraussetzung für einen kritisch reflexiven und konstruktiven Selbstbezug in der Auseinandersetzung mit digitalisierter Welt; erst dann ist (Medien-)Bildung möglich.1 Mediatisierung ist kein Phänomen unserer Zeit, hat jedoch mit der Digitalisierung einen Schub erhalten, der ähnlich revolutionär wie beispielsweise die Meilensteine Schrift und Buchdruck unsere Kommunikationswelten und damit unser Verhalten tiefgreifend verändert. Mit dem Fernsehen als Medium wurde das „Verschwinden der Kindheit“2 ursächlich in Verbindung gebracht. Mit der Digitalisierung und Mediatisierung verschwimmen räumliche Trennungen und die klare Abgrenzung von Orten, zum Beispiel zwischen Arbeitsplatz und Privatsphäre, zwischen Beruf und Freizeit, zwischen Familie und Schule, zwischen Zuhause und außer Haus… Und unsere Beziehungen verändern sich.
Beziehungen zwischen Menschen sind durch unterschiedliche Distanzen, durch Zwischenräume unterschieden. Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern werden gemeinhin als sehr eng angenommen. Intensive Freundschaftsbeziehungen lösen die ersten engen Bindungen ab. Auch pädagogische Beziehungen spielen im Prozess des Heranwachsens eine Rolle: zur Lehrerin, die man mag, zum Lehrer, von dem man sich ständig abgelehnt fühlt, zum Gruppenleiter oder zu anderen Menschen, die eine pädagogisch begleitende Rolle für den Heranwachsenden spielen. Wir haben durchaus auch Beziehungen zu Dingen unserer Lebenswelt, die aber anderer Art als die Beziehungen zu Menschen sind. Und wir haben Medienbeziehungen, die latent zunehmend zwischen den Mensch- und den Sachbeziehungen changieren. Denn hinter den Medienbeziehungen verbergen sich zwei Funktionen: der Spiegel, das Echo des eigenen Selbst einerseits und Kontakt und Kommunikation zu anderen Menschen andererseits.
Abenteuer und Freiraum in digitalen Welten
Digitale Medien werden derzeit von jungen Menschen (noch) als Freiraum und reizvolle Abenteuer erlebt. Die Auswirkungen liegen in einem Spannungsfeld zwischen Chancen und Risiken. Leider werden in der medialen Öffentlichkeit die Risiken viel stärker betont als die Chancen, und das verzerrt für eher medial unerfahrene Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen das Bild. Faktisch stimmt es natürlich nicht, dass bei Facebook ständig Mobbing und Hate Speech aufploppen, bei Snapchat & Co. vor allem Pädophile online sind, dass digitale Spiele süchtig machen, überall im Internet Gewalt und Porno lauern und die Kommerzfallen jede Nutzung des Smartphones gefährlich teuer machen. Aber Risiken begleiten jedes Abenteuer, auch wenn die Risiken von Kommunikation und virtuellen Erlebnissen anders, auf jeden Fall weniger physisch sind.
Die Sehnsucht nach Abenteuer hat seine Ursache auch in gesellschaftlichen Entwicklungen. Wo Freiräume in der Gesellschaft enger werden, weichen Heranwachsende auf digitale Räume aus3, die ihnen neue Erlebensräume bieten. Das aktuelle Phänomen der „Escape-Rooms“, bei dem eine Gruppe in einem Raum eingeschlossen ist und durch gemeinsame Lösung meist digitaler Aufgaben den Ausgang öffnet, kann man als symbolisches Geschehen deuten: Viele junge Menschen erleben die gesellschaftliche Situation als komplex und ohne klare Perspektive und suchen ihren Weg mit der Peergroup gemeinsam unter selbstverständlicher Nutzung digitaler Medien. Es ist ein spannendes Abenteuer, über digitale soziale Netzwerke relativ leicht ganz andere und neue Kontakte weltweit zu knüpfen. Wer weiß, wofür diese vielen oft eher flüchtigen und oberflächlichen Beziehungen einmal gut sind. Netzwerkstrategien sind heute überlebenswichtig.
