Kinderwelten – Medienwelten. Wie passt das zusammen? Wie gehört das zusammen? Reflektieren Medien, die Kinderwelten darstellen, Realität oder formulieren sie eigene künstlerische Konstrukte von Kindheit, spiegeln sie Wirklichkeit oder schaffen sie fiktionale Kinder- und Kindheitsbilder, die auf die Realität von Kinderwelten zurückwirken? Um diese Fragestellungen geht es in dem folgenden Beitrag, der sich zunächst mit der historischen Entwicklung der sozialen Konstruktion von Kindheit und dann den Kinderwelten im Spiegel von Kinder- und Familienfilmen beschäftigt.
Kindheit ist Arbeit!
Heute ist Kindheit Arbeit. Gemeint ist natürlich nicht „Kinderarbeit“ im traditionellen Sinne wie es sie in den Manufakturen des 18. Jahrhunderts und im beginnenden Industriezeitalter im 19. Jahrhundert gab. Damals galten Kinder zwar nicht mehr als „kleine Erwachsene“ wie noch im Frühmittelalter, wo die kleinen jungen Menschen mit den großen Alten zusammenlebten, ihnen aber beim Heranwachsen kaum Hilfe zuteil wurde. Kindheit damals bestand besonders für die Mitglieder der unteren Schichten aus harter körperlicher Arbeit. Gelernt wurde von den Erwachsenen.
Erst ab dem Spätmittelalter (14. Jhd.) wurden Kinder – wie Philippe Ariès in seiner „Geschichte der Kindheit“1 zu zeigen vermag – als eigenständige Menschen mit spezifischen Wesensmerkmalen entdeckt, die jedoch noch nicht „fertig“ seien und der Erziehung bedürfen. Es waren Erwachsene, die hier definierten, welche Wege Kinder zu gehen hatten, so zählte zu diesen von Erwachsenen gesteuerten und kontrollierten Kinderwelten schon sehr bald die schwere Arbeit von Kindern in den Manufakturen, schließlich in den Fabriken des 19. Jahrhunderts. Die Arbeitskraft der Kinder wurde gebraucht, um den Verdienst der Familie sicherzustellen, die sich anderseits seit dem 14. Jahrhundert schützend um ihre Kinder zu gruppieren begann.
1890/91 wurde die Kinderarbeit im Deutschen Reich per Gesetz aufgehoben. Auch das klassische „Lehrverhältnis“ zwischen Kindern und Erwachsenen wurde durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht endgültig aufgelöst. Obwohl die Standesunterschiede zwischen arm und reich, Bürger- und Arbeiterfamilien sich deutlich im Schulsystem abzeichneten, wurde das eindeutige Bildungsprivileg von Klerus, Adel und – nach den bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts – auch der großbürgerlichen Schichten durchbrochen. Das Wirtschaftssystem benötigte gut ausgebildete Fachkräfte aus den nachwachsenden Generationen, um zu expandieren und sich stets zu modernisieren.
Kindheit: Missbrauch und Rebellion
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich schließlich die moderne Vorstellung des Kindes als Individuum, das nicht allein in eine von Erwachsenen-Normen bestimmte Welt hinein sozialisiert werde. Seine Gefühlswelten, Phantasien, Wünsche und auch ganz anderen eigenen Weltsichten wurden nun von den Erwachsenen ernst genommen, zumal die Welt der Kinder deren eigene ungemein bereichern konnte. Die Auffassung, Kindheit als eigenständige Lebensphase zu akzeptieren und in gewissem Rahmen als „Schonraum“ zu schützen, entwickelte sich nicht naturwüchsig, sondern wurde durch die Kinder- und Jugendbewegungen etwa in den 1920er Jahren in der Weimarer Republik durch eine klare Frontstellung gegenüber der Erwachsenenwelt erkämpft.
Die mythische Überspitzung der Souveränität eigener Kinder- und Jugendwelten wurde nach 1933 von den Nationalsozialisten eiskalt aufgegriffen und forciert, um zwischen Kinder und Jugendliche, die Mitglieder in der NS-Jugendorganisation „Hitlerjugend“ waren, und ihrem Elternhaus einen Keil zu treiben. Dies geschah, um aus der „Hitlerjugend“ eine Staatsjugend zu formen, in der schließlich alle Kinder und Jugendliche in Deutschland im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie des Staates erzogen werden sollten – eine Erziehung zu Rassismus und Krieg, die nicht wenigen dieser Generation im Zweiten Weltkrieg das Leben kosten sollte.