Dem Sog der digitalen Medienreize kann sich kaum ein Heranwachsender entziehen und die Peergroup verstärkt diesen Trend. Aber Neurowissenschaftler wie Lutz Jäncke weisen darauf hin, dass bei Heranwachsenden gerade der Frontalkortex noch stark in Ausbildung ist; diese Hirnregion ist unter anderem für Selbstkontrolle, Sozialverhalten, Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen zuständig.
Risiken managen
In Deutschland ist im Art. 5 des Grundgesetzes ein Jugendmedienschutz verankert, der aber in seinen gesetzlichen Umsetzungen aus anderen (analogen) Zeiten stammt. Angesichts weltweit vernetzter Angebote digitaler Medien sind Kommunikationsrisiken vielfältiger geworden. Einen wirksamen Schutz können Internetfilter, Altersbeschränkungen, Jugendschutzcodes nicht gewährleisten. Es geht um ein „Risikomanagement“, bei dem Beeinträchtigungen oder gar Gefährdungen einer „normalen“ Entwicklung minimiert werden sollen. Das ist zentrale Aufgabe elterlicher und pädagogischer Begleitung vor allem in Kindheit und frühen Jugendjahren. Die notwendige Förderung von Medienkompetenz in der Trias von Wissen, Können und Wollen (Bernd Schorb) steht in vielen Papieren, muss aber auch pragmatisch und konkret umgesetzt werden. Das Wollen, also die Frage der Motivation, von Interesse und Spaß an der Sache ist lernpsychologisch dabei der Dreh- und Angelpunkt.

Inhalts-Risiken: Die bislang den Jugendmedienschutz dominierenden Risiken der Gewalt-, Horror- und Sex-Darstellungen in Medien gibt es weiterhin, und sie sind digital viel leichter zugänglich; aber sie rücken in den Hintergrund angesichts neuer Herausforderungen.
Medien bringen über versteckte kommerzielle Inhalte möglicherweise Lebenswelt-Konstellationen in Gefahr. Medien verstärken einseitig problematische Rollenbilder (= sozialethische Desorientierung). Noch immer dominieren Männlichkeitsklischees ebenso wie sexualisierte Frauenklischees weite Medienbereiche (z.B. im Sport). Medien verstärken mit dem Phänomen der sog. Echokammern bzw. Filterbubbles problematische Körperbilder. Da wir uns über Social Media aktiv zumeist in einer „Glocke“ der Bestätigungen bewegen, ist das Risiko entweder vorprogrammiert oder eher gering: Wenn ein Mädchen eine Neigung zu einem falschen Körperbild in Verbindung mit gestörtem Essverhalten hat, dann wird es dazu viel Verstärkung und Bestätigung in Pro-Ana-Foren im Netz finden. Und wer anfängt, sich als neugieriger und unsicherer Jugendlicher in rechtsradikalen oder auch salafistischen Netzszenen zu orientieren, kann in einen Sog geraten. Als Content sind solche Angebote kaum zu unterbinden, aber sie bilden für Heranwachsende je nach Ich-Stärke deutliche Kommunikationsrisiken.
Kontakt-Risiken gibt es vor allem für Kinder und unerfahrene Jugendliche. Auch hier gibt es vermutlich Zusammenhänge zwischen Ich-Stärke und familiären Bindungen: Je lockerer, unverbindlicher oder problematischer die Familienbeziehungen der Heranwachsenden, desto größer die Gefahr. Hier greifen Kontrolle und Verbote nicht, sondern nur pädagogische Beziehung und Begleitung.