Die staatseigene Jugendorganisation der DDR, die „Freie Deutsche Jugend“ (FDJ), vermittelte demgegenüber Kindern und Jugendlichen humanistische Grundüberzeugungen für ihre Sicht auf die Welt. Sie blieb aber als Staatsjugendorganisation der Vision von Diktaturen treu, den gesamten Nachwuchs ihres Staates im Sinne der eigenen Ideologie ausbilden zu wollen.
Die Kinder- und Jugendwelten in den westlich-kapitalistischen Ländern entwickelten sich dagegen besonders in den 1960er und 1970er Jahren im Kontext anti-autoritärer Rebellionsbewegungen. Familiäre Konflikte zwischen den Generationen, verbunden mit der Frage der Heranwachsenden an die Eltern, was sie denn in der Nazizeit und im Krieg getan bzw. nicht getan haben, brachten eine gesellschaftliche Auseinandersetzung in Gang, die in der Bundesrepublik einen Modernisierungsschub auslöste, mehr Demokratie zu wagen.
Kinder mit Erwachsenenängsten
Heute gehen Eltern mit Heranwachsenden und diese mit den Eltern zumeist gelassener um. Die Erwachsenen begleiten Kinder als Partner beim Aufwachsen. Sie sehen Kinder nicht mehr als ihr „Eigentum“ an, das sie „erziehen“ müssen2 sondern als Subjekte, als Akteure in eigenen Lebenswelten, aus denen Kinder eigenständige Aneignungen von Welt ableiten – Welterkenntnisse, die auch die Eltern annehmen und bereichern können.
Doch selbst wenn diese Partnerschaft zwischen Kindern und Eltern in der Familie heute nichts mehr gemein hat mit dem „blinden“ Nebeneinander-her-Leben von Kindern und Erwachsenen in der harten, für Erwachsene geschaffenen und von ihnen bestimmten agrarischen Realität des Frühmittelalters, so ist doch auch die heutige Kindheit harte Arbeit. Sie bedeutet Beziehungsarbeit für die Erwachsenen, aber ebenso für die Kinder, die in der Partnerschaft nicht nur „Schonraum“ für Phantasie und eigene körperliche und geistige Entwicklung finden, sondern sowohl in der klassischen Klein-, wie auch in der Patchwork-Familie oder mit nur einem Elternteil Erziehungs- und Sozialisationsprozesse aktiv mitgestalten. Das Gelingen solch stärker gleichberechtigter Eltern-Kind-Beziehungen setzt spezifische soziale Umstände voraus wie ein verlässliches häusliches Umfeld, stabile Eingebundenheit von Vater und/oder Mutter in das Erwerbsleben sowie die Sicherstellung von Betreuung, vielfältige Anregungen für den Prozess der Entwicklung und Entfaltung der kindlichen Persönlichkeit und damit verbunden das Vertrautmachen und Vertrautwerden der Umwelt, schließlich die Wahrung des Rechts von Kindern auf eine eigene Meinung sowie dem Ernstnehmen ihrer Bedürfnisse.
Was Kinderforscher3 beschreiben, ist ein Idealzustand, der mit der Realität aktueller Kindheit oftmals nicht übereinstimmt, wodurch sogleich die negativen Seiten moderner Kind/Eltern-Partnerschaft zutage treten: Viele Kinder sind schon früh mit den Problemen der Erwachsenen konfrontiert. Kinderstudien sprechen da eine klare statistische Sprache. Immer mehr Kinder in Deutschland haben „Erwachsenenängste“. Die Studien, wie die World Vision Kinderstudie 2007, attestieren, das durchweg 50 % der Kinder Angst vor Armut haben und bis zu 40 % treibt die Angst vor Arbeitslosigkeit der Eltern um. Wenn die Eltern sozial und psychisch unter Druck geraten, geraten auch die Kinder unter Druck.4
Realitätsflucht mit Handlungsanweisung
Vor diesem Hintergrund der historischen Entwicklung sozialer Konstruktionen von Kindheit ist es nicht verwunderlich, dass Kinder in symbolischen Medienwelten in erster Linie diejenigen Angebote wahrnahmen und wahrnehmen, die auch die Erwachsenen bevorzugen, um der manchmal nicht einfachen, sogar höchst kompliziert gewordenen Realität zu entfliehen: Unterhaltung, Spannung, Action, Humor.
Heute nutzen sie die audiovisuellen Kernmedien Kino, Fernsehen und Internet. In früheren Zeiten waren es vor allem Märchen- und Fantasygeschichten, zuerst mündlich überliefert, dann von den Gebrüdern Grimm u. a. aufgeschrieben und literarisch verbreitet, die die Unterhaltungsbedürfnisse von Heranwachsenden in symbolischen erzählerischen Welten zugleich mit moralischen Handlungsanweisungen für die Welt verbanden.
Dass auch das Kino für Kinder von Anbeginn des 20. Jahrhunderts an durch Märchen- und Fantasy-Stoffe mitgeprägt wurde, dürfte da nicht weiter verwundern. Angefangen von Paul Wegeners Rübezahls Hochzeit (1916) über Lotte Reinigers Scherenschnittfilm Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926) bis hin zu Wolfgang Staudtes Kinderfilm Die Geschichte vom Kleinen Muck (1953) spielten Märchenstoffe über viele Jahrzehnte hinweg eine zentrale Rolle im Kino für Kinder. Erzählquellen sind dabei neben den Grimmschen Märchen besonders Motive aus arabischen Märchen, etwa bei Lotte Reinigers Achmed-Film die „Geschichten aus Tausendundeiner Nacht“, bei Staudtes Kleiner Muck die durch arabische Märchen inspirierte Geschichte von Wilhelm Hauff.
Unterhaltungsbedürfnisse ernst nehmen!
Die Frage nach dem Verhältnis von Wissensvermittlung und Entertainment für Kinder und Jugendliche stellte sich am Beginn der 1950er Jahre nochmals neu, als das „Kinderfernsehen“ in der Bundesrepublik Deutschland unter den Bedingungen der „Re-Education“ des deutschen Volkes durch die Westmächte nach der Katastrophe der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs eingeführt wurde. Der Erziehungsauftrag stand viele Jahre im Zentrum der Programm- und Formatentwicklung auch für das westdeutsche Kinderfernsehen. Schon die erste regelmäßige Kindersendung, die Kinderstunde mit Dr. Ilse Obrig, sollte in erster Linie lehrsam für das kindliche TV-Publikum sein. Ab 1956 gab es dann u. a. Tier- und Naturfilme, aber auch Reisedokumentationen für Kinder im Programm zu sehen. Lehrreiche Elemente, die kindgerechte Präsentation von wissenschaftlichen Erkenntnissen, verband sich mit unterhaltenden Elementen. Doch auch im Kinderprogramm hatten schon früh die Sendungen großen Zuspruch, die unterhaltsam, actionreich, humorvoll waren und Abenteuer versprachen wie etwa die Umsetzung der Kindergeschichten von Michael Ende für das Marionettentheater der Augsburger Puppenkiste.
Der von ARD und ZDF in Erfurt ab 1997 aufgebaute KINDERKANAL versuchte, unterhaltende und lehrreiche Elemente sowohl im Mix der Programmbausteine (z. B. Wissen mach AH!, Kurz + Klick, Checker Can, Schloss Einstein, Biene Maja) wie innerhalb der Entwicklung einzelner Formate (z. B. krimi.de, Löwenzahn) zu verbinden. Der öffentlich-rechtliche KINDERKANAL (heute: KiKA) war die Antwort von ARD und ZDF auf die Herausforderung durch die privaten Kanäle im Bereich der Kinder- und Jugendprogramme, besonders auf die Etablierung von SUPER RTL. Mit seinem speziell auf Kinder und Jugendliche ausgerichteten Unterhaltungsprogramm ist der bereits 1995 gestartete Sender bis heute Marktführer im Publikumssegment der Kinder und Jugendlichen geblieben.
Dieser Befund bestätigt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zu lange die Unterhaltungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nicht wirklich ernst genommen haben, jetzt allerdings durch die qualitativ hochwertige Mischung aus Wissen und Unterhaltung im KINDERKANAL auf Aufholjagd sind.
Verzicht auf Gegenwartsbezug
Auch im aktuellen deutschsprachigen Kino für Kinder und Jugendliche überwiegen die Unterhaltungsangebote. Hermine Huntgeburths aufwändiger Film Tom Sawyer aus dem Jahre 2011, Neuverfilmung des Jugendbuchs „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain, entführt sein Publikum in eine pittoreske Mississippi-Idylle, Made in Germany. Dort lassen Regisseurin Huntgeburth und Drehbuchautor Sascha Arango Tom und Huck amüsante wie absurde Streiche erleben. Schließlich werden sie Zeugen eines Mordes, den sie trotz großer Angst vor dem Mörder aufklären müssen. Das historisches Abenteuer besticht nicht nur durch seine Werktreue, sondern auch durch das detailgenaue Kostümbild und Produktionsdesign sowie durch das warme „Southern Comfort“-Licht, in das die Regisseurin die Szenerie ihres Films taucht und das den Zuschauer animiert, mitzugehen auf eine Reise in die Vergangenheit des Wilden Westens mit liebenswerten Charakteren und bösen Buben. Der Verzicht auf Gegenwartsbezüge unterstreicht den Unterhaltungswert des historischen Abenteuerfilms für ein junges Publikum, den Hermine Huntgeburth zu schaffen beabsichtigte.