Riskantes aktives Verhalten: Kinder, aber vor allem Jugendliche können allerlei Unfug bis hin zu unsozialen bis illegalen Dingen mit dem Smartphone anstellen wie etwa illegale Veröffentlichungen von Personenfotos, Cybermobbing, unreflektiertes Sexting… Ausprobieren gehört zum Jugendalter wie die Notwendigkeit von Grenzen. Die Gefährdung oder Verletzung (auch die psychische) eines anderen Menschen ist eine klare Grenze, die Heranwachsende lernen müssen. Diese Grenze galt schon immer und auch das Risiko gab es schon immer. Allerdings müssen wir alle begreifen, dass durch die Digitalisierung die Folgen teils drastischer und zeitlich und räumlich viel weniger zu kontrollieren und einzuschränken sind.
Riskantes passives Verhalten: Auch wenn man offensichtlich nichts zu verbergen hat, nichts Verletzendes oder Illegales mit digitalen Medien tut, bedeutet das Verhalten in digitalen Welten per se ein Risiko, mit dem Menschen vorausschauend umgehen müssen. Das betrifft beispielsweise den Aspekt des digitalen Gedächtnisses. Wir brauchen gegenüber den kommerziellen Datenkraken ein klares Recht auf Löschung personenbezogener Daten (vgl. EU-Datenschutzgrundverordnung). Das Recht der „informationellen Selbstbestimmung“ klingt für viele Menschen sehr ideal und weit weg, ist aber elementar.
Inter-esse und (Selbst-)Kontrolle
Die Forschungen um Widerstandsfähigkeit und Ich-Stärke (Resilienz) von Kindern und um Bindungstheorien weisen deutlich auf zwei Grundtatsachen hin, die bei der Medienbeziehung ernst genommen werden sollten: starke Kinder und interessierte Eltern, die Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Kinder haben.

Familie ist der erste und zentrale Raum der Medienerfahrung junger Menschen. Aber sowohl die Formen des „Systems“ Familie als auch Medienangebote und -nutzungsweisen haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert. Die durchschnittliche Anzahl der (präsenten) Eltern und Kinder pro Familie hat in den letzten Jahrzehnten abgenommen, die Zahl der Mediengeräte deutlich zugenommen. Die Medien-Ausstattung von Familien mit Kindern ist in Deutschland gut4, weil Kinder das einfordern und Eltern ihnen Chancen öffnen wollen. Medien sind nicht mehr „heimliche“ Miterzieher, sondern normale (Selbst-)
Sozialisationsagenten. Es ist wichtig, „als Familie ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, welche Rolle man den unterschiedlichen Medien im Familienalltag zugesteht, welche Regeln und Vereinbarungen gelten, welche Plattformen und Dienste man innerhalb der Familie nutzt und wie man miteinander kommuniziert“.5
Digitale Medien wie das Smartphone bieten sogenannten „Helikopter“-Eltern Möglichkeiten nahezu perfekter Kontrolle. Aber auch auf einer tieferen Ebene ist die permanente Erreichbarkeit von Kindern und Jugendlichen eine Bürde für eine selbstständige Persönlichkeitsentwicklung. Ich habe früher aus dem 14-tägigen Zeltlager allenfalls eine Postkarte nach Hause geschrieben. Heute müssen und wollen sich die Kinder täglich melden und Fotos schicken. Auch wenn wir die digitalen Tracking-Funktionen häufig gar nicht als Kontrolle empfinden, sie sind es faktisch. In pädagogischen Beziehungen gilt das übrigens für beide Seiten. Auch Kinder haben ein Recht auf „informationelle Selbstbestimmung“ und sollten mitbestimmen, welchem digitalen Tracking sie ausgesetzt sind.