Ein Echo auf reale Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen baut Regisseurin Julia von Heinz in ihre Fortsetzung der Verfilmungen von Enid Blytons „Hanni & Nanni“-Romane ein, indem sie die Internatsabenteuer der Titelheldinnen in Hanni & Nanni 2, 2012 aktuell im Kino, mit der Geschichte einer Ehekrise der Sullivans garniert. Doch überwiegt auch hier der Unterhaltungseffekt des Films, Wortwitz, Slapstick und die jugendgerecht eingebaute Krimidramatik einer Entführungsgeschichte. Damit bedienen die Macher von Hanni & Nanni 2 einen Trend der Repräsentanz von Kinder- und Jugendwelten in der Medienwelt des Kinos, der in gesamtdeutschen Kinderfilmen seit Beginn des 21. Jahrhunderts wie etwa in Emil und die Detektive seinen Anfang nahm.
Partner der Erwachsenen
In der Neuverfilmung des gleichnamigen Romans von Erich Kästner durch Regisseurin Franziska Buch aus dem Jahre 2001 ist auch Titelheld Emil zu Beginn des Films in schwierige Familienverhältnisse mit arbeitslosem Vater im ostdeutschen Nachwende-Deutschland verstrickt; Pony Hütchen, die Emil in Berlin bei der Diebesjagd trifft, hat Eltern, die sich nur noch streiten, und die zerstreut-chaotische Pastorin Hummel, bei der Emil eigentlich in Berlin unterkommen soll, ist alleinerziehend und braucht ihren Sohn Gustav, um ihre Tagestermine auf die Reihe zu bekommen. Diese Bezüge zur realen Lebenssituation von Kindern in komplizierten Familienstrukturen werden aber auch in Emil und die Detektive en passant miterzählt; es dominieren die Unterhaltungswerte des Diebes- und Verfolgungsplots.
Doch während gerade in diesen Szenen in der berühmten Verfilmung des Kästner-Stoffs aus dem Jahre 1931 auf Basis des Drehbuchs von Billy Wilder Regisseur Gerhard Lamprecht Emils Jagd nach dem Dieb durch Berlin als wachsendes Kinder-Kollektiv zeigt und – in klarer Frontstellung zur Welt der Erwachsenen – einen Mythos von eigenständiger „Kinderöffentlichkeit“ lustvoll zelebriert, zeigt Regisseurin Buch in der Verfilmung aus dem 21. Jahrhundert zwar auch die wachsende Kinderschar, die den bösen Dieb, der Emil bestohlen hatte, durch Berlin verfolgt. Doch seine Überführung machen die Kinder nicht allein wie im Film von 1931 sondern im Verbund mit Pastorin Hummel, einer Erwachsenen.
Damit markiert die aktuellste Neuverfilmung des klassischen Kästner-Stoffs in symbolischer Erzählung die Veränderungen realer Kinderwelten, in denen Kinder und Jugendliche heute eher partnerschaftlich mit den Erwachsenen Probleme lösen, nicht in Frontstellung gegen sie.
Kinder unter Druck
Und auch die Motivation, allein und im Kollektiv der Kinder gegen den Dieb vorzugehen, ist in der die reale Kinderwelt des Jahres 1931 reflektierenden Filmwelt eine andere als 70 Jahre später in Buchs Verfilmung von 2001. Damals gaben Lamprecht und Wilder dem Zeitgeist der Weimarer Republik und ihrer Jugendbewegungen Zucker, feierten das „Kinder-Kollektiv“ und verbreiteten die Botschaft: „Kinder an die Macht!“.
Im Film von 2001 sind die Berliner Kids, die Emil trifft, mehr oder weniger auf sich allein gestellt, nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen. Heutzutage müssen Kinder Mitverantwortung übernehmen, um das Familienleben teilweise sogar für die Erwachsenen mit zu regeln, denn die Eltern oder das übrig gebliebene Elternteil oder die Erwachsenen in der Patchwork-Familie sind gerade oder immerzu damit beschäftigt, ihre eigenen massiven Erwachsenenproblemen zu lösen.
Doch diese realistischen Schilderungen von Kinderalltag bleiben im modernen deutschen Kinder- und Familienfilm meist Randbemerkungen der Erzählung, deren Mainstream den Unterhaltungseffekt strikt im Auge behält. Dieses Realismus-Defizit führt nicht selten zu Verstimmungen bei der deutschen Filmkritik. So war über die von Julia von Heinz inszenierte Verfilmung Hanni & Nanni zu lesen, „Friede, Freude, Eierkuchen dominieren. (…) Letztlich aber ist der weichgezeichnete Teeniespaß eine durch peppige Musiknummern aufgelockerte Aneinanderreihung von netten Sketchen, mit viel Wortwitz vorgetragen vom nahezu identischen Schauspiel-Ensemble des ersten Teils.“5 Doch auch solchen Kritikern mag gesagt sein: Bitte nehmt das Unterhaltungsbedürfnis von Kindern und Jugendlichen ernst!
Mehr Realismus wagen!
Von der heutigen Kindheit als Arbeit, von der nicht immer harmonisch und reibungslos verlaufenden Beziehungsarbeit zwischen Kindern und Jugendlichen untereinander und ihrem Verhältnis zu den Erwachsenen, erzählt das deutschsprachige Kino für Kinder, Jugendliche und Familien kaum.
Wer realistische zeitgenössische Schilderungen aktueller Kinderwelten sehen will, muss aufs Kinderfestival der Berlinale gehen oder das Kinder- und Jugendprogramm der Nordischen Filmtage in Lübeck alljährlich anschauen. Dort machen die Filmemacher aus Skandinavien seit Jahrzehnten vor, wie man die Welt von Kindern und Jugendlichen in der filmischen Erzählung ernst nehmen und zugleich unterhaltsames und spannendes Kino für die ganze Familie produzieren kann.
Selbst US-Regisseur Spike Jonze ist dies mit Wo die wilden Kerle wohnen, seiner ungewöhnlichen Verfilmung des gleichnamigen Kinderbilderbuches vom kürzlich verstorbenen Maurice Sendak im Mainstream des Hollywoodkinos gelungen.
Eindringlich charakterisiert er seine Hauptfigur, den neunjährigen Jungen Max, der mit einem schwierigen Lebensumfeld konfrontiert ist. Max muss mit einer alleinerziehenden Mutter zurechtkommen, die zwar einerseits liebevoll ist, aber andererseits beruflich selbst stark unter Druck steht und die Phantasie ihres Sohnes für die eigene Arbeit anzapft. Der Vater ist fort. Er fehlt dem Jungen. Und die pubertierende Schwester ist mehr mit ihrer Clique beschäftigt, sieht sich nicht mehr als Spielkameradin ihres Bruders. So steht Max unter Druck, muss weitgehend allein mit allem fertig werden. Er reagiert mit Wut und Krawallmacherei, aber auch mit Phantasie und kanalisiert seine Hyper-Energie in konstruktive Bautätigkeit. Doch an dem Iglu, das Max baut, entzündet sich der Familienkonflikt, der in der Anfangssequenz des Films entfaltet wird. Schließlich flieht Max in ein Märchenland, das von Zottelmonstern bewohnt wird, die ebenso wilde Kerle sind wie er selbst und ihn, den Seelenverwandten, zu ihrem König machen. Hieraus entfaltet sich eine phantastische, aus Puppenspiel und Computertechnik geborene Parallelwelt zu Max’ Familien- und Schulrealität, in der er alle Probleme, die dort thematisiert wurden, nun in den Abenteuern mit den „wilden Kerlen“ auf der Ebene von Märchen & Fantasy durchleben kann und dabei besonders in den Konflikten mit seiner Parallelfigur, dem trotzigen Carol, zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen über sein eigenes Verhalten kommt.
Regisseur Spike Jonze gelingt der seltene Spagat zwischen Realismus und Fantasy. Hier wird die Fantasy zum Ort der Erkenntnis, die Max hilft, die zuvor realistisch dargestellten Probleme und Lebenssituationen am Ende ein wenig glücklicher für ihn und seine Familie aufzulösen.
Doch seitdem der Deutsche Filmpreis für den „Besten Kinderfilm“ im Jahr 2012 an den Film Wintertochter von Johannes Schmidt verliehen wurde, besteht die Hoffnung, dass sich auch in der deutschen Kino- und Fernsehlandschaft realistische Kinderfilme, auch auf der Grundlage von Originalstoffen, wieder den Platz und Stellenwert zurückerobern können, den dieses Subgenre im westdeutschen Kino etwa mit den Kinder- und Jugendfilmen Hark Bohms wie Nordsee ist Mordsee (1976) in den 1970er und 1980er Jahren im „Jungen Deutschen Kinderfilm“6 schon einmal innehatte.