Zu den Risiken zählen auch so etwas wie ein Kontrollverlust. Mit den digitalen Medien sind Kommunikation und Unterhaltung jederzeit und an allen Orten verfügbar. Menschen müssen keine Langeweile (oder Mußezeit) mehr ertragen und nicht mehr mit sich allein sein. Viele Menschen spüren es (noch) nicht, dass ständige Erreichbarkeit eher ein Fluch als ein Segen ist. Einsamkeit und Zweisamkeit sind grundlegende menschliche Erfahrungen, die das Smartphone gefährden kann. Wenn ein Vater oder eine Mutter in trauter Zweisamkeit mit ihrem Kind häufiger dem Smartphone den Vorzug geben – und sei es auch nur kurz und aus nachvollziehbaren Gründen –, dann lernt ein Kind daraus und das Elternverhalten geht mit einem kleinen Stück Vertrauensverlust beim Kind einher. Und Kinder übernehmen dieses Modell schnell als „normales Verhalten“.
Kinder und Jugendlichen sind entwicklungsbedingt anfälliger für Reize und Ablenkungen, und sie können sich schwerer auf eine Sache konzentrieren. Digitale Medien bieten ständig Beschäftigungsalternativen und sofortige Belohnung. Hausaufgaben oder konzentrierte Arbeit an einer Sache haben es dagegen schwer. Den Griff zum Smartphone kann man bei jungen Menschen in zwei Situationen beobachten: Das gerade Angebotene ist nicht mehr interessant oder relevant genug oder es wird zu schwierig und unverständlich.
Sich für eine verzögert erst später anstehende Belohnung anzustrengen, ist eine wichtige Gehirnfunktion des Erwachsenseins. Je mehr dies ausbleibt, desto langsamer entwickelt sich angeblich der Frontalkortex, der für Frustrationstoleranz und Zielstrebigkeit zuständig ist. Bei Vielspielern ist beispielsweise das Belohnungszentrum im Gehirn vergrößert. Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke schließt daraus: „Begrenzungen sind wichtig. Erst recht bei Kindern und Jugendlichen zwischen 11 und 14 Jahren, deren Gehirn gerade total umgebaut wird. Sie sind von ihrer Hirnentwicklung her gar nicht in der Lage, sich selbst effektiv zu begrenzen, darum müssen Eltern quasi den fehlenden Frontalkortex, das Stirnhirn, ‚ersetzen‘, bis dieses ausgereift ist. Das ist Erziehung.“6
Letztendlich ist mit einer durchgreifenden Mediatisierung eine riskante Veränderung des Lebenssinnes verbunden: Wir lassen uns zu Kunden, Verbrauchern und Konsumenten reduzieren, deren Lebensinhalt die Qual der Wahl ist – und selbst die wird noch durch individuelle Empfehlungen der Algorithmen vorstrukturiert.
(Medien)Erziehung als Beziehung
Alexa, Siri und viele weitere Entwicklungen machen digitale Medien immer persönlicher und menschlicher. Erziehung als Beziehung betont den Vorrang der Menschen vor den Medien, auch den Vorrang des direkt-personalen Kontaktes vor der digitalen Vernetzung. Digitalisierung wird vielfältig als Chance ergriffen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Deshalb werden Kinder früh mit einem Smartphone ausgestattet. Aber wie und von welchen „Modellen“ lernen sie die nötige Selbst-Kontrolle in der Beziehung zu diesem Gerät? Heranwachsende mögen oberflächlich gesehen fitter im Umgang mit digitalen Medien sein. Das nehmen vor allem viele Jugendliche für sich in Anspruch. Diese Kompetenz bringen sie in die Interaktion mit Erziehenden ein, wenn sie denn gefragt werden. Digitale Medien haben scheinbar Vorzüge gegenüber Erziehenden: Sie haben mehr Geduld, zeigen allenfalls kontrolliert Emotionen, haben keine eigenen Interessen, hören zu und reagieren. Können solche „Tugenden“ Maschinen menschlicher machen? Oder sollten erziehende Menschen gerade diese Tugenden zurückgewinnen, denn Kinder brauchen authentische und ehrliche Menschen-Beziehungen und nicht (nur) Medienbeziehungen.